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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1896-05-22 · Heft 21 (22.5.1896) · p. [Seite]

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
60 (1896)
Issue
Heft 21 (22.5.1896)
Date
1896-05-22
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
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60. Jahrgang. Ar. 21. Berlin. 22. Mai 1896. Gin unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. Diese Zeitung erscheint w ö ch e n t l i ch. Abonnements-Preis.- Durch Buchhandel, Postoder direkt von der Expedition in Berlin unter Streifband bezogen vierteljährl. 3 M. Redacteur: Gustav K arpeles. Begründet von Nabliiner Dr Ludwig Plhilippson-Konn Verlags-Drpeditwn : Leriln, Icruialemerstr. 48/49 Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition sind an die Adresse: Verlag der .Allgem. Zeitung deS Judenthums*, Berlin SW., Jerusalemer Straße 48/49 zu richten. Verlag von Rudolf Masse, Berlins Änhttlt. Lettartikelr Die Lage der jüdischen Lehrer. — Die Woche. — Das neue Lehrlingsheim in Pankow. — Das Werk der ersten ordentlichen Tagung der badischen Synode. Von Reg.-Raih Dr./Mayer. — Getaufte Juden im neunzehnten Jahrhundert, ttl. Von Dt. N. Samter. — Leon Gordon nnd seine Poesie. Von Baron David v. Günzburg. — FeuMeton: Jüdische Atärchen: Der unsterbliche Rabbi. — AnIdie Abtrünnigen. Von Adolf Frey ha n — Litterarlsche Mitcheilmraen^ — Sprechsaal. Der Gemeindebote. Korrespondenzen und Nachrichten: Berlin. Samotschin. Jnowrazlaw. .Gleiwitz, Bernstadt. Hannover. Gleicherwiesen. Leipzig, Aus Kurhessen. Wien. Paris. London. Bradford. — Bon Nah und Fern. — Miseellen. Die Lage der jüdischen Lehrer. Berlin, 20. Mai. i.e Tagesblätter brachten in der^vorigen Woche folgende Notiz: - „In der Synagoge zu Diepholz hat sich in der Nacht vom 9. auf den 10. d. Mts. der jüdische Lehrer Höxter erschossen. Als Beweggründe gelten Nahrungssorgen und ein schlechtes Verhältniß zur Gemeinde." Diese Nachricht ist ein trauriges Präludium zu den Anregungen, die wir heute gebeil wollten-. Aber sie spricht beredter als Engelszüugen. Die materielle Lage der Lehrer ist ja jetzt ein vielbeliebter Untechaltungsstoff und'mit einem Gefühl leicht erklärlicher Wehumth werden die jüdischen. Lehrer den Bericht über die Sitzung des Abgeordnetenhauses vom 11. d. Mts. gelesen haben. Eiile geradezu freudige Begeisterung erfüllte alle Parteien, die Stimmung war förmlich eine gehobene', und alle Redner sprachen sich einmnthig dafür aus, dass die materielle Stellung - .der Lehrer so rasch wie möglich verbessert werden müsse. Wenn in unseren Gemeinden auch nur ein Hauch von der Stimmung zu verspüren wäre, welche das preußische Abgeordnetenhalls an jenem Tage erfüllt hat, so würde es auch um die Lage des jüdischen Lehrerstandes bald besser bestellt sein. Es bleibt deshalb. eine der wichtigsten Aufgaben unserer Preffe, immer und immer wieder die Aufmerksamkeit auf die Mißstände zu lenken, welche in dieser Beziehung in unseren- Kreiselt herrschen. Und dies muss solange geschehen, bis eine Besserung eintritt. Der größte Missstand ist. der, daß so viele jüdische Lehrer noch immer kein.standesgemäßes Ein kom inen haben. Es .gilt dies natürlich im Wesentlichen nur von beir kleinen Gemeinden, denn in den größeren bietet sich ja mancherlei Veranlassung zu