Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1896-05-15 · Heft 20 (15.5.1896) · p. Seite 236

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
60 (1896)
Issue
Heft 20 (15.5.1896)
Date
1896-05-15
Page
Seite 236 (sequence 8)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3224737-3228148-3228169--52806-3258449
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Handbietungen zu leisten. Die Kräfte und Anlagen der Seele sind also mit stillem Fleiße fort und fort^) zu üben und zu brauchen, ihr. fortgesetzter Gebrauch bewirkt) ihr fortdauerndes Wachsthum. Jede- Kraft ist zuerst auf einer geringeren Stufe zu erzeugen. Die Voll-, kommenheit darin macht das Selbstgefühl und das Bewußtsein der eigenen Kraft lebendig, so daß die Kinder mehr geleitet als getrieben zu werden brauchen. -Dieb) ausgebildete Kraft einer näheren Beziehungmnß stets zur Quelle der Weißheit und Kraft für entferntere Be-- Ziehungen gemacht werden. Doch schon die ersten Segensverhältuisse, der Menschheit sind so mannigfach mit einander verknüpft, daß sie sich sämmtlich gegenseitig kräftigen, und so kann der Mensch an der, Hand der erhabenen Natur4) „von genossenen Segnungen zu neuep, Pflichten walleil". Um jedoch dem mächtigen Feinde zu begegnen, der dem sittlichen Streben-in den verlockellden Erscheinungen^) der Welt erwächst, muffen die wachsenden Kräfte der Intelligenz und Erfahrung um so inniger mit jenen ursprünglichen Segenskräften der gotteskindlichen Menschheit verknüpft werden. — Diesterweg, der deutsche Pestalozzi, nennt diese Erziehnngsweise seines. Schweizer Meisters eine „Erregungstheorie", weil sie durch die selbstthätige Erregung der formalen Kraft, nicht durch die Mittheilung von Kenntnisien sittliche und auch praktische Tüchtigkeit zu erzeugen sucht. Durch diese durch Reflexionen, aber auch auf dem Wege derj Empirie gewonnenen Theorieen hat Pestalozzi der Erziehuugskunst. erst ihre sicheren Bahnen gewiesen. Als Fundament und Ziel weist, er ihr die Ethik nach, und ihren Weg zeichnet er ihr in der Psycho-- logie vor; jene soll das Prinzip, diese die Methode des Erziehungs-? geschäftes sein. Locke und die Philanthropen griffen im Suchen nach dem rechten Wege nach äußeren und willkürlich gewählten Mitteln,; die nicht einmal von Bedenken frei waren, und konstruirtell daraus; einen künstlichen Weg für die Schulzucht. Rousseau erkannte diesen? zwar schon in der Kindesnatur selbst, aber trotzig klammerte er sich? an diese wie der Riese Antäos an den Erdkloß, dem er entwachsen^ und da war kein Lichtheld Herakles, der den Sumpfgeborenen zur? Sonne emporhob. Erst Pestalozzi fand mit genialer Intuition dem rechten Pfad. Auch er sieht ihn in der Kindesnatur schon vorgegeben,^ doch überläßt er seinen Zögling nicht ihrem blinden Laufe, foiiberir mit psychologischen: Scharfblick lauscht er der Natur ihr geheimes; Wachsen ab, um es als praktischer Erzieher in selbstständiger Künstler-? schaft nachzuahmen. Damit ist Pestalozzi, der Vater des modernen) Volksschulunterrichtes, auch der Vater der allgemeinen modernen) Schulzucht geworden. ,i Da sein ethisches Erziehungsprinzip und seine psychologische- Erziehungsmethode auf allgemein menschlicher Grundlage angelegte sind, so müssen sie dieselben bleiben für alle Konfessionen, für alle) Völker und für alle Schulgattungen. Auch wir haben diesen Bodens anzubauen, den Vater Pestalozzi uns bereitet hat. J *) Vgl. Herbart: Heber Pestalozzi's neueste Schrift: Wie Gertrud ihre Kinder lehrt. 1802. Im Willmann I. S. 89 u. a. a. O. über- Kontinuität des Unterrichtsganges. . /.ui 2) Aphorismen 24 u. 22. ) 3) Aphorismen 160 u. 58. I 4) Aphorismen 106. 