Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 60 (1896)
- Issue
- Heft 20 (15.5.1896)
- Date
- 1896-05-15
- Page
- Seite 234 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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234 Schutzircht. Von Mittelschullehrer Max Golde in Dresden. ■ ' III. '; . ■ ie Rouffeau'schen Erziehungsideen blendeten die Geister ihrer Zeit, und es ist das große Verdienst der pädagogisches Schule der Philanthropen, ihre Theorien in die Praxis umgesetzt und damit ihre Mängel erkennbar gemacht zu haben. ' Der Begründer jener pädagogischen Schule, welche sich den stolzen Namen Philanthropen beilegte, ist auch außerhalb der Fachkreise durch die lebensvolle Schilderung, welche uns Goethe von ihm gegeben hat^) bekannt. Es ist Basedow, welcher den Dichter mit Lavater auf einer Nheinreise begleitete; und auf dem Wege zwischen Koblenz und Köln war es', wo Goethe in ein Album die Verse schrieb: Und, wie nach Emmaus, weiter ging's Mid Sturm- und Feuerschritten; Prophete rechts, Prophete links. Das Weltkind in der Mitten. Wer die wenig erbauliche Schilderung der Persönlichkeit jenes pädagogischen Propheten liest, hat sich gegenwärtig zu halten, daß dieser immerhin das außerordentliche Verdienst besaß, durch sein ungewöhnliches Vorgehen bei den Fürsten und in den weitesten Kreisen der Bevölkerung das gänzlich erstorbene Interesse für die Jugendbildung neu erweckt zu haben. Die Verbesserungen, welche zunächst für den Unterricht angestreht wurden, kamen mittelbar auch der Schulzucht zu Gute. An Stelle des schablonenhaften geist- und leblosen Mechanismus, welcher damals die Schulthätigkeit beherrschte, führten die Philanthropen eine Praxis ein, die nach einfachen, naturgemäßen Grundsätzen verfuhr. Sie lehnten ihren Unterricht an anschauliche Objekte, begannen mit leichtfaßlichen Erkenntnisseil und schritten nur allmälig zu abstrakten Begriffen fort. Dadurch bereiteten sie dem gesammten Wissen einen ergiebigen und tragkräftigen Boden und zogen vor allem den Schüler in einer angemesseneren Weise als bisher in die Schulthätigkeit hinein. Aber daran ließen sie es sich nicht genügeil, sie wollten dem Schüler die Arbeit so leicht und angenehm wie möglich machen und jede Härte ersparen. Sie hielten es nämlich, wie Rousseau, nicht allein für nöthig, den ursprünglich guten Trieb in der Kindesnatur rege und ungetrübt zu erhalten, sondern fürchteten auch, daß der Zwang diese verschlechtere. Darum wurden in dem Philanthropin zu Dessau die Sprachen durch Spiele gelehrt. Jede geistige Arbeit suchte man durch Erleichterung, durch schrittmäßiges Fortschreiten, durch Beispiel und Ueberredung zu erhalten. Befehle mußten den Kindern erst als vernünftig dargestellt, jede Unterdrückung der kindlichen Persönlichkeit geflissentlich vermieden werden. Zuni Studieufleiße wurde Niemand gezwungen, memorirt wurde nur sehr wenig, und vor dem fünfzehnten Lebensjahre wurden täglich nur. drei oder vier Stunden gesessen^). Als Basedow in einer besonderen Schrift zur Theilnahme an der ersten öffentlichen Prüfung nach Dessau einlud, hob er besonders darin hervor: „Alles ist bei uns so vergnügt, daß Niemand sich nach dem Reichthume* 2 3) zu Hause znrückwünscht. Man lernt bei uns mehr'außer, als in den Lehrstunden." Da der Lerneifer und der gute Wille aber doch künstlich angeregt werden mußten, 1) Aus meinem Leben. Dichtung und Wahrheit. 