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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1896-05-08 · Heft 19 (8.5.1896) · p. Seite 223

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
60 (1896)
Issue
Heft 19 (8.5.1896)
Date
1896-05-08
Page
Seite 223 (sequence 7)
Language
German
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Darin heißt es: „So spricht der Herr Zebaoth, der Gott Israels, zu allen Verbannten, die er von Jerusalem nach Babylon führen ließ: Bauet Häuser, in denen ihr wohnen wöget; Pflanzet Gärten, daß ihr ihre Frucht genießet. . . . Und suchet das Wohl der Stadt, wohin ich euch geführt habe, und betet für sie zu Gott, denn ihr Wohl ist auch euer Wohl" (Jeremias 29. 4. 5. 7). Man mache sich die Sache nur recht klar! Das Volk hat seine Selbständigkeit verloren; es ist aus seinem Vaterlande fort in die Fremde geführt; es lebt mitten unter den Heiden; und dennoch kündet ihm der Prophet iin Namen Gottes, sie sollen das Wohl dieser Fremde suchen und für sie zu Gott beten! „Denn ihr Wohl ist auch euer Wohl", sagt der Prophet; d. h. euer Schicksal ist mit dem ihrigen verbunden, ihr Glück ist euer Glück, ihr Unglück ist euer Unglück, ihr stehet und fallet mit dem Lande. — Kann es einen kräftigeren Beweis dafür geben, daß das Judenthum die Liebe und die Treue gegen das Land, in dem man wohnt, als ein göttliches Gebot ansieht? Und doch war Babylon nicht einmal das Vaterland der Juden, sondern sie waren nur eingewandert. Wie viel enger suhlen wir uns gar mit dem Lande verknüpft, das unser Vaterland ist! Nur Bosheit kann die Vaterlandsliebe des Juden in Zweifel ziehen, nur Gedankenlosigkeit kann behaupten, die Juden hätten gar kein Vaterland. Wo ist denn überhaupt das Vaterland eines Menschen? E. M. Arndt sagt: „Wo dir, o Mensch, Gottes Sonne zuerst schien, wo dir die Sterne des Himmels zuerst leuchteten, wo seine Blitze dir zuerst seine Allmacht offenbarten und seine Sturnnvinde dir mit heilige Schrecken durch die Seele brausten, da ist deine Liebe, da ist dein Vaterland. Wo das erste Menschenauge sich liebend über deine Wiege neigte, wo deine Mutter dich zuerst mit Freuden auf dem Schooße trug und dein Vater dir die Lehren der Weisheit ins Herz grub: da ist deine Liebe, da ist dein Vaterland." Also das Land, in dem wir geboren sind, dessen Sprache unsere Muttersprache ist und in dessen Kultur wir erzogen sind — das ist unser Vaterland; und mit dem religiösen Bekenntniß hat das gar nichts zu thun. Der deutsche Jude hat also ein Vaterland, so. gut wie jeder andere Deutsche, und dieses Vaterland ist Deutschland! ' Die Pflichten gegen sein Vaterland hat der Jude nie vergessen. Diese bestehen freilich nicht blos darin, daß man seine Steuern zahlt — wozu man die Juden früher allerdings in ausgiebigem Maße herangezogen hat —, sondern vor allem darin, daß man die Gesetze des Landes achtet. Und das haben die Juden allezeit gethan. Das folgt für sie nicht nur daraus, daß nach der Lehre des Judenthums, wie wir noch sehen werden, jede Obrigkeit von Gott ist, sondern ist ihnen noch besonders von den Gesetzeslehrern des Talmud eiugeprägt worden. „Das Gesetz des Staates ist heilig", heißt es dort ausdrücklich (Gittin 10b). Die schwerste Pflicht, deren Ersüllnng das Vaterland von uns fordert und fordern muß. ist seine Vertheidigung, und wäre es auch mit unserem Blute. Aber vom Kriegsdienste hat man die Juden Jahrhunderte hindurch fern gehalten. Erst um Beginn des 19. Jahrhunderts erhielten sie Bürgerrechte, womit selbstverständlich die Verpflichtung zum Kriegsdienste verbunden war. In Preußen erhielten sie das Bürgerrecht durch Gesetz vom 11. März 1812. Daß die Juden auch im Kriege brauchbar sind, das haben sie glänzend bewiesen. Im Jahre 1813, also ein Jahr nach Empfang des Bürgerrechts, erschien in Berlin (gedruckt bei W. Dieterici) eine Flugschrift aus jüdischer