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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1896-05-15 · Heft 20 (15.5.1896) · p. Seite 235

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
60 (1896)
Issue
Heft 20 (15.5.1896)
Date
1896-05-15
Page
Seite 235 (sequence 7)
Language
German
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7 Die.Verblendung, Welche die Pädagogen so jfaftge Zeit hindurch irre geführt hatte, wurde erst durch Pestalozzi beseitigt. Dieser war ebenso von den Leiden seiner Mitmenschen bewegt, wie von der Entartung ihres Wesens betroffen. Eine 'feurige Gefühlsnatur wie Rousseau trat er wie dieser flammenden Herzens für die Leiden der unterdrückten Volksklassen ein. - .Aberdie verschiedene Art, wie diese beiden Männer dem Elende der. Gesellschaft eutgegeutraten, entschied auch über die ungleiche Anwendung, der gemeinsamen Mittel, durch die sie dein jüngeren Geschlechte eine , bessere Zukunft bereiten wollten. Rousseau sagte sich von den verderbten Zeitgenoffen - los. und wies ihw Ehren und Geschenke stolz zurück, so daß dieneugierigen Vornehmen, die ihn in seiner Dachwohnung aufsuchten, gezwungen waren, diese wieder zurückzunehmen und — seiner Frau zuzustecken. Er aber behauptete hochmüthig, - sich als Notenschreiber - selbständig ernähren zu wollen. Diesen feindlichen Groll bethätigte er auch als Erzieher und als Sozialpolitiker. Seinen Zögling Emil hielt er von der Gesellschaft gänzlich zurück und überließ er dem ungezügelten Drange der eigenen Natur, und dem gemeinen Manne gab er die Schlagwörter liberte, egalite, fraternite, um damit seine Rechte gegenüber den Reichen und Edlen der Erde festzustellen. . Den entmenschten Horden der Revolution aber leuchteten sie als Brandfackel!! voran, und fic äscherten Städt' und Länder damit ein. Da Rousseau also den Kampf mit der Gesellschaft aufnahm, wurde er von dieser vielfach verfolgt, mehr noch glaubte er sich von ihr verfolgt zu 'sehen, und so starb er als Feind und Verächter der Menschheit in der Einsamkeit. — Pestalozzi beschuldigte die herrschenden Klassen nicht minder hart der Vergewaltigung an den niederen. Er klagte) „Das Elend unseres alternden Welttheils ist unabsehbar. Ist die Staatskunst eine rechtmäßige, wenn der Mensch in ihrem Dienste . . zum Träumer, zum Schurken, zum Bettler gemacht wird? . .. . Darf sie die Unverdorbenheit meines Blutes und das freie Spiel meiner Säfte in Hirn und Herz-mir zu Grunde richten? . . . Ist sie gesellschaftlich rechtmäßig, wenn sie mein Geschlecht durch Rechtlosigkeit und Ehrlosigkeit znm Gesindel macht?" Pestalozzi selber befand sich zufolge seines unpraktischen Sinnes fast immer in den drückendsten Verhältnissen, dennoch strebte2) der mächtige Strom seines Herzens einzig und allein nach dem Ziele, die Quellen des Elends-zu. stopfen, in das er das-Volk um sich her versunken sah. Unendliche Schwierigkeiten, immerwährende Enttäuschungen und Mißerfolge konnten ihm dieses Streben nicht verbittern, und. als er in dem übermenschlichen Ringen nach diesem Ziele zu Stanz gestört wurde, kam er siM wie ein Schiffbrüchiger vor, der sich von dem-nahen Lande ins Meer zurttckgeschleudert sieht. Kein Wunder, daß Pestalozzi von einem Geschlechte,-welches so viel alte, morsch gewordene Verhältiüffe zusammenbrechen sah, als der Heros einer neuen besseren Zeit verehrt wurde. Fürsten, Staatsmänner und Gelehrte, suchten ihn auf, und die Edlen und Gebildeten.unter den Frauen Europas wallfahrteten nach Jfferten. So ward Pestalozzi einer der Lieblinge der Menschheit.; Pestalozzi hatte seinen Blick tief in das Wesen der. menschlichen Natur hineingesenkt, ehe er dazu schritt, dieses erzieherisch zu beeiu-. flussen, und auch er fand ün ihr das Ziel der Erziehung, aber nur im Keime vorgebildet. Er sagt: „Mensch,4) du selbst, das innere Gefühl deiner Kräfte ist der Vorwurf der bildenden Natur." Schon in dem Säulinge werden sittliche ' Kräfte durch seine erstens sinnlichen -1) Nachforschungen über den Gang der Natur in der Entwickelung des Menschengeschlechts. 