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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1896-05-15 · Heft 20 (15.5.1896) · p. Seite 239

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
60 (1896)
Issue
Heft 20 (15.5.1896)
Date
1896-05-15
Page
Seite 239 (sequence 11)
Language
German
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daß der Tod Dir so nahe, Kaddisch nachsagen möge;; und nach wenigen Wochen war der Allmächtige gnädig und barmherzig und erhörte mein Gebet, und ich hatte meinen Willen." Sie schwieg, ihr abgezehrtes, elendes Gesicht erstrahlte in himmlischem Glanze. Der Schatten des Todes konnte ihren erhabenen Glauben, ihr einfaches, schlichtes Hoffen nicht ertödten. Der Mann preßte das wimmernde Kindchen an seine erkaltende Brust und drückte leidenschaftliche Küsse auf das kleine Gesichtchen. „Riwkele!" flüsterte er leise, und die Thränen rollten über seine Wangen, „wie bleich unb dünn bist Du geworden! O Gott, meine Sünde -ist zu groß!" „Nein, nein," tröstete sie liebevoll. „Der Satan Mekatrig hat Dich verführt.- Ich bin stark und gesund. Ich kann arbeiten-für unser Kind und will es so erziehen, daß es Dich lieben lernt und für Dich betet. Ich habe es Jacob genannt. Denn es soll mit dem Engel der Versuchung kämpfen und ihn überwinden." Der Todeskampf malte sich deutlich in Mosches Zügen, die trotzdem in göttlicher Ruhe erglänzten. „Ach, die gute, alte Zeit im Cheder in Polen. War der Rabbi öiid) manchmal verkehrt, wir Kinder waren immer guten Muthes; und wenn der Tag der „Gesetzesfreude" kam, machte es uns solchen Spaß, die Kerzen in den ausgehöhlten Aepseln zu tragen und Dir, wenn Du vorüber gingst, den Kerzenstock zu entreißen. Simchath Thora hatte ich immer gern. Wie lange ist's noch bis dahin?" „Es wird bald kommen — Peßach ist ja schon vorbei," sagte sie und drückte feine Hand. «Ist Peßach schon vorbei?" erwiederte er traurig. „Ich kann mich nicht erinnern, daß ich den Seder gegeben habe. Warum hast .Du mich nicht daran erinnert, Riwkele? Das war unrecht von Dir. Du weißt doch, wie gern ich den Tisch gedeckt sah, — die Engel schienen ihn mir immer zu umschweben. Chad gadhah, Cjad gadjah!" fing er in schaurig heiserem Gewisper an zu singen. Das Kind fing an zu weinen. „Husch, husch, Jaankele," sagte die Mutter und nahm es in ihre Arme. „A — a — ah!" ein wilder Schrei entrang sich Mosches Lippen. „Mein Kaddisch! Nimm mir mein Kaddisch nicht fort!" Er richtete sich auf mit feuchter, todtenbleicher Stirn, mit glanzlosen Augen und weit geöffneten Armen. Ein dünner V lutstrahl quoll aus seinem Munde. „Höre — o Israel!" ächzte die Frau, indem sie ihre Hand auf seinen Mund preßte, um das Blut zu stillen. Er stieß sie wild zurück. „Du nicht! Du nicht! Ich brauche Dich nicht! Mein Kaddisch!" erklang das tolle, heisere Flüstern. „Ich habe Gott gelästert! Gieb mir meinen Kaddisch! gieb mir meinen Kaddisch!" Sie legte das Kind in seine Arme, und er umklammerte es in der Raserei des Todes. Als er das schwache Körperchen fühlte, kehrte der alte, göttliche Friede in sein Antlitz zurück. Das Geschrei des Kindes erklang geängftigt. Die Mutter war starr und stumm. Und plötzlich kroch der Nebel in schweren Wolken durch die schwüle Luft. Da wurde das Schweigen durch ein tiefes, schweres rasselndes Röcheln unterbrechen. Mosche Grinwitz's Kopf fiel zurück; seine Arme ließen das.'Kind los, welches die Mutter mit wildem Aufschrei an ihre Brust zog. Und der dunkle Nebel hob sich und zeigte den gespenstischen, geisterhaften Augen des Buckligen in der offenen Thür — die drei Gesichter. In der Gewerbe-Ausstellung. i. eit