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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1896-05-08 · Heft 19 (8.5.1896) · p. Seite 224

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
60 (1896)
Issue
Heft 19 (8.5.1896)
Date
1896-05-08
Page
Seite 224 (sequence 8)
Language
German
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v auch unter ihnen Beispiele des wahren Heldenmuthes und der ' rühmlichsten Verachtung der Kriegsgefahren aufzuweisen; sowie die übrigen jüdischen Einwohner, namentlich auch die Frauen, in Aufopferung jeder Art den Christen sich angeschloffen." Obgleich die Zeit nach den begeisternden Kriegsjahren den ... Juden wenig Freude, aber umsomehr Enttäuschungen und Kränkungen brachten, so mußte, doch der'Minister des Innern in dem Gesetze über die Verhältnisse der Juden vom 23. Juli 1847 ihnen beiläufig folgendes Zeugniß ausstellen: „Faßt man den Inhalt dieser Ermittelungen zusammen, so darf man als ersahrungsmäßiges Resultat annehmen, daß die Juden des preußischen Heeres von den Soldaten der christlichen Bevölkerung im Allgemeinen nicht erkennbar unterschieden sind, daß sie im Kriege gleich den übrigen Preußen sich bewährt, im Frieden den übrigen Truppen nicht nachgestanden haben." Aber auch in den Kriegen von 1864, 1866, 1870 und 1871, durch welche die deutsche Einheit erkämpft wurde, haben sich die Juden bewährt. Für die deutsche Einheit haben sich übrigens preußische Juden schon zu einer Zeit begeistert, wo das noch mit Gefahren verbunden war. Hierfür sei nur ein Zeuge angeführt; aber das ist kein Geringerer als König Friedrich Wilhelm IV. In den Zeit- und Lebensbildern von Joh. Jauffen, 4. Auflage, Band 2, Seite 192', schreibt der König an Dahlmann: „Ueber die allgemeine Begeisterung von ganz Teütschland für die politische Einheit sind Sie, lieber Dahlmann, so glaube ich, sehr im Jrrthum. Das ist ein Unglück und widerstreitet Herzensaffektionen, aber ich' muß der Wahrheit, die Ehre geben : im nördlichen und nordöstlichen Deutschland ist, wenn Sie die Effervescenz der großen Städte und die Teutschwuth der Juden abrechnen, von Enthusiasmus dafür gar nicht die Rede" u. s. w. Und heute wird versucht, die Juden zu Feinden des Deutschen Reiches zu stempeln! Und ein Oberlehrer in Dresden darf am letzten Kaisersgeburtstage sagen, daß die Juden nur „um ihres persönlichen, materiellen Vortheiles willen" in Deutschland leben, „daß sie mit wenigen rühmlichen Ausnahmen für unseres Vatery landes Größe und seine Ehre kein Herz haben!" Als ob auch nur ein Schatten von Beweis für eine so leichtfertige Behauptung beigebracht werden könnte! Als ob die Juden nicht allzeit mit derselben Bereitwilligkeit Gut und Blut für König und Vaterland geopfert haben, wie jeder Andere! Ja, mehr noch! Im Oktober 1895 erzählte ein Ministerblatt, die „Berliner Neuesten Nachrichten", daß im Jahre 1866, als unmittelbar vor dem Kriege der damalige Finanzminister v. Bodelschwingh die Flinte ins Korn warf und König, Heer und Vaterland im Stiche ließ, Herr v. Bleichröder zuversichtlich seine Karte auf die muthvolle Entschlossenheit der Bismarckschen Politik und die Tapferkeit des preußischen Heeres setzte und die Mittel zum Kriege bereitstellen half... Er hat für patriotische Zwecke stets eine offene Hand gehabt, was u. a. auch aus Louis Schneiders bekanntlich von Kaiser Wilhelm selbst revidirten Memoiren ersichtlich. Im Jahre 1870 haben 12 000 Juden gegen Frankreich gefochten; davon haben sich 368 das eiserne Kreuz und die entsprechenden Orden anderer Bundesstaaten erworben. Unter diesen Rittern des eisernen Kreuzes befinden