Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 60 (1896)
- Issue
- Heft 20 (15.5.1896)
- Date
- 1896-05-15
- Page
- [Seite] (sequence 13)
- Language
- German
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60. Jahrgang. Ar. 20. «<*Un, 15. Mai 1896. MeiLage zur „Aktgemeinen Zeitung öes ZuöenLHums". Korrespondenzen und Nachrichten. Deutschland. 8. Berlin, 11. Mai. In der gestrigen Sitzung der Repräsentanten-Versammlung machte der Vorsitzende Herr Hermann Landsberger zunächst Mittheilung von der durch die Tagespresse bereits bekannt gewordenen hochherzigen Spende des Herrn Moritz Manheimer. Eine andere hochherzige Spende ist von Frau Julie Neumann geb. Rathenau der Allersversorgungsanstalt geworden. Die Dame hat zum Gedächtniß an ihren verstorbenen Gatten 12 000 Mark gestiftet mit dem Wunsch, daß am Todestage ihres Mannes für alle Zeiten das Kaddischgebet gesprochenund eine Gedenktafel angebracht werde, welche die aus der angewiesenen Summe hervorgegangene Stiftung als solche kenntlich mache. Sowohl hier wie bei der Manheimer'schen Zuweisung erklärt die Versammlung sich mit deren Annahme unter den gestellten Bedingungen einverstanden. Zwei Beschwerden, die vor einiger Zeit beim Vorstand eingelaufen waren, geben Veranlassung zu einer längeren Debatte. Die Beschwerden entstammten zwei Besitzern von Ständen in der Synagoge Lindenstraße. Beiden Herren, einem Dr. St. und einem Dr. M., war es wegen Ueberfüllung des Gotteshauses unmöglich gewesen, zU ihren Plätzen zu gelangen. Die Beschwerdeführer halten, der eine am Charfreitag, der andere am Ostersonntag diese Unannehmlichkeit erfahren. Diese Thatsache hatte, auf den eingeforderten Bericht des Synagogenvorstandes der Lindenstraße, der Gemeindevorstand zur Grundlage seiner Beschlüsse gemacht, die dahin lauteten, daß an all' den jüdischen Festtagen, die mit christlichen Feierbezw. Sonntagen zusammenfallen, in der gedachten Synagoge zwei Gottesdienste abzuhalten sind. Zum zweiten Gottesdienst sollen zunächst nur diejenigen Zutritt haben, die sich durch Karten als Inhaber von Ständen ausweisen. Der dann noch vorhandene Raum soll den übrigen Gemeindemitgliedern zustehen. Dieser Entscheid nun war der Gegenstand der erwähnten Debatte. Die Herren Professor Lewin und Sanitätsrath Dr. Jastrowitz konnten sich mit dem Beschlüsse nicht befreunden. Sie nannten es hart, nur den Besitzern von Karten Zutritt gewähren zu wollen, und proklamirlen das „Recht auf den Gottesdienst" für Alle! In seiner Erwiederung wandte Herr Justizrath Meyer sich besonders gegen die Ausführungen des Professor Lewin, der unmöglich die Anordnung bekämpfen könnte, wenn, ihm die Verhältnisse genauer bekannt wären. Es herrsche an solchen Tagen, wie die hier in Rede stehenden, in der Synagoge Lindenstraße eine derartige Ueberfüllung, daß diese das größte Unglück herbeiführen könne. Als . treffende Illustration zu dieser Entgegnung las der Vorsitzende Herr Landsberger aus dem Briefe eines der Beschwerdeführer eine Stelle vor, welche besagte, daß wenn z. B. Jemand an jenem Tage in Ohnmacht gefallen, es geradezu unmöglich gewesen wäre, ihn hinaus zu schaffen. Auch Herr Maurermeister Fränkel trat entschieden für die Anordnung des Vorstandes ein, die bereits am ersten Schwuothstage, einem Sonntage, in Kraft treten werde. Mit Beendigung der Debatte war die Angelegenheit erledigt, da es sich um eine reine Verwaltungsmaßregel handelt, welche den Repräsentanten nur zur Kenntniß zu geben ist. — Alsdann stellt Professor Lewin zwei Anfragen. Die eine wollte die Einführung von Stenogrammen über die Repräsentantensitzungen anregen. Die andere lautet dahin, in welcher Weise der Vorstand bei der Bestattung des Baron Hirsch für eine würdige Vertretung der Berliner Gemeinde gesorgt habe. Bezüglich der ersten Anfrage erklärt sich Herr Justizrath Meyer gegen Einführung der Stenogramme, die, wenn die Neuerung Zweck haben sollte, gedruckt werden müßten. Das würde aber ganz erhebliche Kosten verursachen und schon deshalb erkläre er sich dagegen. In Stadtrath Dr. Weigert erwuchs dem Herrn Vorsteher ein Bundesgenosse, indem er unter allgemeiner Heiterkeit äußerte, daß die hier