Nebeneinkünftell. Aber gerade in den kleineren Gemeinden ist der Lehrer ja eine viel wichtigere Persönlichkeit. Hier ist er meist der Träger des gesummten religiösen und geistigen Lebens., Einer solcheil wichtigen und verantwortulMvollen Stellung ' entspricht aber der Gehalt, den er in solcher bezieht, llur in den seltensten Fälleil. Man staunt, wenn man in. jüdischen Zeitungen die Vakanzenliste dlirchgeht, darüber, lvus hie ü und da von einem Lehrer verlangt und im Gegensätze hierzu ihm ,dafür geboten wird. Allerdings ist die Lage der kleinen Gemeinden Ju dieser Beziehung eine sehr traurige, und die Greilzell ihrer Leisülngs- /fähigkelt sind eng gezogen. Aber, im Dlirchschnitt könnten auch die meistell kleineren Gemeinden etwas mehr für ihre Lehrer thun. Und da, wo dies in der That nicht möglich, müßte von anderer Seite ' Hilfe gebracht werden. Wir zweifeln gar nicht daran, daß eine solche H Hilfskasse, wenn sie von maßgebellder Seite und mit energischer ^Propaganda ins Leben gerufen, sicher bald über die Mittel verfügen würde, um den Gemeinden, welche ilicht in der Lage sind, ihren Lehrer auskömmlich zu besolden, Hilfe zu bringen. Es dürfte keine 'Gemeinde in Deutschland geben, und sei sie noch so klein, die nicht iein bestimmtes Minimum jährlich aufzubringenhätte. Das ist wahrlich keine übertriebene Forderung, aber mall würde staunen, wenn man an der Hand der Statistik darüber eiile Ellguete veranstalten wollte/wie viele Gemeinden in Deutschland ihrem Lehrer nicht einmal 'ein solches Gehaltsminimum bewilligen. n In Verbindung damit steht eine zweite Frage, die nicht minder Dringende Erledigung heischt. .Das ist die Frage der definitiven Anstellung. Aber Hier kann unseren Lehrern nur die Regierung Hilfe briilgeli, und sie wird es thun, weil es ja in ihrem Prinzip lieg! und liegen muß, die Lage der Lehrer, gleichviel welcher Konfession sie allgehören, zu verbessern. Die Bemühungen, diesen Punkt überall gesetzlich zu regeln, würden jetzt vielleicht guten Erfolg Haben. ^Es müßte aber auch darauf die Aufmerksamkeit gelenkt werden, daß den Lehrern bei ihrer definitiven Anstellung, nach einer bestinnnten Dienstzeit, die Aussicht auf Gehaltserhöhung gesetzlich gewährleistet werde. Ist die Lage des. jüdischen Lehrers in der Zeit seiner vollen Wirksamkeit in den meisten klemm Gemeinden eine recht schwere, so wird sie in seinem arbeitsunfähigen Alter gar oft eine sehr traurige. Und sein Tod ist für die HinterbliebeneFamilie in den meisten Fällen eine Katastrophe. Wehnlüthig fragt man sich angesichts solcher Katastrophen mit dem alten Weisen : „Ist das die Thora? Ist das ihr Lohn?" Hier muß vor allem Wandel geschaffen werden, fe müßte sich jede Gemeinde, auch die kleinste, zur Ehrenpflicht ani rechnen, ihrem Lehrer bei seiner Emeritirnng eine angemessene Pensioll und im Falle des Absterbens seinen Hinterbliebenen eine angemessene ' Versorgung zu Theil werden zu, lassen. . Freilich wäre es besser, wenn auch, diese Verhältnisse, ebenso wie die definitive Anstellung, gesetzlich fixirt würden. 'Man säge nicht, dass dies ideale Förderungen seien, -. Wenn unsere Lehrer in ganz Deutschland sich über die Art des Vorgehens und in den wichtigsten Hauptfragen einigen könnten, so lvürden sie r>hue Zweifel manches. schon .jetzt und alles mit der. Zeit erreichen

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