Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 60 (1896)
- Issue
- Heft 20 (15.5.1896)
- Date
- 1896-05-15
- Page
- Seite 240 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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gewohnt war, o nein! Nur in der höchsten Ekstaseentfuhr . ihm » hie unt> da ein markanter Ausdruck, ein treffendes Wort aus K „Judäas Dialekte". Was ihn aber am meisten zierte, das war sein, unbändiger Lokalpatriotismus, der gar nicht zu zähmen und auch-- nur dadurch zu erklären war, daß mein verehrter Freund bereitsseit 15 Jahren Stadtverordneter des Weltdorfes ist. Er blieb sich auch dieser Würde mitten im Trubel der Ausstellung voll bewußt. Ja, er zog in dieser Beziehung die seltsamsten Parallelen, die nns' beständig an seine Würde und an seine Heimath gemahnen sollten. . An der Hand des prachtvollen Katalogs der Firma Rudolf Mosse. der in der Form wie der Ausstattung ein wahres Meisterwerk ist, traten wir unsere Wanderung an. Aber so planvoll dieses Katalog auch eingerichtet ist, so planlos gestaltete "sich doch bald' unsere Wanderung. Es wurde mir allinälig klar, daß es kaum möglich, schon beim ersten Besuche einen gewissen Plan festzuhalten, ja, daß es wohl am besten sei, zunächst ziellos durch die Ausstellung zu schlendern, um einen gewissen Gesammteindruck zu erhalten. Ich bin in der erfreulichen Lage, konstatiren zu können, daß auch dieser Gesammteindruck auf uns Beide ein wahrhaft imponirender gewesen ist. Die bunte Pracht der allsgestellten Maaren, die Größe, Eleganz und geschmackvolle Ausführung der. eirrzelnen Theile, die Gediegenheit und vornehme Ausstattung des Gailzen, so daß die verschiedenen Theile harmonisch zusammenstimmen, muß Jedem einen hohen Respekt vor der Arbeit der Rieseilstadt eiilflößen. Daß unsere nun einmal' konfessionell imprägllirten Herzen mit besonderer . Freude einzelne Pavillons und Grilppen betrachteten, wenn wir den Namen der Aussteller im Katalog gelesen hatten, das war weniger unsere Schuld, als die — eines Stöcker, Böckel, Ahlwardt und ihrer Genossen. Ja, gewiß, es i st ein Verbrechen, meinem Freunde &. seinen Patriotismus absprechen zu wollen. Das habe ich schon auf diesem ersten Rundgang an seinen Urtheilen gemerkt. Bei jeder Gelegenheit, sie mochte passen oder nicht — und in den meisten Fällen paßte sie wirklich nicht —, zog er die Verhältnisse seiner Heimathstadt mit zur Vergleichung heran. Als wir die in ihrer Art prächtige Ausstellung von historischen Kostümen und Modewaaren bewunderten, die den Namen Bacher und Leon trügt, bemerkte er: „Ich sag' Ihnen, *) bei uns haben Gebrüder Cohn ein Modewaarengeschäft am Markt/ braucht' sich Gerson wahrhaftig nicht zu schämen!" Und als wir in der Möbel-Ausstellung einen von der Firma Hermanil Gerson mit allem Raffinement und Luxus des modernen Lebens fürstlich ausgestatteten Salon betrachteten, rief er aus: „Ich sag'Ihnen, bei uns hat der Stadtrath Sachs einen Salon, der auch nicht von Pappe ist!" Nur als wir an .dem Pavillon vorbeigingen, in dein die Firma A. Br eslailer ihre wohlschmeckenden Würstchen ausbietet, da wußte er keine Parallele zu finden. Und indem ihm der Duft der heimathlichen Gerüche in die Nase stieg, rief er plötzlich begeistert aus: „Heißt e Gewure!" Ja, mein Frellnd war ein Kleinstädter von echtem Schrot und Korn. Alich ein Stockjude im Sinne Lessiugs. Und doch — es ist mir eine Genugthuuug, auch dies konftatireri zu dürfen — ist ihm nichts Menschliches fremd und fern geblieben. Er hat ein Verständniß für große Ziele und für die Entwickelung der Kunst, der Industrie und der Gewerbe im Völkerleben. Ich habe hier nur das zitirt, was