Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 60 (1896)
- Issue
- Heft 19 (8.5.1896)
- Date
- 1896-05-08
- Page
- Seite 222 (sequence 6)
- Language
- German
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Ich meine die Mehrberücksichtigung. der dramatischen Litteratur auf der Oberstufe. Viele Lesebücher bringen ja größtentheils einige Proben ans volksthümlichen Dramen; aber diese Dichtungsart ist längst'noch nicht zur gehörigen Geltung gekommen. Ich habe die Erfahrung gemacht, daß gerade das Drama — ich meine natürlich nur einzelne geeignete Szenen — das Interesse der Kinder im höchsten Grade weckt und fördert und geeignet ist, die Forderung der Allgemeinen Bestimmungen am besten zu erfüllen, nämlich den erziehlichen Zweck der Schule zu fördern. . Die Kinder bringen dem Drama ein. ich möchte sagen, natürliches Interesse entgegen, denn es berührt das Leben, und alles, was Leben heisst, interessirt das Kind. DaS Leben aber ist keine fertige Thatsache, sondern ein Vorgang, der sich vor unserm Auge abspielt, und dieses tritt uns im Drama entgegen. Sagt nym z. B. dem Kinde das Resultat einer Schlacht, so bleibt es gleichgiltig. Läßt man aber den Verlauf derselben vor seinem Auge abrolleu, und man wird sehen, daß das Interesse des Kindes gefestelt ist. Uebertragen wir das Beispiel, so sind es nicht die handelnden Personen im Drama, für welche das Kind eine Jntereffe zeigt, sondern die Verhältniste und Umstände, unter denen dieselben leben im Haushalte der Natur. Auch die Allgemeinen Bestimmungen sind nicht gegen das DraMa. Dieselben sagen darüber: „Auf der Oberstufe mehrklassiger Schulen wird das Lesebuch auch dazu benutzt, den Kindern Proben von den Hauptwerken der vaterländischen, namentlich der volksthümlichdn Dichtung zu geben. Hier heißt es allerdings „mehrklassige Schulen." Unsere jüdischen Schillverhältnisse sind aber im Allgemeinen nicht so schwieriger Art, wie diejenigen der christlichen Volksschlllen. Wir haben keine überfüllte Klassen. Die Leistungen und Erfolge unserer Schulen gehen meistens über die Ziele der gewöhnlichen Volksschule Hinalls. Win dürfen daher mlsere einklassigen Schulen den mehrklassigeu der christlichen Volksschulen ohne Ueberhebung gleichstellen. Vorstehende Ausführungen sind die Ergebnisse praktischer Erfahrung ohne Anspruch, absolut Neues geboten zu haben. Der Zweck ist nur, die Aufmerksamkeit der jüdischen Lehrerschaft auf ein Gebiet zu lenken, auf das in Anbetracht der hohell Stellung, die es in der Reihe der Uilterrichtsfächer einnimmt, auch bei Abfassung seiner Bildullgsmittel die großmöglichste Sorgfalt zu verwenden ist. Ob ich nun damit das Rechte getroffen, ich wage es ilicht zu behaupten. Wie sagt doch Lessing: „Wenn Gott in seiner Rechten alle Wahrheit und in seiner Linken den einzigen immer regen Trieb nach Wahrheit, obschon mit dem Zusatze, mich immer und ewig zu irren, verschlossen hielte imb spräche zu mir: wähle! Ich fiele mit Demuth in feine Linke und sagte: „Vater, gieb, die reine Wahrheit ist ja nur für Dich allein." Vaterlandsliebe and Ksnigstreue im Iudrnthum. Von Dr. B. Kuttner in Frankfurt a. M. ' I. ir leben in einer sonderbaren Zeit. Sollst tonnte man mit dem Bewußtsein, .seine Schuldigkeit zu thun, glücklich lmd zufrieden sein; ein gutes Gewisten ließ über Mangel an Anerkennung hinwegsehen; selbst Spott und Schmach vermochten nicht zu beugen, so lange man das beglückende Bewußtsein hatte, allwege das Beste gewollt und gethan zu haben. Das ist Heute anders'geworden! ' Heute bewährt