3. Theil, 14. Buch. 2) Aus den Gesetzen des Philanthropins, nach Schumann, Lehrbuch der Pädagogik 1, Seite 307 u. s. w. 3) Die Anstalten der Philanthropen waren fast nur reichen Kindern zugänglich, denen in Dessau allwöchentlich zwei Standestage eingeräumt waren. so wurde im Sinne Lockes der Ehrgeiz der Kinder aufgestachelt: Man klügelte ein ganzes System von Belohnungen aus, welches dem Ceremonienmeister eines orientalischen Despoten alle Ehre gemacht haben würde. Für jede*) gute Leistung wurde eine Fleißmarke ausgetheilt und für 50 Fleißmarken ein goldener Punkt ans der Meritentafel verliehen, d. h. auf einer schwarzen oder, auch Weißen Tafel, die im Betraume hing, wurde neben dem Namen des Schülers ein gelber Nagel eingeschlagen. Für 100 goldene Punkte endlich wurde der Orden des Fleißes verliehen, der an festlichen Tagen getragen werden durfte. In einer späteren philanthropischen Anstalt gab es auch noch einen Orden der Tugend .und wurde jede Ordensverleihung sogar in öffentlichen Blättern bekannt gegeben. Außerdem wurde ein weißes uud ein schwarzes Buch angelegt, in jenes die vorzüglich guten, in dieses die vorzüglich bösen Handlungen eingetragen und zuweilen aus beiden stückweise vorgelesen. Die Strafen bestanden im Entziehen von Fleißmarken, Karrenschieben, Schildwache stehen, im Ausschreien der eigenen Vergehen und anderen Einrichtungen, die das Ehrgefühl zu kränken geeignet waren. Dabei wurde jedoch eine außerordentliche Schonung und Milde geübt. Wer sich trotzig oder widerspenstig zeigte, wurde als krank an Seele und Leib zu Bett gebracht. Ein Vergehen wurde eher bemäntelt als streng geahndet, denn schon vor dem Worte Zucht einpfand man eine unüberwindliche Scheu. Die Zöglinge wurden zwar an den sogenmmten Kasualtagen auf die Entbehrungen und Unannehmlichkeiten des Lebens vorbereitet, aber auch hier war doch immer ein in Aussicht stehender Erfolg da, der das Streben reizte, und so blieb eine angenehme Zwanglosigkeit seist mit dem Streben nach idealen Gütern verbunden. Immer befand man sich in dem Taumel der Glückseligkeit, der als das erstrebenswertheste Loos geschätzt ward. Es waren echte, weichherzige Philanthropen, jene Männer, welche die zarten Kindlein bei Leibe keinem Zwange unterwerfen mochten, und zweifelsohne sind Diejenigen, welche -heute dieselben frömmelt Wünsche wiederholen, ebensolche. Sie zermalmen das Sklavenjoch, unter dem die Armen so lange geseufzt haben, und führen sie in das Land der seligen Freiheit. Da tönen die längst verklungenen Harfen der Prophetenschüler wieder auf, und der heilige Geist ergreift die junge Schaar. Das Lob der Tugend ertönt ewig auf ihren Lippen, und als ein Messias waltet der weise Scholarch in ihrer Mitte. Er schlägt die Schaar mit seinem Munde wie mit eülem Stabe, und mit dem Hauche seiner Lippen tödtet er den Frevler, denn die Jugend ist der Erkenntniß voll, so wie die Wasser die Meerestiefen bedecken. Hütet euch, aus diesem Boden der Freiheit einen Befehl auszusprechen, ohne ihn zuvor begründet zu haben.. Man würde euch den Gehorsam verweigern, denn mail ist gewohnt, daß der kindlichen Autorität hier Rechnung getragen werde. Unterlasset einmal, mit einer Forderung irgend eine Annehmlichkeit zu verknüpfen, und sie wird keinen Reiz für Diejenigen haben, die. hinter jeder Forderung eine Annehmlichkeit zu finden gewohnt sind. __ Die Gesellschaft, die Menschheit möge ihre Wünsche nur recht bescheiden, recht vorsichtig äußern, denn der junge Weltbürger wird nicht immer in der Stimmung sein, sie anzuhören. Ihr schwerfälligen Pedanten, die ihr die Kindesnatur nicht kennt, behandelt das Kind noch als Kind, wir erblicken in ihm schon den Manu. Die Freiheit, der ihr es erst entgegenführen wollet, setzen wir bei ihm schon voraus. Wir verachten die Gängelbänder des Gehorsams und der Gewöhllung, die ihr mit so viel Mühe uud Umsicht gebrauchet, der Schwung der Begeisterung trägt unsere Jugend von -selbst zur Höhe.!) Nach Schmid, Eneyklopädie. Philanthrop misten. .