Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 60 (1896)
- Issue
- Heft 20 (15.5.1896)
- Date
- 1896-05-15
- Page
- Seite 3 (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3224737-3228148-3228169--52813-3258456- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
- Jever 1× ep/1047966
OCR text
£*5 Hannover, 10. Mai. Die Einladung zu der am 24. und 25. d. M. hier im Saale des Restaurateurs Falk stattfindenden 32. Versammlung des Vereins jüdischer Lehrer in der Provinz Hannover, enthält folgende Tagesordnung: 1. Berichterstattung. 2. Vorstandswahl 3. Bericht über den begründeten Verband. (Referent die Delegirten.) 4. Bericht der in der vorjährigen Versammlung gewählten Lesebuch- Kommission. Referent Lehrer Spanier-Stolzenau.) 5. „Wie must ein Lesebuch für jüdische Schulen beschaffen fein?" (ReferentLehrer Lomnitz- Eldagsen. 6; Auf welche Weise läßt sich am besten und schnellsten die Forderung tz 9o der Satzungen des Verbandes, betr. die lebenslängliche Anstellung sämmtlicher jüdischer Lehrer, ihre Pensionirung und die Versorgung ihrer Hinterbliebenen auf gesetzlichem Wege erfüllen, resp. welche Grundlagen sind zur Herbeiführung dieser Forderung nothwendig". (Referent Lehrer Wertheim-Hann.-Münden). 7. Lehrprobe: „Davids Edelmuth gegen Saul" (in der Mittelstufe) von Lehrer Bach-Hildesheim. 8. Freie Besprechungen. cg] Dresden, 4. Mai. Aus Meran kommt die Kunde, daß dort ein hervorragendes Mitglied unserer Gemeinde, der Generalkonsul a. D. Carl Mankiewicz, gestorben ist. Derselbe war 35 Jahre Theilhaber der auch außerhalb Sachsens bekannten alten Dresdener Bankfirma Elimeyer, außerdem hat er zahlreiche industrielle Unternehmungen in Sachsen mit ins Leben gerufen. Neben seinen vielseitigen Geschäften hatte er noch Zeit, thätig an den mannigfachsten gemeinnützigen und Wohlthätigkeitsbestrebungen mitzuwirken, für die er regelmäßig erhebliche Opfer brächte. Seine Gattin ist die durch ihre hervorragenden Leistungen auf dem Gebiete der Kunststickerei rühmlichst bekannte Frau Henriette Mankiewicz, die Tochter des Verfassers der Ghettogeschichten „Die letzten Juden", I. S. Tauber in Wien. M. .Hildburghausen, 10. Mai. Die hiesige israelitische Gemeinde und die gesammte Lehrerschaft des Herzogthums Meiningen hat einen schweren Verlust erlitten; am 2. Mai er. beschloß ein sanfter Tod das Leben des verdienstvollen Seminar- und Gemeindelehrers Julius Rosenthal hier. Ueber dessen goldenes Dienstjubiläum im Sommer 1892 und die zahlreichen Ehrungen des Jubilars aus dieser Veranlassung hatten Sie vor vier Jahren berichtet. Das Leichenbegängniß, das am 5. er. stattfand, bewies aufs Neue, in welch hohem Ansehen der entschlafene Schulmann gestanden. Denn nicht nur die ganze Gemeinde und die sämmtlichen israelitischen Lehrer des Herzogthums schlossen sich der trauernden Familie des Verewigten an, sondern auch das gesammte Seminarkollegium und die meisten Lehrer der höheren Schulen, sowie fast alle christlichen Kollegen der an vierzig Mitglieder zählenden Bezirkskonferenz und viele christliche Bürger sah man im Trauergefolge. Der jüngste Lehrer trug auf einem Ordenskissen die goldene Verdienstmedaille nach, womit seinerzeit der Jubilar' durch den Herzog ausgezeichnet worden war. Am Grabe sprachen der herzogliche Landrabbiner von Meiningen und Lehrer Holländer aus Berkach. Julius Rosenthal, geboren am 27. Dezember 1823 zu Gleicherwiesen, erhielt seine Ausbildung auf dem hiesigen Seminar, dann amtirte er an der Samsonschule in Wolfenbüttel und später in Jever. 1846 folgte Rosenthal einem Rufe seiner Schulbehörde und verwaltete von da ab in der engeren Heimath die Schulstellen in Bibra und Walldorf, bis er endlich im Jahre 1672 in seine hiesige Stelle einrückte. Mit klarem Verstand und seltener Auffassungsgabe begnadet, eignete sich Rosenthal eine bedeutende wissenschaftliche Bildung an. Er erzielte nicht nur durch sein Lehrgeichick große Erfolge, sondern erwarb sich auch um die innere und äußere Hebung des Lehrerslandes im Herzogthum große Verdienste, die neidlos anerkannt wurden. Rosenthal war auch über zehn Jahre Mitglied des Vorstandes vom Landeslehrerverein und leitete sogar einige Hauptversammlungen desselben. Durch diese idealen Bestrebungen sowohl, als auch durch seinen reinen tadellosen Charakter hat der Verblichene Xiäciusek tmseNem geübt wie selten Einer, wie er überhaupt in fortschrittlichem Sinne ein begeisterter Jude gewesen. Darum wird gewiß sein Andenken zum Segen bleiben. F. München, 9. Mai. Am oerwichenen Samstag wurde von Herrn Rabbiner Dr. Werner in der Hauptsynagoge