mir scherzhaft war in seinen Bemerkungen (und warum sollten wir, denen das Leben jetzt wahrhaftig traurig genug dahini) Mein Freund fing nämlich jeden Satz mit der Einleitung an: „Ich sag' Ihnen." Wahrscheinlich war er von der Bedeutung des mir Gesagten so völlig durchdrungen. fließt, uns nicht auch einmal einen Scherz über uns selbst erlauben dürfen?), würde ich aber die Bemerkungen wiederholen, die er, m seiner naiven Weise zwar, doch aber mit dem vollen Verständniß für das große Werk, das hier vereinte Kraft und hohe Intelligenz geschaffen, gemacht hat, so würde mein Freund aus wohl manchen „Spezialberichterstatter" der Großstadt beschämen. Wir waren etwa drei Stunden in der? Ausstellung. Das ist für das erste Mal genug. Aber ich muß es mir für eineil zweiten Artikel aufsparen, meinen Lesern all das zu schildern, was dort -auch für unseren besondern Standpunkt von hohem Interesse -sein dürfte. Als wir das Ausstellungsgelände verließen, faßte mein Fremid aus X. sein Gesammturtheil begeistert, in, dem einen Satz zusammen: „Ich sag' Ihnen, es ist nur ein Berlin!" Fittcrarische Mittheilungen. — Simon Levy: Les Loisirs d’un Rabbin. Paris 1895. C. Lsvy. Der Verfasser der liebenswürdigen und geistvollen Aufsätze, die in diesem Büchlein gesammelt sind, ist Rabbiner zu Schirhofen im Elsaß. Er giebt in seinem Buche eine Reihe erbaulicher Betrachtungen zu den jüdischen Fest- und Trauertagen, zu den Wochen abschnitten wie zu einzelnen Gesetzen und Bräuchen. Das ist der erste Theil des Buches. In den Aufsätzen des zweiten Theils setzt sich der Verfasser mit wichtigen Zeiterscheinungen auseinander. Von besonderem Interesse für uns waren die Betrachtungen über Juden und Judenthum in Elsaß-Lothringen. Auch dort blüht, allerdings ziemlich verborgen, die Sumpfpflanze des Antisemitismus. Herr Rabbiner Levy erweist sich als ein wackerer Kämpfer, der achtsam auf seiner Warte steht und jeden Angriff sehr geschickt abzuwehren weiß. Das ganze Büchlein macht einen sehr guten Eindruck, und wir lernen in dem Autor eine der gelehrtesten und besten Repräsentanten jener altelsässischen Schule kennen, deren Wirken allgemein bekannt ist und die leider immer mehr und mehr ausstirbt. Sprerhsaat. Geehrter Herr Redakteur! Sn Ihrer Nummer vom 24. April d. I., in welcher Sie dem Baron Hirsch einen kurzen Nachruf widmen, erwähnen Sie die „vielen Enttäuschungen, die er bei seinem Hilfswerke in Argentinien erlebte." Noch stärker wird dieses Urtheil in anderen Zeitungen gefällt. — Dahingegen lese ich im „Zeitgeist" Nummer 18 einen Aussatz von A. v. Drigalskp, in welchem den Deutschen die Einwanderung, nach Argentinien sehr warm empfohlen wird — auch mit dem Hinweise auf die Wahl dieses Landes durch Baron Hirsch, eine „Wahl, welche, wie sich schon nach wenigen Jahren herausgestellt hat, weder zum Nachtheil der angesiedelten Kolonisten noch zu dem ihres großherzigen Protektors ausfallen wird." — Wer hat Recht? Hochachtend Lublinitz, 5. Mai. Dr. Fried.mann, Rabbiner. Sehr geehrter Herr Doktor! Sn dem Leitartikel der letzten Nummer (18) der Allg. Zeitg. d. Judenthums wird gesagt, daß der sel. Baron Hirsch auch den rumänischen Juden ein gleiches Kapital wie für. Galizien gewidmet habe. Das ist leider nicht richtig, denn außer der Schule im Botoschani, die jährlich 8000 Frcs. bekommt, erfreuen sich die rumänischen Juden keiner Schulstiftung seitens des verstorbenen Baron Hirsch, obschon er oft angegangen wurde, auch'dem Schulwesen Rumäniens zu Hilfe zu kommen. Bukarest, 3. Mai. Ganz ergebenst Dr. M. Beck. Druck und Verlag von Rudolf Mosse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion. Mar Bauchwitz in Berlin.