Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 60 (1896)
- Issue
- Heft 20 (15.5.1896)
- Date
- 1896-05-15
- Page
- Seite 232 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Bestimmung — und auf eine durch und durch antisemitische Redtz des Ministerpräsidenten Sturdza hin wurde der betreffende Paragraph mit großer Majorität angenommen. Arme rumänische Juden! 4 " vf ■■■■■'■■• - lvr Das Judenthilm wird nun doch offiziell bei der Zarenkrönung in Mo s ka u' vertreten sein. Noch in letzter Stunde sollen drei Rabbiner, wie es heißt, die von Petersburg, Warschau und Wilna, eingeladen worden sein. Nach einer anderen Version, die jedoch der Bestätigung bedarf, hat auch der Rabbiner Abraham Katolawer in Kischineff die Einladung erhalten, mit zwei anderen russischen Rabbinern zu den Krönungsfeierlichkeiten in Moskau zu erscheinen. :.((- - Natertandstiebe und Königstreur im Iudenthum. Bon Dr. B. Kuttner in Frankfurt a. M. ie die Vaterlandsliebe, so sind auch die Treue gegen den König, die Achtung vor der Obrigkeit alte jüdisch? Tugenden. Ein Staat ohne Obrigkeit ist im Judenthum einfach ausgeschlossen. „Richter und Vorsteher sollst du dir setzen in allen deinen Thorens heißt es im 5. Buch Mos. 16, 13, „und sie sollen das Volk richten mit Gerechtigkeit". „Nach der Lehre, die sie dich lehren, und nach dem Rechte, daZ sie dir sagen, sollst du thun; du sollst nicht weichen von dein Worte, das sie dir verkünden werden, weder zur Rechtest noch zur Linken" (ebenda 17, 11). Und einige Kapitel weiter heißt es in demselben Buche (22, 27). „Richter sollst du nicht lästern, und einem fyiirften im Volke sollst du nicht fluchen." Daraus folgt unwiderleglich, daß nach jüdischer Lehre die Obrigkei't von Gott eingesetzt ist und daß ihr, als der Vertreterin der göttlichen Gerechtigke t auf Erden. Gehorsam und Ehrfurcht gebührt. Das Haupt der Obrigkeit, das zugleich die höchste Gewalt in seiner Hand vereinigt, und der höchste Richter ist der König. Es ist nun selbstverständlich, daß ihm aus denselben Gründen Ehrfurcht und Gehorsam zu beweisen ist. Trotzdem wird der König noch ganz besonders als geheiligte und unverletzliche Person hingestellt. „Fürchte Gott und den König mein Sohn, und menge dich nicht unter die Aufrührerischen", heißt es Spr. 24, 21. und damit wird die Ehrfurcht vor dem Könige auf die gleiche Stufe mit der Gottesfurcht gesetzt. Als die Gemahlin des Königs Ahab, die ruchlose Isabel, keinen anderen Weg sieht, ihrem Gemahl den heißersehnten Weinberg des Nabot zu verschaffen, da bestellt sie zwei itid)t§nntrbiöe Männer, welche aussagen müssen, Nabot habe Gott und den König gelästert — worauf der unschuldige Mann getödtet wird. „Gott und König" — wir sehen ganz deutlich, wie Gott und König gern zusammengestellt und zusammen genannt werden; die Lästerung des Königs, des sichtbaren Stellvertreters Gottes, ist eben nach allgemeiner Anschauung an und für sich schon eine Gotteslästerung. Wie tief muß die Ehrfurcht vor dem Könige in die Herzen des Volkes eingegraben sein, wenn sie mit der Gottesfurcht zusammen genannt wird. Aber sie wird uns begreiflich, wenn wir einen Blick in die Bibel.thun.