Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 60 (1896)
- Issue
- Heft 20 (15.5.1896)
- Date
- 1896-05-15
- Page
- Seite 238 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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daher ordentlich Zeit nehmen muß, habe aber aus einem Durchblick der Gesetzsammlung ersehen, daß die Berordnungen sich fast durchgehends auf äußere Einrichtungen beziehen. Mit dem Dr. Aster hatte ich keine Unterredung, ich wurde ihm blos auf der Straße vorgeftellt, er wollte damals gegen Rotteck schreiben, was er aber wohl Unterlasten hat. Ich habe übrigens bei der Redaktion der Galerie der ausgezeichnetsten Israeliten die Anfrage gemacht, ob die Biographie noch recht kommt, aber keine Antwort erhalten; wahrscheinlich hast Du die Arbeit schon abgesandt. Unterdessen hat Berthold Auerbach seinen Roman „Baruch Spinoza" in zwei Bänden herausgegeben, der niir ausnehmend gelobt wird, und zwar non jungen Männern, auf deren ästhetischen Sinn ich viel gebe, und bei denen der Jude und der zum Theile jüdische Inhalt gewissermaßen nur nachtheilig wirkt; ich konute das Buch noch nicht erhalten. *-Hl' Hi-:--—ü—li-' iE 1 FEUILLETON 1 SBIIlDEIIlIMIillllllllilllliilllllllllHllillliliHlill^ -—:—II—H---■--:--ih—ii——7» Der Katarr. Erzählung von I. Zangwill. Autoristrte Uebersetzung von Frau Dr. Jda Wedell. (Schluß.) ^engstlich beobachteten die Stahlaugen des Buckligen den Kampf in der Seele Mosche's. Plötzlich veränderte sich das heftig zuckende Antlitz, es fiel starr und steif in die Kisten zurück, die Augen schlossen sich. Das Zimmer schien sich mit schwerem, brütendem Dunst zu füllen, als ob draußen dichter Nebel fiele. Der Beobachter griff hastig nach seines Freundes Handgelenk und suchte seinen Pulsschlag zu entdecken. „Noch nicht, noch nicht, Bruder Azrael!" sagte er spöttisch, als ob er seine Worte an den wogenden, wallenden Nebel richte. „Du! gewoben aus Myriaden Augen, kannst Du nicht sehen, daß es noch nicht Zeit ist, das verhängnißvolle Geschoß auf seine Brust zu richten? Zurück, zurück!" Der Nebel verdichtete sich. Minuten schwanden. Der Bucklige starrte erwartungsvoll in das schon leichenhaft ausschauende Antlitz aus dem schnintzigen Kissen. Endlich öffnete er die Augen wieder, aber ein seltsames, geisterhaftes Leuchten glomm in ihnen. „Gott sei Dank, Riwkele!" murmelten seine Lippen. „Ich wußte, daß Du kommen würdest." Während er so sprach, klopfte es stark an die Thür. Des Buckligen Gesicht verzerrte sich. „Eile, eile! Bruder Azrael!" rief er. ' Der Nebel klärte sich etwas auf. Mosche Grinwitz schien sich zu erholen. Seine Züge strahlten. „Macht die Thür auf, macht die Thür auf!" rief er. „Es ist Riwkele — mein Riwkele!" Heftiger ertönte das Klopfen an der Thür, aber Keiner im ganzen Haus kümmerte sich darum. Seit der Schatten des Buckligen zuerst in dies von Menschen vollgepfropfte Nest gefallen war, hatten sich die Tauben in Habichte, die Habichte in Geier verwandelt. Me lebten in Zank und Zwietracht. „Siegt still!" sagte der Bucklige. „Eure fieberhaft erregte Einbildungskraft täuscht Euchi Trinkt!" ' Er führte das Kännchen an die Lippen des Sterbenden, aber es wurde heftig zurückgestoßen