Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 60 (1896)
- Issue
- Heft 20 (15.5.1896)
- Date
- 1896-05-15
- Page
- Seite 230 (sequence 2)
- Language
- German
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Geistesleben der Menschen umspannt, sie selbst aber ist rem und' unberührt geblieben. ' ' ■ Nicht daraufckam^es jhrNn^möglichst vielen Menschen den Nameff und das Zeichen eines^ Jsraeliteti änfzilprägendemyMeligioueir: und Geistesbestrebimgen überhauptdie unter großen Massen Anhang gewinnen wollen, müssen stets von der Höhe steigen, auf der sie ursprünglich sich befanden; sie müsien sich den Meinungen un§ Neigungen der Mafien anbequemen, und so viel Schlacken trübess dann den Goldeswerth, daß dieser fast ganz zurücktritt, sondern das, wllrde erstrebt, daß.Diejenigen, die sich nach Israel nannten, in- Wahrheit Gottesstreiter waren. Unsere, Weisen sagen: „Proselyteu! waren alle Zeit für Israel eine Plage", denn selbst Diejenigen, die es ehrlich mit ihrem liebertritt meinten, folgten nur einem Rausche' der Begeisterung, der rasch vorüberflog. Israel nimmt freudig Jeden' auf, der zu ihm kommt mit ernstem Sinn, und gern reicht es beit Fremden die Krone, die sich Verdienste erwerben um den Ausbau des Gottesreiches. Spricht doch ein jüdischer Lehrer seine Verachtung aller Geburts- und Staudesvorurtheile sogar in dem kecken Worte aus: - Besser in Blutschande geboren und mit Wahrheit geschmückt, dein: Hoher-Priester und in Unwissenheit lebend! Es ging damals vor ungefähr achtzehnhnndert Jahren, ein heißes Sehnen durch die Gemüther der Heiden nach, erhabenen! religiösen Ideen, als ihre Priester sie ihnen boten •; die Philosophen hatten die Nichtigkeit der Vielweiberei erwiesen und, wie ein großer Schriftsteller der damaligen Zeit sich ausdrückt, kein Priester konnte den anderen bei Verrichtung seiner Dienste sehen, ohne daß sie sich gegenseitig ins Angesicht lachten. Von Staatswegen wurde der alte Kultus noch gepflegt, aber die Altäre standen leer, die Tempel waren verödet; Keiner glaubte mehr an das, was offiziell Religion genannt wurde und was den Meisten nur als Märchen galt. Anfangs wollten die Denker an die Stelle der Priester treten; gewaltige Geisteshelden traten auf den Plan und wollten der Gottheit ihr Geheimniß abringen. Große, ewige Denkmäler des menschlichen Geistes werden allezeit Zeugniß geben von der außergewöhnlichen Willens- und Verstaudeskraft, mit der Griechenlands Philosophen zum Grunde der Dinge strebten. Aber sie haben das Räthsel nicht ergründet, ermattet waren die Geisteshelden lange vor Erreichung des Ziels, und dieses gewaltige Ringen endete in einem Aufschrei der Verzweiflung, daß die hochgebildete Zeit nichts glauben und nichts wissen könne, daß sie haltlos dahinflog als wie das Wrack eines vormals vielmastigen Schiffes auf den wogenden Fluthen. Und nicht allein auf dem Gebiete der Forschung, auch im Staatsleben hatte dieses Zeitalter entsetzlich Schiffbruch gelitten; große Völker, die ein halbes Jahrtausend in Freiheit gelebt hatten, mußten ihren Nacken beugen vor dem Szepter von Fürsten, die einst Burger gewesen waren, vor einem Szepter/ welches tief getaucht war in das Blut der Genossen. So fehlte der Zeit trotz ihrer großen Bildung jeder Halt und jede Stütze. Nicht der Markt und nicht der Tempel, nicht das politische und nicht das religiöse Leben bot Befriedigung. Da lernten Roms undHellas gelehrte Männer denGlauben Israels kennen; sie lasen die Schrift und fanden in den Schriftwerken dieses verachteten Stammes eine Erhabenheit, eine Gewalt des Ausdrucks, welche ihre großen Wort- und Sangesmeister nie erlangt hatten. Das Alles erkannten damals die Heiden, und wie berauscht wandten sie sich der neuen Gottheit zu; wie ein leises Geflüster ging es durch Morgen- und Abendland: -die alten Götter sind todt und Juda's Gott ist der einzig Eine, und viele