Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 60 (1896)
- Issue
- Heft 20 (15.5.1896)
- Date
- 1896-05-15
- Page
- Seite 237 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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begeben, uni dort die Wahrheiten zu finden und auszusprechen, welche auch jetzt den Grundnerv meines Strebens bilden, und deren Anwendung auf das Praktische Leben Andern zu überlassen. Da habe ich nun wieder ein neues Heft vor mir. Da ist denn der erste Aufsatz matt und viel zu kurz, um den Gegenstand erschöpfen zu können; Dein Aufsätzchen ist gleichfalls zu klein, um den Gegenstand zu umfassen, dann folgt ein drittes von mir, welches mir recht gut scheint,, aber dem Publikum sehr wenig munden wird;3) mm wird zur Ausarbeitung religiöser Volks- und Jugendschriften anfgefordert, sehr recht, nur daß es eben wieder so ein Wunsch ist, den Niemand erfüllen kann. Schreibe Einer religiöse populäre Schriften, wenn keine Religion da ist! Nun kommen ganz artige Sachen: Trauung ün .dev Shllagoge, Trauergebräuche, Chaliza; aber, lieber Himmel, lauter Einzelheit, die nichts nützt, es .uutjj eine Totalumformung da sein, Rezensionen und anderes sind Beiwerk, aber immer die Grundfragen sind unberührt. Den 6. Februar. Es geht mir dies Mal sonderbar mit diesem Briefe, mein lieber Freund, und dies aus dem Grunde, weil ich mich immer nicht entschließen kann, an einen Brief zu gehen. Nun soll es aber mit dieser miserablen Trägheit zu Ende sein, und ich will wieder einmal tüchtig schwatzen, aber auch in ruhigerer Stimmung als die beiden vorigen Male. Ich bin recht begierig nach Deinem Urtheile über die zwei letzten Hefte; von dem neuen habe ich erst drei Bogen revidirt. Ich muß Dich aber hier schon bitten, mir in Deiner Antwort ja nicht nachzuahmen und mich nicht so lange warten zu lassen; welcher Dämon mich besessen, kann ich nicht angeben, aber gewiß war es einer, der mich vom Schreiben abgehalten,. und solche Fälle kommen jetzt allerdings häufiger vor in unserem gemüthlichen Deutschland, seitdem die Herren Justinus Kerner und Eschenmayer* 2) sie aufsuchen und auch sie in die Flucht zu schlagen wissen, aber gewiß sind sie noch nicht bis zum.neblichten Amsterdam vorgedrungen, deshalb kannst Du Dich dieser Entschuldigung nicht bedienen. Unterdessen habe ich mich in der letzten Zeit sehr stark mit biblischer Kritik beschäftigt und mir v. Bohlen's Genesis und v. Lengerke's Daniel angeschafft, auch Drechslers Gegenschrift gegen Vatke und Bohlen; desto ärmer war ich an selbständigen Arbeiten, und noch immer steigt deshalb von Zeit zu Zeit der Wunsch in mir auf, die Zeitschrift vom Halse 311 bekommen. Es geht mir ganz eigen, ich lese so entsetzlich viel in verschiedenen Fächern, daß ich nicht recht zum Schaffen komme in der neuesten Zeit. — Da habe ich Dir also heute Vormittag sagen wollen, daß ich in der neuesten Zeit mehreres Französische gelesen, besonders von den neueren Schriftstellern derselben; unterdessen kam aber ein Lehrer zur Prüfung, dann mehrere Journale, ein herrlicher. Brief des D. Freund in Breslau, und darauf mußte ich noch zuletzt von 11—12 Unterricht in der Schule ertheilen. Ich weiß nicht, ob ich Dir schon mitgeheilt habe, daß ich seit vier Monaten ganz allein bin und demnach Die beiden ersten Aufsätze, sind in der vorvorletzten Anmerkung genannt; der dritte Aufsatz ist eine erste „lexikographische Studie", nämlich: „Zwei dem Deuteronomium eigenthümliche Ausdrücke S. 18 - 26, unmittelbar darauf S. 26—36 von A. Kohn: die Nothwendigkeit religiöser Volks- und Jugendschriften." Die dann folgenden Aufsätze über Trauergebräuche find schon oben erwähnt, der Aufsatz über „Trauungen, in dev Synagoge" von Fasse!, S. 61-82, von M. Gutmann „Ueber die Leviratsehe und die Ceremonie des Schuhausziehens." 