Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 60 (1896)
- Issue
- Heft 19 (8.5.1896)
- Date
- 1896-05-08
- Page
- Seite 4 (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
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halb -er die israelitische Landeskanzlei aufforverte, auf Grund der ihr zur Verfügung stehenden Daten einen tabellarischen Ausweis über alle jene Rabbinate vorzulegen, deren" Dotirung 1600 Kronen nicht erreichen-. Die israelitische Landeskanzlei hat die nöthigen Verfügungen getroffen, um diesem Aufruf entsprechen zu können. — In der nächsten Zeit erscheint unter dem Titel: „Ungarns Juden und das Millennium:" ein Werk, welches die Entwickelung der Juden Ungarns und das Bemühen derselben um das Aufblühen der Wissenschaft, der Kunst, des Handels, der Litteratur und der Industrie darstellen wird. Graf Hermann Zichy und I. M. Derestye, die Verfasser des Werkes, wollen in diesem Werke alle vaterländischen Größen jüdischer Konfession, die dem Lande Ersprießliches leisteten, aufzählen, ohne die Schleppträger Einzelner zu sein und geschmacklose Lobeshymnen anzustimmen. — Die ungarländische Orthodoxie hat einen schweren Verlust erlitten. Ihr Führer, der Präses der orthodoxen Durchführungskommission, Ignaz Reich) der seit einem Vierteljahrhundert schlecht und recht seines Amtes waltete, ist im 70. Lebensjahre gestorben. Frankreich. □ Paris, 26. April. Das Leichenbegängniß des Baron Hirsch hat heute unter großer Betheiligung stattgefunden. Der Leichenzug bewegte sich von der Rue de l'Elysee nach dem Friedhofe Montmartre. Außer den leidtragenden Adoptivsöhnen Armand und Raymond Forest- Bischoffsheim und den Brüdern folgten dem Sarge Vertreter der verschiedenen Wohlthätigkeitsvereine, die Baron Hirsch unterstützt, und Delegirte der Stiftungen, welche er gegründet hatte, insbesondere aus Oesterreich-Ungarn, dann eine Deputation russischer Studenten jüdischer Konfession. Ferner bemerkte man unter den Trauergästen viele Mitglieder des französischen Hochadels, der Diplomatie und der Sportswelt. Am Sarge sprachen der Großrabbiner Zadoc Kahn und der Vice-Präsident der Alliance Jsraelite, N. Leven. Dem Wunsche des Verblichenen gemäß schmückten keine Blumen den Sarg. Fürst Ferdinand von Bulgarien stattete vor dem Begräbnisse der Wittwe einen Kondolenzbesuch ab, der etwa zwanzig Minuten dauerte. Die Erwartung, daß das Testament nach dem Leichenbegängnisse eröffnet und publizirt werden würde, hat sich nicht erfüllt. Baron Hirsch belont darin, daß es Pflicht eines jeden Menschen sei, die Ordnung seiner Angelegenheiten rechzeitig vorzunehmen; er verfügt über die Betheiligung der Familienmitglieder am Vermögen und setzt fest, daß alle bisher bewilligten Pensionen, Sustentationen und anderen wie immer gearteten Beiträge in Zukunft uneingeschränkt von den Erben bestritten werden sollen. Durch das Kodizill wird auch eine Million Francs, die für Wohlthätigkeitsanstalten in Wien bestimmt war, auf Humanitätsinstitute in Mähren übertragen. Die eine Hälfte dieser Summe hat ausschließlich israelitischen, die andere Hälfte solchen Wohlthätigkeitsinstituten zuzufallen, deren Wirksamkeit Bedürftigen ohne Unterschied der Konfession gewidmet ist. Die Auswahl der Wohlthätigkeitsanstalten ist den vier Testamentsexekutoren überlassem Das Vermächtniß von Aktien der Jewish. Colonisation Association in London im Betrage von zwei Millionen Pfund Sterling an die israelitischen Religionsgemeinden von Brüssel, Frankfurt a. M. und Berlin sowie an die englische Jewish Association ist dadurch gegenstandslos geworden, daß diese Aktien von dem Erblasser den bedachten Korporationen schon bei Lebzeiten überlassen worden sind Andere Legate sind weder in dem Testament noch in dem Kodizill enthalten. Das vorhandene Vermögen fällt der Wittwe des Erblassers, Baronin Klara Hirsch-Bischoffsheim, und seiner achtjährigen Adoptivtochter Lucienne, einer Tochter des verstorbenen Sohnes Lucien, zu. Baronin Hirsch hat zur sofortigen Vertheilung an die Armen von Paris und Wien 200,000 Frcs. bestimmt und ferner verfügt, daß 60,000 Frcs. an die Beamten und das Personal derHerrschaftRosfitz-Eichhorn vertheilt werden. Zum Testamentsvollstrecker ernennt Baron Hirsch seinen langjährigen Freund D. Dietz in Paris, den et bittet, den Grundsätzen und Ansichten, die Baron Hirsch bisher an den Tag gelegt, stets treu zu bleiben. Das Testament schließt mit den Worten: „Ehrlich und furchtlos: damit erweist man sich selbst den größten Dienst und erwirbt sich die Hochachtung der Menschen." Wie man uns aus Brünn noch