Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 60 (1896)
- Issue
- Heft 19 (8.5.1896)
- Date
- 1896-05-08
- Page
- Seite 218 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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danken unseres Volkes und seinem politischen Zustand. Erst wenn die Ideen des „Nathan" in unserer Gesetzgebung sich vollständigverkörpert haben, dann erst dürfen wir uns rühmen, in einer gesitteten Zeit zu leben." . Das klingt doch, ganz anders, als da? „Wort über unser Judenthum"! : ‘ Es ist eine bekannte Thalsache, daß Treilschke die fatalen Parteigenosien, die sich nach seiner Wendung an ihn herandrängten, sehr zuwider waren. Er hat cs oft empfunden, er hat cs auch oft ausgesprochen und jene lästigen und widerwärtigen Parteigänger wiederholt . von seinen Nockschößen abzuschütteln versucht. Die wüste Hetze, der iWirthshansantisenntisinus waren seinem vornehmen Naturell tief zuwider. Aber die Geister, die er gerufen hatte, konnte er zeitlebens nicht mehr los werden und obwohl er seit mehr als fünfzehn Jahren nicht mehr in die Arena des Kampfes eingetreten, prangte sein Name doch in allen antisemitischen Schriften und Debatten und wird noch heute gegen die Juden beständig ansgespielt. Das war aber keineswegs die Absicht Treitschke's. Wir können dafür ein sehr interesiantes und glaubwürdiges Zeugniß beibringen, das bisher noch so gut wie gar nicht bekannt ist, und das für uns den versöhnenden Abschluß dieses Lebens bildet. Im Jahre 1894 gab ein rheinischer Schriftsteller, Joseph Schrattenh.olz, eine Anthologie über Juden und Judenthum aus der Weltliteratur unter dem Titel „Antisemiten-Hammer" heraus. In diesem Werke bildet die Rubrik „Zeitstimmen über den Antisemitismus" den wichtigsten Theil. Für diese Zeitstimmen erbat sich der Herausgeber von den angesehensten Gelehrten und Schriftstellern der Gegenwart ihre Urtheile über die Juden. Er schrieb auch an Heinrich v. Treitschke. Und dieser san)1e ihm — man höre Mid staune! — nur die folgenden Excerpte arls seiner oben genannten Schrift: „Es wäre sündlich, zu vergessen, daß sehr viele Juden, getaufte und 'ungetanste, Felix Mendelssohn, Veit, Rießer u. A. — um der Lebenden zu geschweigen — deutsche Männer waren im besten Sinne des Wortes.— Unser Zeitungswesen verdankt jüdischen Talenten sehr viel. — ' > ' Von einer Zurücknahme oder auch nur Schmälerung der vollzogenen Emanzipation kann unter Verständigen gar nicht die Rede sein. — Heine's unsterbliche Werke sind wahrhaftig nicht jene internationalen Witze, um derentwillen er le seul poete vraiment parisien genannt wurde, sondern die schlichtweg deutschempfundenen Gedichte: so die Loreley, dies echte Kind deutscher Romantik, so jene herrlichen Verse: „Schon tausend Jahr in Graecia", die noch immer alles zusammenfassen, was die Deutschen seit Winckelmann's Tagen über die Schönheit der hellenischen Welt gesungen und gesagt hatten. Heine ist sogar in seiner Sprache wie alle unsere großen Schriftsteller nicht ohne leisen landschaftlichen Anklang. Wie Goethe den Franken, Schiller den Schwaben, nicht verleugnen kann, wie Lessing und Fichte,..so grundverschieden unter sich, doch beide unverkennbar Obersachsen sind, so zeigt sich Heine, wo seine Kraft rein zu Tage tritt, als der Sohn des Rheinlandes. — Heute haben die wirklich bedeutenden und gesunden Talente unter unseren jüdischen Künstlern' und Gelehrten längst eingesehen, daß sie nux auf den Bahnen deutschen Geistes Großes erreichen können. Und sie handeln danach. — Unsere Sorglosigkeit und Schwerfälligkeit konnte von den wirthfchaftlichen Tugenden des jüdischen Stammes manches lernen." Das ist Treitschke's Urtheil über das Judenthuin im Jahre 1894. Das ist sein Beitrag zu den Zeitstimmen Über den Antisemitismus. „Kein Blatt voll Haß, kein Wort Poll Fluch." Und das ist für uns in der Thal der versöhnende Abschluß dieses Lebens, das auf seiner Höhe für uns so verhäugnißvoll sich erwiesen hat. Vir Woche. Berlin. 