sich so recht das Wort: „Es kann der Beste nicht in Frieden leben, wenn es dem bösen Nachbar nicht gefällt." Es geliügt nicht mehr, daß'man still und friedlich übt, was gut Und recht ist; mau muß den Menschen auch zeigen, daß man gut ist, sonst wird es nicht geglaubt; es muß sich Jeder überzeugen können, daß wir nicht schlecht sind, sonst darf unser Nachbar kühn und keck behaupten, wirseien schlecht — und es wird geglaubt; ja, um so kecker behauptet und um so leichter geglaubt, ja weniger wir widersprechen. Da hilft denn das gute Gewisse« nicht mehr; auch nicht der Widerwille, von unseren eigenen Vorzügeir zu sprechell — wir nuiffeit uns endlich entschließen, hinabzusteigen, uns zu vertheidigen und die gegen uns verbreiteten Lügen als das zu zeigen, was sie sind. Eine wenig beneidenswerthe Pflicht! Zu den boshaftesten Lügen gehört die, namentlich in jüngster Zeit oft wiederholte Behauptllng: die Juden seien Feiilde des Vaterlandes, und ihr Trachten sei auf Umsturz von Thron ulid Altar gerichtet. Als im Jahre 1870 die vielen Taufende jüdischer Soldaten ins Feld zogen, da dachte sicher keiner von ihnen daran, daß man sie nach 25 Jahren Fremde auf deutschem Boden und Feinde des Vaterlandes nennen werde. Sind doch Vaterlandsliebe und Königstreue gerade hervorragende Tugenden des Juden imb gehören zu seinen religiösen Pflichten! Wie steht es mm zunächst um die Vaterlandsliebe im Judenlhum? Jeder verständige Mensch wird von vornherein begreifen, daß das religiöse Bekenntuiß der Vaterlandsliebe kein Hinderuiß bietet; das Judenthum beeinträchtigt also die Vaterlandsliebe ebenso wenig, wie etwa das Christenthuin; aber das Judenthuin ist vielleicht die einzige Religion, welche die Vaterlandsliebe lehrt. Im Mittelalter, wo der Jude gehetzt und gescheucht war wie ein Wild; wo er, auch wenn seine Vorfahren Jahrhunderte lang friedlich in dem Lande oder in der Stadt gewohnt hatten^ dennoch niemals sicher war vor dem Befehle, bei Todesstrafe innerhalb 24 Stunden oder innerhalb dreimal 24 Stunden auszuwandern, oft genug mit Hinterlassung des Vermögens auszuwanderu, da mochte es mit Recht heißeil, der Jude habe kein Vaterland; hatte er doch nirgends eine für absehbare Zeit dauernde Heimath; aber das war ja nicht seine Schuld! Trotzdem war er zufrieden, wenn mau ihm für Geld gestattete, sich niederzulassen und feiner Religion zu leben. Daß er von jeder Theilnahme am staatlichen, gesellschaftlichen und wissenschaftlichen Leben ausgeschloffen wurde, darüber tröstete er sich in Gottergebenheit; seine Religion, seine Litteratur und sein Familienleben genügten ihm, und er war jedem Lande dankbar, in welchem man ihm eine, nach unseren Begriffen freilich sehr wenig verlockende Gastfreundschaft gewährte. Der Staat verlangte seinerseits von ihm keine weiteren Leistungen als Steuern, und zwar in erheblich höherem Maße als von den Christen — und er leistete sie. Die rechte Vaterlandsliebe kann aber nur da sein, wo es überhaupt ein Vaterland giebt. Hat der Jude ein Vaterland, so liebt er es als Mensch, wie als Jude. Ja, schon da, wo er ungekränkt lebt, wo sein Leben und sein Eigenthum vor Gewalt sicherest, schon da ist er ein treuer, dankbarer und zuverlässiger Unterthan. Als unter den in der babylonischen Gefangenschaft lebenden Juden falsche Propheten predigten, es sei die Zeit nahe, da Gott das Joch des Königs von Babylon brechen werde, und so eine gewaltige Gährung unter ihnen entstand, mahnte der Prophet Jeremias zur Ruhe in einem für alle Folgezeit beachteten Briefe.