gehaltenen Reden doch wirklich nicht alle so werthvoll seien, um verewigt zu werden. Die „neuen Herren" scheinen freilich anderer Meinung zu sein! Die zweite Anfrage beantwortete Herr Justizrath Meyer dahin, daß der Vorstand die Alliance israelite zu Paris ersucht habe, eines ihrer hervorragendsten Mitglieder mit der Vertretung unserer Gemeinde bei der Beerdigung des Baron Hirsch zu betrauen und an dessen Sarge einen Kranz niederlegen zu lassen. Letzteres ist dann in Respektirung des letzten Willens des Verstorbenen, der eine prunklose Beerdigung',festgesetzt hatte, unterblieben. Prinzipiell bemerkte der Vorsteher dem Interpellanten aber, daß dies Anordnungen seien, toe, der Vorstand eben treffe, ohne sich für verpflichtet zu hallen, der Repräsentanten-Versammlung davon Mittheilung zu machen. Es folgte die Bewilligung einer Reihe von Subventionen. So werden für den Zeitraum vom 1. April bis 30. September 1896 dem Religionsverein Bn'e Brith 1000 Mark und dem Verein „Emser Heilquelle" statt der bisher gegebenen 75Mark 150 Mark bewilligt. Das Krankenhaus für arme russisch-jüdische Kranke in Memel erhält zunächst auf drei Jahre einen Jahresbeitrag von 100 Mark.' Vom Vorstand war nur eine Subvention von 50 Mark beantragt und danach von der Finanzkomnnssion der gleiche Vorschlag gemacht worden. Die Versammlung bewilligte jedoch das Doppelte dieser Summe. Dem „Verein für jüdische Geschichte und Litteratur" wurde ein Beitrag von 300 Mark bewilligt. Nachdem Herr Sanitätsrath Blumenthal als Mitglied der Versammlung in das Kuratorium der Ad. Reichenheim'schen Stiftung abgeordnet wurde, fand die öffentliche Sitzung ihren Abschluß. — In der darauffolgenden geheimen Sitzung wurde, wie wir vernehmen, Herr Rentier Julius Cohn zum Mitglied der Veranlagungskommission gewählt. Außerdem konnte der Vorstand die erfreuliche Mittheilung machen, daß laut Benachrichtigung des Provinzial-Schulkollegiums der neu eingeführte Religionsunterricht am Wilhelms-Gymnasium sich solcher Theilnahme erfreue, daß zu den bestehenden drei Abtheilungen eine vierte neugebildet werden müsse; es nehmen jetzt 177 Schüler an diesem Unterricht Theil! 22 Berlin, 11. Mai. Herr Moritz Manheimer hat, wie wir bereits' berichtet, dem hiesigen jüdischen Krankenhause den Betrag von 20>000 Mark gelegentlich seines 70. Geburtstages überwiesen, nachdem er erst im vergangenen Jahre das jetzige Siechenhaus, welches nach Eröffnung des neuen Hospitals geräumt wird, für den Preis von 180,000 Mark dem Borstande des Krankenhauses überwiesen hat. Dem Beschluß des Vorstandes gemäß soll ein Krankensaal der inneren Frauenabtheilung als „Moritz und Bertha Manheimer Stiftung" bezeichnet und am Eingang zu diesem Saal die diesbezügliche Aufschrift angebracht werden. Ebenso ist nach Fertigstellung des geplanten Sie^enhaus-Umbaues für die Zwecke des Krankenhauses eine entsprechende Inschrift zur Ehre des edlen Stifters auf einer Tafel an geeigneter Stelle vorgesehen. Auch den Verein für jüdische Krankenp flegerinnen hat Herr Moritz Manheimer bei seinem 70. Geburtstage durch ein größeres Geldgeschenk für den Schwesternfonds bedacht und außerdem den Vereinsschwestern, für deren Thätigkeit er ein großes Interesse an den Tag legt, einen Festabend bereitet, an welchem die Schwestern des edlen Stifters und seiner Gemahlin frohen Sinnes gedachten. Der Verein zählt jetzt 14 ausgebildete Schwestern und 11 Schülerinnen. Die Ersteren sind erfreulicherweise in der Privatpflege so begehrt, daß den Anforderungen an dieselben nicht genügt werden kann, vielmehr häusig Anfragen unberücksichtigt bleiben müssen. Es ist dies das beste Zeichen für die tüchtige Ausbildung und guten Leistungen der Schwestern und die' gute Leitung der Oberin, Fräulein Blau, welche nun bereits über ein Jahr ihres Amtes waltet. Nachdem die erste und zweite Etage des Schwesternheims Auguststraße 17 demnächst voll belegt sein werden, wird im Oktober d. I mit dem Umbau der dritten Etage vorgegangen werden, in welcher Raum für weitere 20 Schwestern vorhanden sein wird. 22 Berlin, 10. Mai. Gestern ist hier im 80. Lebensjahre der emeritirte Rabbiner Dr. Aron Cassel gestorben. Derselbe war aus