und zersplitterte in hundert Stücke. . „Ich will nichts mit Christengeld Erkauftes," stöhnte Mosche, heiser, sein Athem rasselte schmerzhaftin der Brust. „Wissentlich will ich nicht Vortheil haben durch die Verleugnung meines Gottes." „Dann stirb wie ein Hund!" brüllte der Bucklige. „Eile Dich> Bruder Azrael." Der Nebel senkte sich dichter auf das Zimmer. An der Thür wurde mit heftigen Stößen gerüttelt. „Mosche, Mosche!" rief eine Stimme, „laß mich ein,: id). bin's,. Dein Riwkele! In Gottes Namen, laß mich ein.l Ich:bringe Dir ein-köstliches Gut. Oder bist Du todt, todt, tobt? Mein Gott, warum ließest Du es geschehen, daß ich nichts.von seiner Krankheit erfuhr?" „Euer Gatte liegt im Sterben," . antwortete der Bucklige. „Wenn er todt ist, sollt Ihr ihn sehen! Er aber soll Euch nicht, sehen! Ihr selbst habt es geschworen." „Teufel!" schrie die Frau auf. „Ich habe es m der Kol- Nidre Nacht geschworen, als ich gerade den Allmächtigen angefleht hatte, mich von allen vorschnellen Eiden zu lösen. Laßt mich ein, ich will es." „Aber ich will nicht, daß so mit einem heiligeil Eid umgesprungen wird," erwiederte der Bucklige. „Ich will Eure Seele vor dieser Sünde bewahren." „Verflucht seist Dünn alle Ewigkeit!" erwiederte die Frau. „Bete, Mosche, bete für Deine arme Seele. Bete, denn Dm mußt sterben!" „Höre Israel, der Herr imfer Gott, der Herr ist ein einzig einiger Gott," wimmerte das Weib. Der Nebel sogar schien die heiligen Worte anfzusaugen und in-zitternden Tonwellen zu verlängern. Nur der Bucklige war still. Die spöttischen Worte erstarben auf seinen Lippen, und als die Frau mit einem kraftvollen: Anprall' die Thür sprengte und hereinstürzte, schien er an ihr vorbei zu gleiten und in dem Dunkel der Treppe zu verschwinden. Riwkele sah weder sein verzerrtes boshaftes Gesicht, noch sein rothes feuriges Haar; sie flog gradenwegs durch den schweren Nebel auf den Kranken zu, beugte sich über den blassen Mund und küßteihn und sah die Schatten des Tods ihn umlagern und die Todesahnungin seinen Augen, und legte , dann etwas Warmes und Kleines in die fast erkalteten Arme ihres Gatten. / „Nimm es hin, Mosche," rief sie, „und möge Deine Seele Trost finden im Sterben dadurch. Es ist Dein Kind; denn Gott hat endlich unser Gebet erhört, und uns einen Sohn Mchenkt! Ihm Kippur-Nacht, vor fast sechs Monaten, träumte ich, daß Gott Dir vergeben würde, und ich frohlockte! Als ich aber Abends, zu. Dir heimkehren wollte, erfuhr ich, daß Du den ganzen, hohen.Versöhnungstag über mit dem Satan Mekatrig geschlvelgt habest, und mein Herz sank; denn nun war. mein Traum ja nur das vergebliche Sehnen meines Herzens gewesen, und durch Deine eigene irregeleitete Seele konntest Du niemals von dem ewigen-Verderben errettet werden. Dann zog ich fort, weit weg von hier und - arbeitete mühsam und einsam; und ich glaubte nicht wehr an meinen Traum. Aber ich betete und betete für'Deine arme Seele und ach — bald wurde ich erhört — denn ich erkannte, daß wir ein Kind haben, würden! Und dann flehte ich zu Gott, daß es ein Sohn sein möge, damit er für Dich beten und Dich vielleicht zu Gott znrückführen möge, und Dir, wenn Du sterben solltest, obgleich ich nicht wußte,