5. Mai. feit einstige Gönner der ins Ausland „verzogenen" Ehrenmänner Ahlwardt und Paasch, der Herr Freiherr v. Du raut, hat im Herrenhanse beantragt, die Petition des Adolph Wolff in Frankfurt a. Main um Uebersetznng des Schulchan Aruch auf Staaskosten der Regierung zu überweisen. Die Kommission hatte Uebergang zur Tagesordnung empfohlen. Freiherr von Durant wollte aber seine Antisemiten-Debatte haben, und diese fand denn auch in der Thal.'am 29. v. M. statt. Wir geben hier ein kurzes Referat darüber: Freiherr v. Durant weist in der Begründung seines Antrages daraus hin, daß früher schon eine Petition ähnlichen Inhalts der Regierungüberwiesen sei, die Regierung derselben jedoch ablehnend gegenüber gestanden habe, weil eine Uebersetznng des Schulchan Aruch nicht möglich sei. Die diesmalige Petition verlange nicht die Uebersetznng sämmtlicher jüdischer Geheimschriften und des ganzen Talmuds, sondern nur des Schulchan Aruchs, und die Uebersetznng des letzteren sei wohl eine Arbeit, die zu bewältigen sei; die Regierung müsse damit wenigstens einen Versuch machen. Redner verliest einige Stellen aus dem Schulchan Aruch, wonach Betrug und andere Verbrechen dem Juden einem Nichtjuden gegenüber erlaubt seien. Es sei Pflicht einer Regierung, über dieseunseremVolkslebenschädlichen Geheimlehren volle Klarheit zu schaffen. Das großherzoglich badische Ministerium habe gutachtlich feststellen lassen, daß unsittliche Lehren darin enthalten seien und habe den Gebrauch des Schulchan Aruch in der Handelsschule in Mannheim und allen andern badischen Schulen verboten. In der sächsischen zweiten Kammer sei ein Antrag auf Uebersetznng des Schulchan Aruch nur mit sehr geringer Mehrheit abgelehnt worden. Allen rechtschaffenen Juden könne es doch nur sehr erwünscht sein, wenn durch eine authentische Klarstellung die Vorwürfe gegen das Judenthum widerlegt werden könnten. Statt dessen werde die Klarstellung ober in jeder Weise hintertrieben. Dem Professor Eisenmenger, seien von Juden 10 000 Thaler geboten, wenn er sein Werk über den Talmud nicht veröffentliche. Redner weist schließlich auf die hohe Prozentzahl der jüdischen Schüler und Schülerinnen an den Lehranstalten hin und betont die Berechtigung des Antisemitismus. Auf die Frage, woher die Mittel für die Uebersetznng genommen werden sollen, weise er auf den Etat des Kultusministeriums hin, wo z. B. für 1895/96 100 000 Mk. für die Herstellung eines dem heutigen Stande der Wissenschaft entsprechenden großen lateinischen Wörterbuches ausgeworsen sei. Ebenso müßten hier Mittel für diesen ethischen Zweck vorhanden sein. Er fühle sich frei von jedem Rassen- und Religionshaß, die Lehren des Judenthums müßten aber im Interesse unseres Volkes klargestellt werden. - Er bitte um Annahme seines Antrages, die frühere, viel weitergehende Petition sei ebenfalls der Regierung überwiesen worden. (Beifall.) Geheimrath Loewenber g: Die Petition verlangt die Uebersetznng des Schulchan Aruch auf Staatskosten durch Professoren. Abgesehen von den Kosten und der Befugniß des Kultusministers dazu, ist der Schulchan Aruch schon seit Jahrhunderten ein Gegenstand der Erörterung, es liegt also eigentlich materiell schon vor, was hier verlangt wird. Durch den Staatsauftrag wird sich doch kein Gelehrter von seiner bisherigen Absicht abbringen lassen. Und wenn wirklich Anstößiges im Schulchan Aruch steht, ist es dann heute noch maßgebend als Gesetz? Das wird ja doch entschieden von autoritativer Seite bestritten, und dieser Widerstreit wird doch durch eine staatliche Uebersetznng nicht entschieden. Die Juden sind nicht von Religions wegen gezwungen, dem Schulchan Aruch nachzufolgen. In Preußen haben wir keine Veranlassung, dieser Frage überhaupt-näherzutreten, denn in keiner preußischen Schule dient der Schulchan Aruch als Lehrbuch. Die Regierung kann nur die Annahme des Kommissionsantrages empfehlen. Oberbürgermeister Struckmann-HilLsheim: Herr v. Durant sollte das antisemitische Feuer, das leider in Deutschland besteht, nicht durch unbewiesene Behauptungen schüren. Es glebt schon Uebersetzungen dieses angeblichen Geheimbuchs, das aber Jedem zugänglich ist, und Jeder kann es lesen; ich habe allerdings kein Interesse daran, dieses „unsittliche Buch" zu lesen. (Heiterkeit.) Der Inhalt des Buches ist also bekannt, es kommt nur darauf an, ob diese Lehren für das heutige Judenthum