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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1896-05-15 · Heft 20 (15.5.1896) · p. [Seite]

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
60 (1896)
Issue
Heft 20 (15.5.1896)
Date
1896-05-15
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
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60. Jahrgang- Nr. 20 Berlin» 15. Mai 1896. Gin unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. Begründet von Kalibiner V- LuLwig Philipps»«-Bonn. Verlags-Expedition: Lerün, Zerusaiemerstr. 48/49 Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnements - Preis': Durch- Buchhandel, Postoder direkt von der Expedition inBerlin unter Streifband bezogen viertelsährl. 3 M. Redacteur: Gustav K arpeles. Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition sind an die Adresse: Verlag der »Allgem. Zeitung deS Judenthums', Berlin SW., Jerusalemer Straße 48/49 zu richten. Verlag vo» Rudolf Moste, Berlin. 3tti|ltlt« Leitartikel: Die Sendung Israels. — Die Woche. — Vaterlandsliebe und Königstreue im Judenthum. II.. Von Dr. B Kuttner. — Briefe aus England. Von Rev. Dr. Chotzner. — Schulzucht. III. Von Max Golde. — Abraham Geigers Briefe an I. Derenbourg. Von Prof. Dr. Ludwig Geiger. — Feuilleton: Der Satan. Erzählung von I. Zangwill. — In der Gewerbe-Ausstellung. I. — Litterarische Mittheil,tn gen. — Sprechsaal. Der Gemeindebote. Korrespondenzen und Nachrichten: Berlin. Königsberg. Aus der Provinz Posen. Hannover, Dresden. Hildburgbausen. München, Wien. Paris, London. — Don Nah «nd Fern. — Miseellen. Nie Sendung Israels. Eine Betrachtung zum Wochenfeste. Berlin, 14. Mai. geschieht des Priesterberufs Erwähnung, den Israel übernommen hat,, oft wird behauptet, ihm sei die Aufgabe <2?® geworden, die Menschheit zu einer reineren, idealeren Anschauung zu erheben. Wie hat nun Israel diese Aufgabe verstanden, wie sie erfüllt? Noch immer ist es ein kleiner Stamm und wird nicht gezählt unter den Nationen, noch immer ist es geschieden durch eigenthümlichen Brauch, und ob es auch nicht in einem besonderen Lande wohnt, so durchzieht es dennoch die Wogen der Menschheit, wie der Golfstromdas Meer durchzieht; die Israeliten gleichen einer Fluth, die in den Ozean mündet, die aber sich llicht mit den Meereswassern mischt, sondern mitten durch die Wogen leicht erkennbar hinnberfließt zum jenseitigen Gestade. Wie aber soll Israel einen, da es überall sich abschlreßt, wie verbinden, da es stets sich sondert? Sollen wir sagen : Israel hat am Sinai die Pflicht übernommen, um das Banner Gottes die Menschen zu schaaren, und es hat diese Pflicht versäumt, da noch heut nicht viel mehr zur Thora sich bekennen, als dereinst in Arabiens Wüste? Das wäre ein harter Spruch und spräche uns das Urtheil über Vergangenheit und Zukunft; denn wenig läßt sich von einem Stamme hoffen, der so lange ohne Leistung war. Der Baum, der Jahrhunderte nur sich selbst geblüht hat, wird schwerlich unversehens goldige Früchte reifen. Jedoch wir bevor dieses Urtheil sprechen, sei . es uns gestattet, mit einem Gleichniß der Sache näher zu treten. Denken.wir uns einen. Künstler, der ein herrliches Bild vollendet hat; er hat das Verlangen, sein Werk nicht nur von einem engen Kreise bewundert zu sehen, er will, daß der Ruf seiner Arbeit in die Ferne dringe, daß der Reiz der Schönheit, welchen er über dasselbe ausgegoffen, recht viele erfreue, daß Brecht viele ihr Auge und ihr Herz weiden und erquicken an dem wunderbaren Anblick; aber wird er nun dieses Bild selbst wegschicken, daß es durch die Lande wandere, wird er es sorglos den Schicksalen preisgeben, die es auf solcher Wanderung erfahren könnte? O nein, je theurer ihm sein Werk und sein Ruhm ist, desto eifriger wird er es hüten und nicht von sich lasten. Jedoch die gehorsamen Dienerinnen der Kunst wird er herbeirufen, daß sie Abbilder anfertigen; diesen bescheidenen Gehilfen wird er die Sorge lasten, seinen genialen im Bilde zusammengefaßten Gedanken zu verbreiten. Wohl weiß er, kein Abbild kann die Zartheit der Zeichnung, die Schärfe und Feinheit der ursprünglichen Konzeption wiedergeben, und mancher kleine Zug, der dem Kenner den denkenden Künstler verräth, wird verloren gehen. Aber das Urbild, über welches er die ganze Klarheit seiner Anschauung, die ganze Wärme seiner Empfindung gehaucht hat, das mag er doch nicht des Schicksals wetterwendischen Launen anvertrauen, das hütet er wie ein Heiligthum für die Auserwählten, in denen das verblaßte Abbild die Sehnsucht nach dem frischen Urbild geweckt hak. Die schlechtere Nachahmung hat den Ruhm des Künstlers mehr gefördert als das .ursprüngliche Werk seines Geistes; aber am letzten Ende war es diese Arbeit, die er eifersüchtig nicht über die Schwelle seiner Werkstatt, lasten will, welche die Gemüther entzündet hat. Solch herrlichem Urbild, rein und klar, bis auf den kleinsten Zug erwogen, ist die Lehre des Sinai vergleichbar. Wäre sie hinausgeschickt worden in den wüsten Lärm des HeidenthumS, sie hätte nicht bestehen können, sie hätte ihre ideale fleckenlose Schönheit verloren. Sollte sie unentstellt bleiben von den Zügen des Heidenthums, so durfte sie in keine Berührung mit demselben treten, so mußte ein Zaun aufgerichtet werden, welcher den Götzendienst und seine beiden Genossen, die Unsitte imb die Roheit, vom Heiligthum fern hielt. Aber nun wollte wiederum auch der große Meister, welcher das Weltall gestaltet, die Menschheit nicht ganz die beglückende Wahrheit entbehren lassen, ohne deren Besitz selbst der Mensch, der mit den glänzendsten Schätzen an Geist und Gut ausgestattet ist, einer Frucht gleichet, die von außen hell und frisch und leuchtend ist und deren Kern der Wurm zerstört. Da entstanden jene Abbilder der sinaitischen Lehre, welche zu allen Völkern hinausgesandt wurden; vieles fehlte ihnen von dem Schmelz und der Zartheit des Originals, und wer dieses kannte, der wandte sich nicht zu jenem Nachbild; aber diese Religionen haben den Geist des Judenthums durch die Welt getragen, und ob auch der treue Israelit sich nicht zu ihrem Inhalt bekennen kann, freudig darf und soll er ihre große und weitragende zivilisatorische Kraft anerkennen; sie haben die Götzen und ihre Altäre zerstört, sie haben die Lehre verkündet von der Gottes- und von der Menscheneinheit, und die Welt wurde des Schöpfers inne, der sie geformt hat. So Hai Israel seinen Priesterberuf verstanden; wie die Sonne nicht selbst zur Erde kommt, um sie zu erwärmen, sondern nur ihren Strahl zu ihr sendet, so hat die Religion des Sinai mit ihren Ausstrahlungen gleichsam den Aether durchleuchtet, der das

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