8) Wie Gertrud ihre Kinder lehrt: S. 189 bis 191 und 195. ) Abraham Geigers Briefe an I. Aörenbonrg- (1833-42) Herausgegeben von Prof. Dr. Ludwig Geiger. ... XVI. ' Wiesbaden, den 6. Dezember 1837. Mein lieber Dernburg! Hoffentlich bist Du jetzt schon im Besitze des dritten Heftes der Zeitschrift; sollte dies nicht der Fall sein, so erhältst Du es wenigstens sehr bald, da es bereits überällhin versandt ist. Du wirst wohl manches darin finden, was für Dich Interesse hat und mir Dein Urtheilrecht bald zukommenzu lassen. Von dem folgendeuHefte habe ich schon acht Bogen revidirt, und so wird auch dieses bald vom Stapel laufen; in demselben ist Dein Aufsätzcheu aufgenommen und Deine bibliographische Mittheiluug?) aber noch nicht Deine Recension, die folgt später. Uebrigens habe ich mir in dem letzten Monate schon hundert Male vielleicht Dich hierher erwünscht, um Dir die Zeitschrift übertragen zu können; nachgerade fängt sie mir an lästig zu werden; an der Korrespondenz finde ich kein Vergnügen mehr, die Rubrik der Nachrichten muß nach und nach eingehn, und diese immerwährende Beschäftigung mit fremden Arbeiten, ohne etwas Eigenes, Ordentliches liefern zu können, wird mir widerwärtig. - Ueberhaupt bin ich wieder so recht zerspalten in mir und möchte dreinschlagen, ohne zu wissen, wie ich es anfange; das ganze Treiben ekelt mich an und ich bin einem Schisma sehr zugethan aber dies läßt sich nicht machen und ließe sich doch mit dem gehörigen Muthe und der gehörigen Stellung machen. Ein Rabbiner in Frankfurt z. B., welcher sich über den Talmud Hinaussetzte und öffentlich danach handelte und sich ansspräche, der könnte schon etwas der Art erzeugen. Mich durchwühlt eine Unbehaglichkeit bei solchen Gedanken, die ganz schrecklich ist und mein ganzes-Wirken, d. h. mein schriftstellerisches, lähmt; ich weiß nicht was beginnen. Es heißt jetzt: thun und nicht blos sprechen! — Den 16/Januar 1838. — In der ganzen Zeit, welche seit dem Niederschreiben der obigen Zeilen verflossen ist, habe ich noch keine Feder zu einem verständigen Briefe aufgehoben; ich erschrecke ordentlich, wenn ein solcher ankommt, freue mich, daß meine Korrespondenz, freilich durch meine Schuld, nachläßt, indem ich Alles unbeantwortet lasse. Ich bin in der That in der sonderbarsten Lage; das Leben liegt mit centnerschwerer Last auf mir. Ich meine, wir stünden jetzt in Verhältnissen, die wahrhaft verzweifelt seien. Ach, wenn ich doch in jener freundlichen Verblendung mich befände, die sich mit dem Entstehen eines Wurmes freut, ohne zu bedenken, daß er vom Moder erzeugt ist! Die Zeitschrift hat mich aus aller Ruhe und Fassung gebracht;' sie hat mir allmählich die ganze Widrigkeit der jüdischen Verhältniffe offenbart und mich mit meinem vollen Leben in dieselben hineingestürzt, und da nagen sie nun an meinem besten Herzblute, und ich kämpfe wie ein Verzweifelter, um sie zu brechen, rufe Genossen dazu herbei, aber ich sehe, sie haben eine Macht des Bestehens, die, ich weiß nicht, ob auch einer gediegneren, aber meiner Kraft spottet. Das Schlimmste bei allen diesem ist die gänzliche Rathlostgkeit, was man thun solle, so daß ich am Ende gewiß genöthigt sein werde, mich von diesem Schauplatze gänzlich zurückzuziehen und wieder auf den der reinen Wissenschaft mich zu J) Dernburg bibligr. Mittheilung, „Aus der Leydenschen Universitätsbibliothek" in Zeitschrift Bd. IV, S. 123—130: eine Recension von ihm ist im 4. Bd. nicht gedruckt. — Die „Nachrichten" die in den 3 ersten Bänden einen ziemlichen Raum eingenommen, auch Personalien, Statistisches, Notizen über die äußere Geschichte der Juden enthalten hatten, wurden dem Umfange nach beschränkt und bezogen sich nun wesentlich auf Litterarisches.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.