Jahren habe ich einen Bekannten in — doch nein, ich will lieber den Namen des Weltstädtchens im grauen Osten nicht nennen — also in X, der mir, so oft ich dort einen Vortrag gehalten, regelmäßig die Ehre seiner Begleitung zum Bahnhöfe erweist. Sobald ich aber in das Koupee eingestiegen, ruft er mir mit starker Betonung zu: „Ich sag' Ihne n, ich komm' doch noch einmal nach Berlin!" Ich habe aber nie feststellen können, ob das eine Drohung oder ein Versprechen sein sollte. Mit der Pünktlichkeit eines preußischen Exekutors stellte sich mein verehrter Freund und Zeitgenoffe aus dem grauen Osten am zweiten Mai Vormittags um 10 Uhr bei mir ein. Er wolle die Ausstellung besuchen, sagte er. In seinen Mienen lag etwas von der Würde eines Triumphators; war er doch nun wirklich einmal nach Berlin gekommen! Und an der Seite dieses braven Kameraden habe ich zum erstenmal die Berliner Gewerbeausstellung gesehen. Sie hat auf uns Beide einen wahrhaft überwältigenden Eindruck gemacht. Aber auf Jeden aus anderen Gründen. Was mich interessirte, das ließ ihn kalt, und was ihn elektrisirte, das war mir — milde ausgedrückt — recht gleichgiltig. Nur in Einem begegneten wir uns: Wir vergaßen Beide auch in dem wogenden Getriebe, in dem schäumenden, tollen, blühenden und glühenden Leben, das sich da im Frühlingssonnenschein in dem herrlichen Park vor uns ausbreitete, auch unseres Judenthums nicht. Hier trafen unsere Interessen und Sympathien in einem Brennpunkte zusammen. Nun werden Sie allerdings fragen: Was hat das Judeuthum auf der Berliner Gewerbe-Ausstellung zu suchen? Darauf will ich nun mit meinem Freunde zusammen Ihnen eine Antwort zu geben versuchen. Unser besonderes Interesse an der Ausstellung hat zwei verschiedene und, wie mir jeder objektiv denkende Mensch wird zugeben müssen, durchaus berechtigte Motive. Das eine ist ein soziales: es gilt festzustellen, in welcher Weise die Berliner Juden, also der Theil der deutschen Judenheit, der während der ganzen antisemitischen Bewegung am meisten angegriffen, verdächtigt und verleumdet wurde, sich am Aufschwung der Industrie, der verschiedenen Gewerbe und aller Zweige des Handels in der Reichshauptstadt betheiligt haben. Dieses Motiv ist leider unter den gegebenen Verhältnissen ein sehrwichtiges. Zu anderen Zeiten — ich will dies hier gleich von vornherein ausdrücklich betonen — wäre es mir gar nicht eingefallen, das besondere und trennende Moment bei einem so allgemeinen,' alle Kreise umfassenden Werke auch nur zu berühren, geschweige denn hervorzuheben. Aber heute ist dies nun einmal geradezu nothwendig. Erst das zweite Motiv ist ein konfessionelles: Auf verschiedenen Gebieten in mehreren Abtheilungen und Gruppen bietet die Ausstellung manches Sehens- und Beachtenswerte, was auch für unseren besondern Standpunkt als Juden von nicht gewöhnlichem Interesse ist, und glaube ich hier auf die Zustimmung meiner Leser rechnen zu dürfen. Bei meinem Freunde aus %. fand ich volle Zustimmung. Er kleidete dieselbe in die schöne Alliteration: „Nu nee nich!" Sachkenner wissen, was das zu bedeuten hat. ' Und nun traten wir in dje Ausstellung ein. Auch der große Eindruck, den sie, wie gesagt, auf uns Beide hervorbrachte, äußerte sich in verschiedener Weise. Während ich immer ruhiger wurde, wurde er immer lauter und machte seiner Begeisterung in Hellen Deklamationen Luft. Mancher dieser Ausrufe erinnerte mich an längst vergangene Tage. Aber ich will hier gleich zur Ehre meines Freundes aus A. bemerken, daß derselbe nicht etwa im Jargon zu sprechen

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