2) Justinus Kerner und sein Geisterglaube. „Die Seherin von Prevorst" sind bekannt. Eschenmayer, Philosoph und Arzt 1768—1852, durch Forschungen über thierischen Magnetismus bekannt, bezeugte, namentlich seitdem - er sich 1836 von seinen Aemtern zurückgezogen, besonders lebhaftes Interesse für Sonnambulismus und ' Gespenstererscheinungen. Elementarlehrer (vulgo Ollefbeßlehrer), praktischer Geistlicher, schriftstellernder Gelehrter und Reformator zu gleicher Zeit, aber auch natürlich - nichts recht bin.' Das muß und wird sich hoffentlich bald ändern, wenigstens habe ich den Unterricht mit dem neuen Schuljahr (Mitte Juni) aufgekündigt. Auch bei der Regierung habe ich ernste Schritte gethan und ihr bemerkt, daß ich Weggehen würde, wenn nicht in kurzer Zeit eine Aenderung meiner Stellung eintreten würde; dasselbe habe ich auch dem Ministerium mitgetheilt, und es scheint gewirkt zu haben. Außerdem zerren mich die Hoffnungen nach den verschiedensten Orten; aber einmal muß die Sache ein Ende nehmen, damit auch durch meine Stellung im Leben ein Theil meiner bis jetzt noch sehr verschiedenartigen Bestrebungen überwiegend werde. Mich zieht Praxis wie öffentliches reformatorisches Wirken, wie emsig bis ins Kleinlichste eingehendes gelehrtes Forschen auf gleiche Weise an,, und es schadet mir sehr, daß ich mich noch nicht für Eines überwiegend entscheiden konnte; dies bringt mich auch zu der Unruhe, und in der letzten Zeit erzeugt es den Umstand, daß ich in meinen Verbindungen gauz und gar lässig wurde. Doch lassen wir dies vorläufig! — Von Frensdorf habe ich auch seit längerer Zeit einen Brief vorliegen; es liegt nn seinem Schreiben eine gewisse gemüthliche Breite, die, so wohlthuend sie zu gewissen Zeiten anspricht, mir in meiner Vielbeschäftigiheit etwas zu weit ist. Ich fühle wahrlich alle Freuden einer praktischen Stellung; die verständige Frage eines Kindes, ein heilsamer Krankenbesuch, eine wirksame Ermahnung, ein eindringender und seinen Eindruck bewährender Vortrag, kurz, die vielen Einzelheiten, welche sich dabei Herausstellen, haben einen großen Werth für mich: aber im nächsten Augenblick bin ich wieder zu sehr von anderem absorbirt, als daß ich ausführlich darüber sprechen, viel weniger schreibell könnte. Das liegt nun freilich an meiner jetzigen Lage und daraus entspringenden Stinnnung, und ich glailbe wohl, früher zuweilen nach Bonn an Euch in ähnlicher Weise geschrieben zu Haben. Du wirst nun auch die vierte Lieferung vom „Horeb"^ erhalten haben; ich warte die fünfte, welche die letzte sein soll, ab, um lnich darüber äuszusprechm, habe aber übrigens schon einen tüchtigen Anlauf genommen. — Was ich für ein Schriftchen von Bruck gemeint,.hast Du llun aus dem 3. B.3.H. erfahreil; sein „mosaischesJudenthum" ist freilich schlecht gerathell, aber Dein Hauptärger schreibt sich davoll her, daß das Produkt in dem gescheidten Fft. „Furore gemacht habe". Ist es weiter nichts als das, so kannst Du eine jede Gemüthsbewegnng gänzlich unterdrücken; Du weißt, daß die „gescheuten Leute" sich nicht so leicht zu entern Enthusiasmus bringen lassen; nun aber hat. das Schriftchen nicht einmal gefallen, und als er predigte, war er ganz durchgefallen. Der junge Mann ist, soviel ich ihn kenne, ein sehr achtlingswerther Mensch mit dem besten Willen und ganz schönen Kenntnissen, aber — aus Mähren, wo mall gerade noch llicht an das Studium von Jugend an gewöhnt ist; es wäre großes Unrecht, ihtn elltgegenzuwirkeil, da lobe ich recht gerne. — Die Nachricht von der Errichtung eines Lesezirkels freut mich. Warum sollte auch ein solcher nicht in Amst. sein, da ich hier einen solchen mit 21 Mitgliedern von denen jeder nur zwei Gulden jährlich zählt — habe, wo meine Leutchen schrecklich gefüttert werden. Uebrigens kenne ich nicht allein keinen Ffter Lesezirkel, der dnrch feine Fonds unterstützt, sondern es existirt überhaupt keiner, aus Nachlässigkeit bet dortigen Herren (Du verwechselst wahrscheinlich den Emanzipationsverein. mit einem Lesezirkel.) — Die oben erwähnteil holländischen Zusendungen habe ich noch nicht gelesen, da es mir natürlich Mühe macht unb ich mir i) Horeb. Versuche über Jisroels Pflichten. Bon S. R. Hirsch. Ueber das sehr ausführliche Buch (800 Seiten) handelte Geiger, Zeitschrift IV, 355-381.