sich auch zahlreiche Aerzte; und von einzelnen dieser Aerzte wird ausdrücklich erwähnt, daß sie die Orden wegen ihres tapferen Verhaltens bekommen haben. Ein Mann, dem man mancherlei nachsagen;ann, nur nicht, daß er ein Freund der Juden sei, der, frühere Hofprediger Stöcker, hielt im Jahre 1876 im Evangelischen. Vereinshause zu Berlin einen Vortrag über den „religiösen Geist im Volk und Heer während des französischen Krieges." Diesen Vortrag nahm er in seine Sammlung „Christlich- Sozial" auf (Leipzig und Bielefeld, ' 1885). Da sagt er auf Seite 284: „Die Israeliten dachten nicht anders, auch sie ergriff der Strom religiöser Begeisterung. „Wir fühlest es, wir haben gesündigt, wie unsere Väter," betete am Kriegsbußtage des Rabbiner von Köln, „Reue durchzuckt jedes Herz. Wende dein Antlitz nicht von uns ab, wir müßten sonst vergehen. Dein Volk Israel und unsere deutschen Brüder alle, sie demüthigen sich und liegen im Staub vor dir." Mit einem aus tiefster Seele gesprochenen Segen über Israel und Deutschland schloß das ergreifende Gebet." Wir können hinzufügen, daß man nicht nur in Köln, sondern in allen jüdischen Gemeinden in diesem Sinne betete, und daß man damit nur den Gefühlen Ausdruck gab, wie sie das Judenthum seinen Bekennern allzeit von Jugend auf einprägt. Und wenn heute, 25 Jahre nach der Wiedererstehung des deutschen Reiches, für das auch unsere Väter und Brüder geblutet haben, „manches Mißverständnis zu Tage getreten ist, eine tiefe Zerklüftung selbst unter den Kampfgenossen Platz gegriffen hat", so soll uns das doch nicht irre machen. Wer treu zum Judenthum und seinen Lehrern steht, der steht auch treu zu seinem Vaterlande und treu zu seinem Könige. Getaufte Juden im neunzehnten Jahrhundert. Von Dr. N. Sarnter. II. f och kommen wir zur Sache! Den Reigen mögen zwei Dichter eröffnen: Moses Dobruska und * Jsachar Falkensohn Behr. Ersterer, ein Jdyllendichter in Geßners Manier starb 1793 auf dem Blutgerüst. H Letzterer, dessen „Gedichte von einem polnischen Juden" Goethes Aufmerksamkeit erregt hatten, 2) wurde 1773 als eben promovirter Doktor der Medizin in Breslau, auf Betreiben der dortigen Jndenschaft, festgenommen, weil er zur Kirche übertreten wollte.») Vermuthlich hat er später Gelegenheit gefunden, seine Absicht auszuführen. Beide gehören zwar noch dem vorigen Jahrhundert an, ebenso wie Leon Gomperz, ein Litterat, der unter der Maske eines Franzosen mit seinen „I^sttres sur 1a lariAue et 1a Meratui'e allemaucke" (Danzic 1781) Friedrichs des Großen bekannte Abhandlung „ve 1a litterature allemaväe" erwiderte, und dessen Erwiderungsschrift die einzige war, welche der König einer ehrenden Erwähnung würdigte. *) Wenn sie aber auch, als noch dem vorigen Jahrhundert angehörend, eigentlich nicht in den Bereich unserer Aufgabe fallen, so können sie doch als Beweis dafür dienen, daß der Zwiespalt der modernen Bildung mit der bestehenden Form und der Stellung des Jndenthums, welcher so viele unserer Glaubensgenoffen im 19. Jahrhundert der Kirche zugeführt hat, bereits in der Mendelssohn'schen Zeit seine Wirkung zu üben anfing. MoseS Mendelssohn selber war mit ganzem Herzen zu sehr Jude, als daß ihm dieser Widerspruch hätte gefährlich werden können, i) K. Goedeke: Grundriß zur Geschichte der deutschen Dichtung, Bd. IVi) 2 * 4 (Dresden 1891) S. 81. 2) Cotta'sche Ausgabe, 1868, Bd. XXVIII., S. 23. Wertheimer's Jahrbuch für Israeliten 5623, S. 6. 4) K. Goedeke a. a. O. S. 167; B. Suphan: Friedrichs des Großen Schrift über die deutsche Litteratur (Berlin 1868) S. 99. 110.

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