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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1896-05-08 · Heft 19 (8.5.1896) · p. Seite 3

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
60 (1896)
Issue
Heft 19 (8.5.1896)
Date
1896-05-08
Page
Seite 3 (sequence 15)
Language
German
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Die sämmtlichen Wohlthätigkeits-Vcreine besaßen 1895 an Vermögen Mark 29 786,39. Der Abschluß des Budgets ergiebt ein Plus von Mark 27 926,27. An Grundstücken besitzt die Gemeinde: die Synagoge, das Haus Zeughausstraße 2, die beiden Friedhöfe. Der Synägogen- Renovations-Fonds besitzt Mark 2000, der Lehrer-Pensionsfonds Mark 16 000. bl. Leipzig, 1. Mai. Eine stattliche Versammlung trug heute den im Alter von 52 Jahren verstorbenen Rentier Salomo n Zeitlin auf dem hiesigen Friedhofe zu Grabe. Einer angesehenen russischen Familie entstammend, welche manchen berühmten Namen in ihrem Kreise zählte, strebte und wirkte der Entschlafene ganz im Geiste seines durch zahlreiche - Wohlthätigkeitsstiftungen rühmlichst bekannt gewordenen Vaters R. Josua Zeitlin in Dresden. Auch das liebende ^Herz des nun Heimgegangenen hat viel Segen gestiftet Seiner milden Hand verdankte mancher Arme Rettung, wacher Studirende Förderung, manche Braut ihr Lebensglück. Er war im hebräischen Schriftthum wohl bewandert und besaß eine werthvolle Bibliothek. Auch in der Armenkommission der hiesigen Gemeinde wirkte er nach Kraft und Gewissen. Leider fand der Mann, der so viele Andere beglücken durfte, selber nur wenig Freuden auf seinem Wege. Körperliche Leiden und harte Schicksalsschläge, so der frühe Tod seiner hochbegabten einzigen Tochter, beugten am Mittag des Lebens den kraftvollen Mann. Der Verstorbene hinterläßt einen vortrefflichen Namen, sein Andenken wird ein gesegnetes sein! P. Bremen, im Mai. Die hiesige israelitische Gemeinde ist von einem schweren Verluste betroffen worden. In der Nacht vom 13. zum 14. v. M. verschied plötzlich die in der Blüthe der Jahre stehende Frau Therese Aschendorff, geb. Schragenheim. Die so jählings dem Erdendasein Entrissene war nicht nur das Muster einer Hausfrau, einer braven Gattin und treusorgenden Mutter ihres einzigen Sohnes, sondern auch eine liebevolle Annehmerin und Beschützerin der Armen ohne Unterschied des Glaubens. Seit mehreren Jahren bekleidete sie das Amt der ersten Vorsteherin unseres Frauen-Vereins mit Treue und Gewissenhaftigkeit. Von der großen Beliebtheit, der sich die Heimgegangene in den weitesten Kreisen erfreute, zeugte das zahlreiche Trauergefolge, wie es hier selten' gesehen wurde. Am Sarge hielt Herr Rabbiner Dr. Rosenak eine alle Anwesenden tief ergreifende Rede, in welcher die Tugenden der Verklärten gewürdigt werden. Ihr segensreiches Wirken wird bei uns stets in Erinnerung gehalten werden. E. Neheim a. Ruhr, I. Mai. Der Herr Fabrikbesitzer Noa Wolfs, hier, wurde in der jüngsten Stadtverordnetensitzung zum Ehrenbürger Unserer Stadt ernannt. Er war es, der im Jahre 1833 die erste Fabrik hier errichtete und den Grund zu der hier so blühenden Lampenindustrie legte. Der 87jähriLe Herr ist noch immer unermüdlich thätig und erfreut sich infolge seines humanen Verhaltens gegen die Arbeiter allgemeiner Beliebtheit. Beinahe seit 50 Jahren ist er Vorsteher der hiesigen jüdischen Gemeinde und Vorsitzender des Synagogenbezirkes Arnsberg; er hat ein reges Interesse für das Judenthum allezeit an den Tag gelegt. L. L. Hechingeu, 3. Mai. Vor 4 Jahren wurde ich durch einen Pariser Freund im Bad Ems mit dem sel. Baron Hirsch bekannt. Wir trafen uns regelmäßig früh 7 Uhr am Kesselbrunnen B und schlürften gemüthlich plaudernd die vorgeschriebene Becherzahl. Nachher gingen wir durch die Anlagen der unteren Lahnbrücke zu, um gewöhnlich auf dem Malberg das Frühstück zu nehmen. Unterwegs kaufte sichder Baron von den bekannten Bäcker-Jungens und Mädels seine Frühstücksbrode wie ich auch, trug sie in einer großen Papierdüte ungeniert davon und stieg heiter plaudernd oen Berg hinan. Er fragte mich nach meiner Stellung und Familie wie ein Polizeikommifsar. Als ich ihm die Bilder meiner beiden Söhne zeigte, glänzte eine Thräne in seinem wohlwollend blickenden Auge: „Sie sind reich und glücklich!" meinte er, „glücklicher und reicher als ich. Mein einziger Sohn ist tobt! Was ist aller Reichthum der Welt? Was mir Gott beschieden hat, ist ein geliehenes Gut; ich will es wenigstens zu Gunsten der Unterdrückten und Elenden anwenden." Als ich erwiederte, daß er unter den Neichen der Jetztzeit in dem, was er für Arme und Nothleidende thue, fast einzig dastehe, entgegnete er mit Lebhaftigkeit: „Wer weiß, wie lange ich noch lebe! Ist es nicht eine Schmach, unsere Glaubensgenossen wegen der „drei Tropfen Wassers", die sie nach ihrer Geburt nicht > empfangen haben, zu verfolgen und gar auszutreiben?" (Es war gerade ' die Zeit der russischen Judenanstreibungen). — Wir trafen uns noch i öfter, und immer wieder kam das Gespräch auf das alte Thema zurück Er fragte mich nach den Verhältnissen in Hechingen, das er in seiner Jugend mit seinem Vater, welcher mit der Kaulla'schen Familie in Verbindung stand, besuchte. Als ich ihm die geordneten Verhältnisse der israelitischen Gemeinde schilderte, meinte er: „Ja, in Deutschland ist die Armenversorgung gut organisirt; deshalb lege ich auch den Schwerpunkt meines Wirkens auf Rußland und Transleithanien." Auch die argentinischen Ansiedelungen kamen das Oefteren zur Sprache. „Da bin ich." meinte Baron v. Hirsch, „gründlich getäuscht worden, nicht von den Ansiedlern — das sind durchweg fleißige und gute Menschen — sondern von den Verwaltungschefs." Die Unfähigkeit und der Egoismus einzelner dieser Herren erfuhren eine harte Kritik. — Baron v Hirsch lebte in Ems sehr einfach. Im Hotel „zu den vier Thürmen" bewohnte er mit seinen Sekretären und Dienern — sein älterer Adoptivsohn, ein hübscher Junge von 11 Jahren, durfte nicht von seiner Seite weichen — eine Zimmerflucht. Der Aufwand war klein bürgerlich zu nennen. Der Baron hat in Ems nie einen Wagen bestiegen. Selbst bei seiner Abreise, als Alles zur Bahn fuhr, machte er die beträchtliche Entfernung zu Fuß. Auf dem Wege dahin gab er mir seine Photographie mit handschriftlicher Widmung. Oesterreich-Ungarn. □ Wien, 4. Mai. Der Vollzugsausschuß des antisemitischen Gemeinderathklubs beschloß, als Bürgermeister den klerikalen Gemeinderath Stro hbach, als ersten Vizebürgermeister Dr. Lueger, als zweiten Vizebürgermeister Dr. Josef Neumayer vorzuschlagen. — Im Abgeordnetenhause hielt in der Wahlreformdebatte der Mechaniker Schneider eine Brandrede gegen die Juden, die theils Entrüstung, theils Heiterkeit erregte. Schneider zitirte folgende Aussprüche Fichtes: Den Juden Bürgerrechte zu geben, dazu sehe ich kein anderes Mittel, als ihnen in einer Nacht alle Köpfe abzuschneiden und andere auszusetzen. Die Judenfrage, so fuhr Schneider fort, werde eine Lösung finden, die in der Geschichte der Menschheit einzig dastehen wird, und wenn einst Mohammed den Islam mit Feuer und Schwert vertreiben konnte . . . Präsident, unterbrechend: Ich habe genug Geduld walten lassen; derartige Aeußerungen gegen gleichberechtigte Staatsbürger kann ich nicht zugeben, und ich müßte Ihnen im Wiederholungsfälle das Wort entziehen. Schneider:' Die Herren könnten sich beiläufig denken, was ich sagen wollte. Er besprach dann den Talmud. Der Präsident rief ihn zur Sache. Schneider: Der Talmud ist der anerkannte Rechtskodex der Juden. (Zum Präsidenten): Sie verhalten sich danach, das ist doch Ihre Richtung? Der Präsident ruft Schneider, der in ähnlicher Weise sortfuhr, noch zweimal zur Sache. Schneider sagte dann, die Sozialdemokraten nehmen bei den nächsten Parlamentswahlen „zwölf Juden und nur zwei Menschen" als Kandidaten in Aussicht; er stellte schließlich den Antrag: Alle getauften und ungetauften Juden sind vom aktiven und passiven Wahlrecht ausgeschlossen. (Heiterkeitssturm.) Präsident: „Ich bedaure, daß in diesen Räumen derartige wirklich nur als schlechte Scherze aufzufassende Anträge vorgebracht werden." (Lebhafter Beifall.) Schneider zum Präsidenten: „In ein paar Jahren sind Sie auch Antisemit." Der Antrag Schneiders wird nicht genügend unterstützt. — In Graz hat abermals ein Führer der antisemitischen Partei unangenehme Erfahrungen beim Strafgerichte gemacht. Der Gastwirth und Hausbesitzer Franz Winkler, ein antisemitischer Hauptschreier, hat in einem Briefe an den Bürgermeister den städtischen Bezirksvorsteher Eduard Seewan des Mißbrauches der Amtsgewalt und des Betruges beschuldigt, woraus Seewan wegen Ehrenbeleidigung klagte. Der vor Gericht in der richtigen Beleuchtung erschienene Advokat Starkel versuchte einen Wahrheitsbeweis für seinen Klienten Winkler, der aber gänzlich mißlang. Winkler wurde zu sechs Wochen Arrests verurtheilt. — Baronin Klara Hirsch hat für die Armen der Stadt Wien ohne Unterschied der Konfession 100 000 Fres. gespendet. Dr. v. Friebeis richtete ein Dankschreiben an die Baronin. — Bei dem diesjährigen Mai-Avancement der Armee wurde eine große Anzahl jüdischer Offiziere befördert. Bl. Budapest, 29. April. Die Frage der Ergänzung der Seelsorgerbezüge beschäftigt den Kultusminister Dr. Wlassies, wes-

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