schlossen sich an Juda's geschmähte Söhne. - ' Viele traten über, aber mehr aus Scheu, aus Bewunderung über das ihnen bisher völlig Neue und Unbekannte, mehr überwältigt von den wonnigen Schauern des Geheimnisses, welches für sie in jenen Schriften webte,, denn hingezogen von der , schlichtenWahrheit. Das Judenthum . war ^manchen nicht mehr, als .ein: neuer Reiz-, für ein übersattes Gemüth, sie trieb nicht der Geisteshunger,- den die gesunde Seeleempfindet. Und so trügen denn diese Proselyten heidnischen Sinn und: heidnische Sitte in Israels Heiligthum, und auf sie bezieht ein Lehrer des Talmud den Vers des: Hohenliedes. „Fasset uns die Füchse, die kleinen Füchse, sie verderben den Weinberg und unser Weinberg blüht". Israel ward nicht die Aufgabe, die Menschen zu seinem Glauben durch alle die großen und kleinen Mittel, welche anderwärts hin und wieder angewendet werden, zu bekehren; ganz im Gegentheil, als die Führer unseres Volkes merkten, daß die Fremden recht zahlreich zu unserem Glauben sich drängten, da richteten sie statt der Hecke, welche früher ihre Religion von den andern abgrenzte, einen hohen Zaun auf, um sie abzuhalten, da erschwerten sie die Uebung des Judenthums, da verwehrten sie die Eeremonien, .um die Unberufenen vom Heiligthum, zu' entfernen. Diejenigen, welche ineiner augenblicklichen Verödung des Gemüthes sich einem ihnen bisher fremden Glauben ' anschlossen,: werden später Schwärmer oder Zweifler, ihre Stimmung ist entweder schwül oder kühl, gereizt oder matt. Sie untergraben oder überspannen den Anspruch der Religion an das Gemüth. Israel hat keinen Gefallen daran, es ersehnt die messianische Zeit, aber was würde denn die Zeit uns frommen, wo ein Sehnen nach der Wahrheit die Geister erfaßt, wenn die Hüter den goldenen Hort nicht gewahrt haben, wenn Israel.es geduldet hat, daß Schwärmer fein Heiligthum entstellen, daß Füchse seinen Weinberg zerstören. Die Streue ist eine recht nüchterne Tugend, und überspannte Naturen, die rasch erglühen, sind auch wieder rasch erkaltet. Israel hat es erfahren: die Schwärmer, die stürmisch an seine Thore pochten und in heißer Liebe plötzlich auflohten zu seinen! Heiligthum, sie haben selten ihm Segen gebracht. Nicht die flammende Begeisterung, sondern die nüchterne Hingebung schafft das Große auf Erden. Unsere Weisen werfen die Frage auf: Weswegen ist David, der so rührende Freundschaft pflegte, dessen Gemüth so lebhaft schlug für alles Hohe und Edle, warum ist er später der Sünde auheimgefallen und bestraft worden", und sie antworten: „Weil er die Worte der Schrift Gesänge genannt hat." Denn so heißt es in den Psalmen: „Deine Satzung ward mir zu Gesängenwas dies Wort sagen will, ist uns nach den-vorangegangenen Erörterungen wohl nicht unklar. Wer für seinen Glauben nur schwärmt, der wird wohl in herrlichen Liedern ihn besingen, aber in der Stunde der Prüfung wird sich dann selbst ein David zuweilen schwach erweisen, denn Schwäche und Schwärmerei sie wohnen hart bei einander: überschwängliche Stimmungen dieser Art können ebenso sehr durch heilige wie durch unheilige Dinge erregt werden; und als solch unheilige Regung den Sinn Davids überkam, da schwärmte er gleichfalls und fiel in Sünde. Wer seinen Glauben lieb hat, der nennt ihn nicht wie David seinen Sang und seinen Liebling, sondern seinen Lehrer und seinen Führer. Israel erfüllt seinen Prophetenberuf, . wenn es sein Kleinod wahrt, wenn es sich selbst heiligt und zur Tugend: erzieht. Denn das ist die einzige berechtigte Selbstsucht, wenn wir zuvörderst in uns selbst die Keime des Edlen pflegen, bevor wir anderen unsere Lehren aufdrängeu. Mag Israel dem Urbild der Wahrheit, treu sein und nicht neidisch werden. Seine Aufgabe ist es, ein Beispiel und da-. durch ein Lehrer zu sein, unbekümmert um den Erfolg, zu halten , das- Wort der Schrift: Heiligt Euch selbst, daß Ihr heilig seid.