Feder, in der es unter Anderem heißt: . „Wer hört nicht mit Freuden diesen ehrenvollen Ruf, für das Vaterland zu fechten und zu siegen? . . . Wer wünschte dieses Leben nicht zehnfach, um zehnfach es zu Füßen unseres geliebten Königs aushauchen zu dürfen! O große, große Pflicht, für das Vaterland zu leben, ihm seine Kräfte, sein. Leben zu weihen! Und euch, Mitbrüder und zugleich Genossen unseres Glaubens, euch muß diese Pflicht doppelt groß, doppelt heilig sein; euch muß der Ruf, dem ihr jetzt folget, mit doppelter Kraft beseelen; euer Muth, euer Wille wird von dem Gefühl der Dankbarkeit geheiligt. Jetzt ist der Augenblick gekommen, wo ihr bezahlen, wo ihr mit euerem Blute, mit euerem Leben danken könnt; jetzt ist der Zeitpunkt da, wo ihr beweisen müßtet, daß ihr nicht unwerth seid dieser Huld, daß ihr dem Könige und euerem Vaterlande nicht weniger ergeben seid, als euere anderweitigen Mitbrüder, denen ihr zur Seite fechtet. . . . Für seinen König streiten heißt für die Gottheit streiten. O Tod fürs Vaterland, du bist das schönste Loos, das einem Sterblichen hiuieden zufallen kann. . ." Eine zweite Flugschrift aus jüdischer Feder und aus demselben Jahre heißt: „Der heilige Verein oder die wahre Vaterlandsliebe, Ein Wort zu seiner Zeit", und trägt als Motto die Verse Klopstocks: „Auch ich sinne dem großen Gedanken nach, deiner werth zu sein, mein Vaterland". Darin heißt es: . . . „und je höher sich die Wogen des ungestümen Weltmeeres erheben, um so höher läßt der edle. Vaterlaudsfreund seine Bürgertugenden steigen, verachtend jede Gefahr, siegend über jedes Ungemach, triumphirend im Tod mit der Losung: Vaterland! . . Laßt uns allen Ländern Gutes wünschen,; unserem Vaterlande aber das Beste. . . Mit dem Wunsche des Besten begrüßen wir ... Preußen, das Land des Biedersinns, der Tapferkeit, der Festigkeit,, die Bürgertreue. . . Wir begrüßen es als unser theures Vaterland und sind stolz darauf, es das uusrige zu neuneu." Das sind begeisterte Worte —, aber den Worten folgten auch die Thaten. Es würde zu weit führen, wollte ich hier über die jüdischen Theiluehmer au den Befreiungskriegen von 1813 bis 1815 in den einzelnen deutschen Staaten und Städten sprechen; aber ich kann nicht umhin, zu erwähnen, daß auch eine jüdische Frau den Krieg mitgemacht hat. Unter dem 9. Dezember 1815 berichtet die „Vossische Zeitung" und der „Russische Invalide" vom 25. Januar 1815 Folgendes (was ich aber'nur im Auszuge wiedergebe): „Luise Grafemus, eigentlich Esther Manuel, 30 Jahre alt, jüdischer Abkunft und Religion, wollte ursprünglich ihrem Manne, der in russische Dienste getreten war, nach Schlesien nachziehen; trat aber, da sie sich in Berlin. in völliger Hilflosigkeit befand, in das Königsberger 2. Landwehr-Ulanen-Regimeut unter Major v. Hermann ein. Es wurde ihr dies um so leichter, als sie in Männerkleidern reiste. So machte sie den Feldzug 1813 und 181.4 mit, rückte bis zum Wachtmeister auf, wurde zweimal verwundet, und erhielt auf dem Marsche nach Holland, 1814, im Armeekorps des Grafen Bülow v. Deunewitz das eiserne Kreuz. Am 23. März 1814 traf sie unvermuthet.mit ihrem Manne zusammen, verlor ihn aber schon am folgenden Tage durch eine Kanonenkugel in einem Gefechte bei Paris. Mit den ehrenvollsten Auszeichnungen und den rühmeudsten Zeugnissen des Wohlverhaltens entlasten, kehrte sie in ihre Heimath. zu ihren beiden Kindern zurück." Doch dieses, wie gesagt, mir nebenbei. Am 4. Januar 1815 schrieb der Staatsminister Fürst v. Hardenberg all den Grafen v. Grot: „Die Geschichte unseres letzten Krieges hat bereits bewiesen, daß die Juden des Staates, der sie in seinen Schooß aufgenommen, durch treue Anhänglichkeit würdig geworden. Die jungen Männer jüdischen Glaubens sind die Waffengefährten ihrer christlichen Mitbürger gewesen, und wir haben

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