gelegentlich des Vormittags-Gottesdienstes dem verewigten Philanthropen Baron Moritz v. Hirsch — bekanntlich in München geboren — ein warmer, seiner unsterblichen Verdienste würdiger Nachruf gehalten. Der geist¬ und gemüthvollen Predigt wurde der Text des Wochenabschnittes II. Buche Mose 23, 22 zu Grunde gelegt : „Dem Armen und Fremdling sollst du sie (einen Theil deiner Güter) überlassen." — In dem baierischen Dorfe Höchheim bei Königshofen im Grabfeld lebt noch ein alter israelitischer Veteran, vielleicht der einzig noch lebende, der im Jahre 1831 mit den baierischen Truppen zur Einsetzung des Königs Otto nach Griechenland zog. Der nunmehr hoch in den achtziger Jahren stehende unbescholtene und erwerbsunfähige Greis Jsak Metzger (Sattler) — ist ganz mittellos, weshalb es ein wirklich edles Werk wäre, dem würdigen Veteranen eine Unterstützung zukommen zu lassen. Oesterreich-Ungarn. LH Wien, 11. Mai. Zum sechstenmal im Verlaufe eines Jahres hat die Wahl eines Bürgermeisters der Stadt Wien stattgefunden. Aus derselben ist der klerikale Gemeinderath Herr Strobuch hervorgegangen. Eingestandenermaßen wird Herr Strobach als der^ verantwortliche Redakteur den Behörden gegenüber ausgestellt; der eigentliche Leiter der Geschäfte der Stadt Wien wird Herr Lueger sein. — Das Testament des Baron Hirsch wird von dem N. W. T. im Wortlaut veröffentlicht. Die Gesammthöhe seiner Hinterlassenschaft ist aus demselben nicht ersichtlich. Folgende Einzelheiten sind besonders hervorzuheben: Universalerbin ist die Gattin des Verblichenen; falls sie aus irgend welchem Grunde die Erbschaft nicht antritt, fällt letztere der Londoner jüdischen Kolonisationsgesellschaft zu. Der vierte Theil aller im Nachlaß befindlichen Aktien der jüdischen Kolonisationsgesellschaft ist testamentarisch der israelitischen Gemeinde in Berlin vermacht worden. Die Wiener Wohlthätigkeitsanstalten erhalten zusammen eine Million Francs. Sämmtliche anderen Legate fallen zur Hälfte jüdischen Wohlthätigkeitsinstituten zu, zur anderen Hälfte wohlthätigen Anstalten der verschiedenen christlichen Bekenntnisse. Für die Tochter des frühverstorbenen Sohnes des Baron Hirsch sind riesige Summen ausgeworfen worden. Die Testamentsexekutoren erhalten durch fünf Jahre je 25 000 Gulden jährlich. — Den jüdischen. Studenten ist heute Genugthuung geworden. Die Statthalterei verfügte die Auflösung von neunzehn akademischen Bereinigungen (Burschenschaften, Verbindungen und Vereinen), darunter zehn Verbindungen des Waydhofner Verbandes, welche sich dem am 1. März gefaßten Beschlüsse gegen die Satisfaktionsfähigkeit der Juden angeschlossen hatten. Der Polizeipräsident hebt in einer Verfügung hervor, daß eine ganze Kategorie von Studenten in ihrer Ehre empfindlich verletzt worden sei. Heute wurden verschiedene Vereinslokale behördlich geschlossen. — Der israelitische Frauen-Verein in Graz versendet soeben den Jahresbericht für das Vereinsjahr 1895, welchem zu entnehmen ist, daß an Spenden der verhältnißmäßig hohe Betrag von 767 fi. an Arme vertheilt wurde. Besonders hervorgehoben zu werden verdient, daß dem Vereine von Seiner Majestät dem Kaiser anläßlich seines Aufenhaltes in Graz die hochherzige Spende von 200 fl. zugewiesen wurde. Die Steiermärkische Sparkasse widmete wie alljährlich 100 fl. Dank der verdienstvollen Thätigkeit der Bereinspräsidentin Frau Dr. Marianne Mühsam, prosperirt der Grazer israelitische Frauen-Verein und ist in der Lage, seine Humanitären Ziele und Zwecke unentwegt zu verfolgen. — Die Strafuntersuchung gegen den antisemitischen Agitator Gemein de rath Feichtinger in Graz ist abgeschlossen; die Anklage wird auf Krida und Veruntreuung lauten. Der Abgeordnete Advokat Dr. Pattai aus Wien hat die erbetene Vertheidigung abgelehnt, ebenso fand sich kein Grazer Advokat zur Vertheidigung bereit. Frankreich. M Paris, 9. Mai. Die Entscheidungen des Kassationshofes, welche so vielen jüdischen Wählern in Algier das Wahlrecht wiedergeben, haben begreiflicher Weise die Antisemiten aller Schattirungen lebhaft erregt. Ganz besonders ist das natürlich fühlbar bei den antisemitischen Zeitungen in Algier, die in der Mehrzahl auf radikal-sozialdemokratischem Boden stehen. Zum Beispiel, welche Sprache diese Zeitungen wählen, wenn sie von den Juden reden, mögen folgende zwei Stellen genügen. Die „Silhouette" schreibt: Ihr ermordet unsere Kinder und braucht deren Blut, um die Kuchen zu tränken, die Ihr an gewissen Festtagen essen müßt, aber wir werden auf Euch die ganze erzürnte Bevölkerung loslassen. Der „Republicain" von Constantine schreibt: