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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1896-05-15 · Heft 20 (15.5.1896) · p. Seite 233

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
60 (1896)
Issue
Heft 20 (15.5.1896)
Date
1896-05-15
Page
Seite 233 (sequence 5)
Language
German
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gehörte; aber schon im Jahre 320 entriß es ihm Ptoleinäus Lagi, der über Aegypten herrschte. Die Juden, die dem Laomedon den Eid der Treue geschworen hatten^ wollten sich ihm deshalb nicht unterwerfen; erst nach mehrjährigem Kampfe gelangte Ptoleinäus in den Besitz von Judäa, schätzte aber die Treue der Juden so Hoch, daß er ihnen wichtige Aemter anvertraute und sie namentlich gern als Besatzung in die Festungen legte. Von den Gesetzeslehrern des Talmud rührt die für das ganze spätere Judenthum bis zum heutigen Tage gültige und befolgte Weisung, die in den Sprüchen der Väter 3,2 zu lesen ist: „Bete für das Wohl der königlichen Regierung!" Deshalb wird in allen Synagogen noch heutigen Tages an allen Sabbath- und Festtagen kein Gottesdienst abgehalten, ohne daß für den König und das ganze königliche Haus ein Gebet gesprochen wird. Somit ist die Ehrfurcht vor dem Staatsoberhanpte, die Treue und der -Gehorsam gegen dasselbe dem Inden nicht allein das Ergebnis des berechnenden Verstandes, also politischer Betrachtung, sondern auch ein religiöses Gebot, und als solches ein Theil des Judenthums überhaupt. Nie wird deshalb ein Jude, so lange er dem Judenthum angehört, unter Empörern und Verschwörern gefunden — das gilt für alle- Zeiten. Selbst völlige politische Rechtlosigkeit, Mißhandlung und Verachtung — alles das hat den Juden nicht irre gemacht, und in der Treue gegen seinen König steht er keinem nach. Briefe aus England. Von Rev. Dr. Chotzner in Belfast. fie zeitweilige oder .permanente Okkupation Aegyptens von Seiten der Engländer, die vor einigen Jahren ein fait accompli geworden, hat nicht allein auf politischem Gebiete, sondern auch auf dem der Archäologie und der biblischen Geschichte verschiedene günstige Resultate zll Tage gefördert. In jenem berühmten Lande der Pharaonen, das bekanntlich besonders an Denkmälern reich ist. deren Inschriften einen wichtigen Theil der Geschichte der grauen Vorzeit enthalten, sind nämlich im Laufe der letzten zehn Jahre mit Erlaubniß der englischen Regierung Ausgrabungen gemacht und Monumente aufgefunden worden, die für den Archäologen sowohl, als auch für den Bibelforscher voll besonderem Interesse sind. Für Letzteren sind natürlich die Inschriften der fraglichen Monumente von großer Wichtigkeit, da sie Bruchstücke aus veralten ägyptischen Geschichte zu enthalten scheinell, wovon frappante Parallelen im zweiten Buche Mosis zu finden sind. Ich sage absichtlich scheineil, denn es giebt hier und da Repräsentanten der Schule der modernen Bibelkritik, die solche geschichtliche Parallelen nicht als endgültig erwiesen annehmen wollen, und zwar hauptsächlich aus dem Grunde, weil keines dieser in neuester Zeit ausgegrabenen Monumente eine genaue Erwähnung der alten Hebräer enthält. Dieser. plausible Grund ist aber jüngst durch folgenden Umstand wankelid und unhaltbar gemacht worden. Der bekannte Aegyptologe Professor Flinders Petrie in London hielt nämlich vor Kurzem daselbst einen wissenschaftlichen Vortrag, worin er unter Anderem auch von der Ausfindung einer Granittafel sprach, die er selbst in Aegypten gemacht, deren . Inschrift einen Krieg erwähnt, den einer der ägyptischen Pharaolien — Merenptah mit Namen — mit „dem Volke Israel" geführt hat. Letztere maßgebende Beschreibung der wirklichen Existenz eines jüdischen Volkes zur Zeit des besagten ägyptischen Königs, bemerkte der Vortragende, sei daselbst klar mW deutlich zu lesen, und sei auch von den bekannten Fachmännern Maspero, Naville und Spiegelberg als treue Uebersetzung des Originals erklärt worden. Nach dieser glaubwürdigen Erklärung ist es wohl kaum auzunehnieu, daß gewisie moderne Bibelkritiker noch weiter fortfahren werden, ihre Ansicht aufrecht zu verhalten, daß nämllch die ganze biblische Erzählung hinsichtlich des Auszuges der Kinder Israel aus Aegypten in das Reich der Mythe und der Legende gehöre. - Dr. Herzel's jüngst erschienenes Buch unter dem Titel: „Der Judeustaat", ist vor Kurzem ins Englische übertragen worden und hät in englisch-jüdischen Kreisen ziemlich viel Aufsehen erregt, zumal es zugleich auch einen in London wohnenden berühmten christlichen Maler, Namens Mr. Holman Hunt, veranlaßt hat. einen langen Artikel im „Jewish Chronicle" zll veröffentlicheil, der dasselbe Thema behandelt. Beide Autoren sind von der Idee höchst eingenommen, daß ein separirter jüdischer Staat mit Hilfe voll vorgeschossenem Gelde von Keiteil jüdischer Kapitalisten gegrülldet werde. Nun ist wohl diese Idee, wenll oberflächlich betrachtet,, höchst anziehend und schön, und giebt es sicherlich unter Juden und Nichtjuden eilte beträchtliche Anzahl von Lellten, die sich dafür begeistern. Nur tritt die wichtigste Frage in den Vordergrund: Angenomnlen, daß all die politischen und ökonomischen Schwierigkeiten, die der Formirung eines separaten jüdischen Staates hillderlich entgegenstehen, glücklich gehobelt wären, welche Stellung würde dieser neue Staat zlir jüdischell Religion llehmeil? Wird derselbe ausschließlich nach den Gesetzell der Bibel, oder zugleich allch nach denen des Schulchan Arllch regiert werden? Sollte Letzteres der Fall sein, was wohl mehr als wahrscheinlich ist, da die ersten und meisten Ansiedler im neuen jüdischen Staate sicherlich solche Glaubelisgenossen sein würden, die in ihrer früheren Heimath Verfolgungen aller Art von Seitell ihrer resp. Regierungeil ausgesetzt waren, dann dürften die Aussichten dieses jungen Staates auf einen glänzenden geistigen und materiellen Erfolg recht zweifelhaft erscheinen. Denn es ist eine bekanilte und zugleich auch traurige Thatsache, daß die meisten dieser Glaubeilsgenossen auf einer höchst niedrigen Bildungsstufe steheil lind in kleinlichen, religiösen Sacheil eine Bigotterie lilld Fanatismus bekunden, die jedem einigermaßen gebildeten Menschen fast unerträglich erscheinen müssen. Wird es aber in dieser Beziehung bester werden, wenn der bleibeilde Aufenthalt dieser ignoranten Fanatiker nach Jerusalem oder Palästina verlegt ist? Dies ist kauni anzlinehmen, da die beständig einlaufenden Berichte von den besagteil Ortschaften hinsichtlich der fortwährenden Streitigkeiten, die über religiöse Lappalien unter den wenigell daselbst wohnenden Juden mit so großen! Eklat auftauchen, uns schon jetzt eine Vorahnung verschaffen, wie wild und toll das Thun und Treiben dort sein würde, wenn erst Millionen von ungleich denkenden und ungleich gesinnten Glaubensgenossen im eigenen Staate mit- und voneinander zu leben haben werden. Demnach müßte jeder praktisch denkende Zionsfreund zur Einsicht gelangen, daß die obige Idee in Betreff der sofortigen Formirung.eines Judenstaates in der Theorie wohl recht schön sei, daß aber deren Ausführullg. in der gegenwärtigen Generation wenigstens, nicht ohne voraussichtliche betrübende Folgen unterlionlmen werden könne. In der fraglichen Angelegenheit könnte den sich dafür Jnteressirenden der praktische Rath des göttlichen Propheten zum Leitstern, dienen, der in den Wörternausgedrückt ist: „Nicht durch Kraft, nicht durch Macht, sondern durch nleinen Geist, spricht der Herr!" d. h. nicht durch materielle, sondern vielmehr durch geistige Mittel müssen wir versuchen, ein nobles und wün- Aenswerthes Ziel zu erreichen. ■

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