- Da wird der König durch einen Propheten oder einen Priester, also in beiden Fällen durch einen Gottesmann im Namen Gottes gesalbt. Darum heißt es z. B. auch im Buche Daniel 2,21: „Gott setzt Könige ab und Könige ein". Dieser Umstand nun, daß er sein Königthum von Gott hat, erhöht seine Entschlossenheit und seinen Mnth, oder, wie die Bibel sagt, „der Geist Gottes , kommt über ihn". Er ist also eine vom Geiste Gottes erleuchtete Person, die über den anderen Menschen steht. Diese anderen aber empfinden Scheu und Ehrfurcht vor dem Gesalbten. Gottes.; Als David auf seiner Flucht vor Saul diesen einmal schlafend in einer Höhle findet, und seine Leute ihm rathen, seinen Feind zu tödten, um endlich wieder zur Ruhe zu kommen, spricht er: „Das laste Gott von mir fern sein, daß ich solches thue und Hand an meinen Herrn lege, den Gesalbten Gottes; denn ein Gesalbter Gottes ist er." Und doch war der Geist Gottes längst von Saul gewichen, und Mißtrauen gegen seine nächste Umgebung und Grausamkeiten aller Art hätten es gewiß begreiflich erscheinen lassen, wenn diesem Manne gegenüber die Ehrfurcht geschwunden wäre; aber es blieb doch unvergeffen, daß er ein Gesalbter Gottes war. Und als ein junger Amalekiter nach der Schlacht auf dem Berge Gilboa, dem David die Nachricht von dem Tode Sauls brachte und hinzufügte, er selbst habe den tödtlich verwundeten König auf besten eigene Bitte vollends getödtet, da ließ ihn David — statt der gehofften Belohnung — hinrichten mit den Worten: „Dein Blut auf dein Haupt; denn dein eigener Mund hat wider dich gezeugt, da du sprachest: Ich habe den Gesalbten Gottes getödtet." Als der verderblichste König erscheint in der Bibel der König Ahab, der das Volk zum Götzendienst verleitete. Gegen ihn eiferte rücksichtslos der Prophet Elias; und doch, nach dem großen Tage auf dem Berge Karmel, als Elias allen Grund hatte sich zu fühlen, ist er dem Könige gegenüber der demüthige Diener; er räth ihm heimzukehren, ehe der Regen die dürren Wege unwegsam gemacht hat und läuft, einem Diener gleich, neben dem Wagen her. Wo findet sich etwas Gleiches oder auch nur dem Aehnliches? Nirgends, als bei den Israeliten. In demselben Sinne sagen die Gesetzeslehrer des Talmud (Berachoth 58a.): „Die Herrschaft und Gewalt auf Erden ist ein Abglanz der Herrschaft Gottes im Himmel." Der größte und umfaffendste Geist des Mittelalters, Moses Maimonides (1135—1204), hat in seinem gewaltigen Werke Jad Hachasakah, im 14. Buche, einen besonderen Abschnitt (hilchoth melachim) über die Rechte und Pflichten des Königs nach jüdischem Gesetze: Im 2. Kapitel dieses Abschnitts handelt er von der Ehrfurcht, die dem Könige zu erweisen sei, und sagt 8 2 wörtlich: „Man müsse Jedermann Scheu und Ehrfurcht vor dem Könige einflößen." Ein Ausfluß dieser Ehrfurcht vor dem Könige ist der Gebrauch, den fromme Israeliten noch heutigen Tages beobachten, beim Anblick eines gekrönten Herrschers den Segen zu sprechen: „Gepriesen seist Du, Ewiger, unser Gott, König der Welt, der Du dem staubgeborenen Menschen von Deiner Herrlichkeit mitgetheilt hast." . Aus dieser tiefen Ehrfurcht vor dem Könige, folgt dann die Treue und der Gehorsam gegen ihn, mochte man nun diese ausdrücklich geschworen haben oder nicht. Der König ist den Israeliten allzeit der rechtmäßige Stellvertreter Gottes auf Erden, Und Untreue gegen ihn ist einem Meineid gleich zu achten. Schon. Kohelet 8,2 heißt es: „Befolge das Gebot des Königs, auch wegen des Eides bei Gott!" Als Alexander der Große das Perserreich erobert und durch die Einnahmen von.Tyrus auch Herr von Palästina geworden war, weigerten sich die Juden anfangs, ihm zu huldigen, weil sie dem . Perserkönige Treue geschworen hätten. Aber gerade deswegen war der edle Alexander wohlwollend gegen sie. Als nach seinem Tode seine Feldherren das große Reich unter .sich theilten, erhielt Laomedon Cölesyrien. zu dem auch Judäa WM