2) Wie Gertrud ihre Kinder lehrt. Reclam, S. 5. , 3) Das. S. 13. - Abenstunden eines Einsiedlers. Aphorismus 12. Bedürfnisse erzeugt; die Regungen, der Liebe, des Vertrauens und. des Dankes gegen die Mutter, welche zuerst die Kindesseele bewegen^ und der Gehorsam, der sich nach ihnen einfteHt, sie bilden?) die ersten Grundlagen der Meuschenbildung, nicht erst das Resultat einer voll-> endeten. Erziehung.. Dieses erste natürliche Kindesverhältniß erweitert sich, leicht zur allgemeinen Menschenliebe' und birgt auch den Grund., des Gehorsanis gegen die Staatsgewalt in sich. Sobald der Knabe sich vom Mutterherzen loszulösen und seinen eigene!! Weg zu nehmen, sucht, kann auch») der Glaube an Gott und die Liebe zu ihm leicht- und tief in sein Herz , gesenkt werden. „Ein reinXes) menschliches. Gefühl für. Dank und Liebe ist Quell des Glaubens,4) nicht aber^). die Reflexion über Lehrsätze. Der Glaube3) jst vertrauender Kinder-. sinn der Menschheit gegen den Vatersinn der Gottheit, er ist*) das horchende Ohr der Unschuld auf den Ruf der Natur, daß Gott — Vater ist. (Der innige Zusammenhang der. Grundlagen der Ethik und der Religion, wie er hier aufgedeckt ist, müßte allein in einer wissen-- schaftlichen jüdischen Religionslehreb) deutlich ausgeführt zu finden fein,: wenn eine solche nur erst von einem jüdischen Gelehrten geschrieben wäre — eine Apostrophe an die Begüterten in Israel.) Der Genuß jener Segnungen, die dem menschlichen Wesen verliehen sind, ist das Ziel aller Erziehung, und dieses Ziel ist wiederum allen. Menschen-: gemeinsam, denn die allgemeines Emporbildung der inneren reinen Segenskräfte der Menschennatur zu reiner Menschenweisheit, ist allgemeines Bedürfniß der Menschheit". Ohne sie fehlt die Grundlage zur Bildung der näheren Bestimmung (durch den Beruf) und seiner besonderen Lage, die keine äußere Höhe entschuldigt".43) So sind „die")- häuslichen Verhältnisse der Menschheit die ersten und vorzüglichsten der Natur", und das Elternhaus bildet die allgemeine erzieherische Grundlage für alle Menschen. „Alle*2) Menschheit, Fürst, und Unterthan, Herr und Knecht, bildet sich zu den besonderen Pflichten ihres Standes durch Genuß ihrer ersten Naturverhältnisse". Wie jene Grundlage auszubauen und das Ziel der Erziehung zu erstreben sei, zeigt das natürliche Leben der Seele selber. Die Natur enthüllt ihre schlummernden Kräfte im Menschen wie im.PflanzenlebeiW) durch ein langsames, aber ununterbrochen stetiges, allseitiges Wachsthum. Diesem einfachen Gange der Natur muß sich die Erziehung eng an-, schließen, denn da jene nach.ihrer eigenen Entwickelung strebt, so kann alle Erziehungskunst nur darin bestehen diesem Streben die nöthigen Wie Gertrud ihre Kinder lehrt. Reclam S. 186 rc 2) Abendstunden rc. Aphorism. 80 3) Wie Gertrud ihre Kinder lehrt. Reclam S. 186 und 198 bis zum Schluß. : 4) Abendstunden rc. Aphor. 86. 5) Aphor. 83. * G) Aphorismen 74.; Aphorisman 79. 8) Vergl. Allgem. Zig. d. Judenth. 1895 S. 266k: Zum Priori-' tätsstreit über das Gebot der Nächstenliebe von Prof. Dr. Hermann Cohen-Marburg. . Aphorismen 8 und 13. . - ^Aphorismen 15, vergl. Herbart: Allgem. Pädagogik re. 1. Buch/. 2. Kap. I u. II, in Willmann's Ausgabe I S. 360 bis 368, ferner Lazarus, Leben der Seele in Monographieen Bd. 1. ") Aphor. 60 und 63. Vergl. Herbart: Allgem. prakt. Philos. Werke VIII S. 148, in Willmann's Ausgabe der pädagogischen Schriften I Seite 289: ' Die Herrschaft der praktischen Ideen in den Familienverhältniffen. 12) Aphorismen 107. ls) Wie Gertrud ihre Kinder lehrt S. 73 und 74; vgl. damit Herbart's architektonischen Ausbau der Vorstellungen: Ueber den Standpunkt der Beurtheilung der Pestalozzischen Unterrichtsmethode. 1804. Willmann's Ausgabe I S. 305.

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