mittheilt, soll Baron Hirsch die Absicht gehabt haben, auf dem Rückwege von seinem ungarischen Gute, wo ihn der Tod ereilt hat, dort mit dem Landes-Rabbiner Dr. Placzek zusammenzutreffen, um mit ihm eine große Wohlthätigkeitsaktion, die er für Mähren und andere Kronländer plante, zu besprechen. Möglicherweise wird die Frau Baronin .die auch ihr bekannten Intentionen ihres verewigten Mannes nach der oben bezeichneten Richtung zu realisiren geneigt sein. Baron Hirsch soll sich auch für die israelitische Konsistorialverfassung, welche Herr Dr. Placzek vor einiger Zeit angeregt hat, lebhaft interessirt haben. . Von Nah und Fern. — Der Wettbewerb um das Stipendium der ersten Michael Beerschen Stiftung, für jüdische Maler aller Fächer bestimmt, ist leider auch diesmal wegen Unzulänglichkeit der eingegangenen Bewerbungsarbeiten ohne Ergebniß geblieben. — Karl der Groß e war auch ein Jude! Ein Dr. H. schreibt in der „Deutschen Reform" vom 26. April: Mit dem Tage, wo Karl der Juden - Römling oder der Grausame — irrthümlich der „Große" genannt — den Sachsen das talmudischpfäffische Juden - Christenthum aufzwang" u. s. w. — Rechtsanwalt Gustav Meyer in Dresden, Vorsteher der dortigen jüdischen Gemeinde, ist am Geburtstage des Königs Albert zum Juftizrath ernannt worden. — Unsere Antisemiten haben mit ihrer bekannten Praxis, hervorragende Verbrecher und dergleichen den Juden ^an die Rockschöße zu hängen, entschieden Pech So haben sie neuerdings wieder den Kommerzienrath Falk in Nürnberg, der wegen Sittlichkeitsvergehen verurtheilt worden ist, sofort zum Juden gestempelt, weil ihnen der Name Falk im Verein mit dem Kommerzienrath „verdächtig" erschien. Doch auch diesmal sind sie gründlich reingefallen; denn besagter Falk ist evangelisch, konservativ, und entstammt einer alten Nürnberger evangelischen Familie. — Herr- Eduard Steinthal in. Coswig in Anhalt ist am Geburtstage des Herzogs von Anhalt zum Kommerzienrath ernannt worden. — In Zabern ist am 21. d. Mts. Rabbiner Dreyfuß in hohem Alter gestorben. Nicht lange hat er sich der Ruhe freuen dürfen, denn erst Ende 1895 trat er in den Ruhestand, nachdem er seit Mai 1856 die dortige Rabbinerstelle inne hatte. Sein Sohn ist der Großrabbiner von Paris. Zu seinem 50 jährigen Amtsjubiläum erhielt er den Kgl. Kronenorden 4. Klasse und am 1; Januar, bei seinem Ausscheiden aus dem Amte, den Rothen Adlerorden 4. Klaffe. — Der jüngst verstorbene Med. Dr. Emanuel Bunzel, aus Prag gebürtig, hat insgesammt eine Viertel Million Gulden für wohlthätige Zwecke in seiner Heimathstadt gewidmet. Die Widmungen sind ausdrücklich für Juden und Christen zu gleichen Theilen gemacht. — Wie in vatikanischen Kreisen verlautet, erhielt die Kurie aus Petersburg die Versicherung, der Zar werde anläßlich der Krönung einen Ukas erlassen, der die Religions-, Erziehungs- und Preßfreiheit gewährt. Erscheint uns sehr unwahrscheinlich! — Herr Lasar Brodski in Kiew hatte der dortigen Munizipalität 120 000 Rubel zur Verfügung gestellt, um eine Gewerbebank zu gründen; diese humane Idee ist aber bis jetzt nicht zur Ausführung gekommen, da der Kiew'sche Generalgouverneur, Graf Jgnatjew (ein Bruder des Vaters der Maigesetze), in dem Statut der zu kreirenden Bank einige antisemitische Klauseln angebracht hatte, mit denen sich der jüdische Stifter nicht für einverstanden erklären konnte. Derselbe richtete nun an die Munizipalität eine Denkschrift in der er sagt: „Da zu meinem größten Leidwesen sich meine Erwartungen nicht realistrten und die von mir oben verlangten Abänderungen des Statuts nicht sanktionirt werden sollten, so ziehe ich meine Offerte zurück und werde auf der Annahme meiner Schenkung nicht mehr bestehen. Ich werde die von mir bestimmte Summe zur Gründung einer Handwerkerbank bis zu dem Zeitpunkt verschieben, wo die Idee eines derartigen Kredits in Kiew ohne Bezugnahme auf Nationalität und Konfession sich wird verwirklichen lassen können." — Einige Tage vor dem Passahfeste hat Sultan Abdul Hamid demChacham Baschi, Rabbi Moses Levy in Konstantinopel, den Betrag von 300 türkischen Pfund (5000 Mk.) überschickt, damit man Mazzos und Fleisch ankaufe und die Armen damit betheile. — In Tunis .hat die Regierung während der beiden letzten Monate einen künstlerischen und industriellen Konkurs eröffnet Dabei haben 9 Juden Medaillen, 5 Ehrendiplome und ehrenvolle Erwähnung erhalten. Zwei, Salomon Sitruk und Har Belhausen, wurden mit dem Nischam Jftichar-Orden dekorirt.; Druck und Verlag von Rudolf Mosse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Mar Bauchwitz in Berlin.