Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 60 (1896)
- Issue
- Heft 19 (8.5.1896)
- Date
- 1896-05-08
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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60. Jahrgang. Nr. 19. Berlin, 8. Mai 1896. Ein unparteiisches Organ Kr alles jüdische Interesse. Diese Zeitung erscheint w 5 ch e tt 111 Abonnements-Preis: Durch Buchhandel, Post oder direkt von der Expedition inBerlin unter Streifband bezogen Vierteljahrs.3 M. Nedacteur: Gustav K arpeles. Begründet von Uak Inner Dr Ludwig PHUippson-Äonn. Verlags-Expedition: Gerlin, Jerufalemerstr. 48/49 Alle Zusendungen skr Redaktion und Expedition sind an die Adresse: Verlag der „Allgem. Zeitung deS JudenthumS', Berlin SW., Jerusalemer Straße 48/49 zu richten. Verlag von Rudolf Mosse, Berlin. Inhalt. Leitartikel: Heinrich v. Treitschke. — Die Woche. — Der Rheinische Rabbiner-Verband. — Zur Lesebuchfrage. Von Julius Spanier — Vaterlandsliebe und Königstreue im Judentum. Von Dr. B. Kuttner. — Getaufte Juden im neunzehnten Jahrhundert. II. Von Dr. N. Samter. — Feuilleton: Der Satan. Erzählung von I. Zangwill. — Literarische Mittheilungen. — Sprechsaal. Der Gemeindevote. Korrespondenzen und Nachrichten: Berlin, Allenstein. Posen. Jnowrazlaw. Königsdorff-Jastrzemb. Dresden. Leipzig, Breuien. Neheim a. Ruhr, Hechingen. Wien. Budapest. Paris. — Von Nah nnd Fern. Miseellen. Hrinrrch v. Treitschke. Berlin, 4. Mai. f er Tod dieses ausgezeichneten Historikers hat unzweifelhaft viele alte Wunden.aufgerissen und manche Erinnerungen an eine trübe Zeit wieder neu belebt. Es war in der schlimmsten Zeit der Antisemitenhetze, als Heinrich v. Treitschke mit der Macht seines Einflusses und der Kraft seines Wortes gegen uns auftrat. Zu Ende des Jahres 1879 veröffentlichte er in den „Preußischen Jahrbüchern" jene drei Briefe unter dem Titel: „Ein Wort über unser Judenthnm", die eilten verhängnißvollen Einfluß auf die Entwickelung ihrer Bewegung gehabt haben. Mit diesen Briefen hat der Antisemitismus der Gebildeten seinen Anfang genommen. Einzelne Sätze und Schlagworte derselben, wie das: „Die Juden sind unser Unglück", oder das „von den Hosenverkanfenden Jünglingen", sind geradezu die Parole des studentischen Antisemitismus geworden. Treitschke war der Erste, der die antisemitischen Beschuldigungen und Vorwürfe durch eine über das Niveau der antisemitischen Schundlitteratur weit hinausragende Schrift verbreitet und so den Antisemitismus auch in gebildeten Kreisen diskutirbar und möglich gemacht hat. Es war selbstverständlich, daß eine Reihe von Entgegnungen, namentlich der durch diese Anschuldigungen schwer getroffenen jüdischen Professoren erfolgte. Dies trieb aber den eifervollen Mann immer weiter auf seiner Bahn. Er sah darin nur gekränkte Empfindlichkeit und trug nun auch den Antisemitismus von der Litteratur auf das Katheder, wo er bekanntlich eine geradezu verheerende Wirkung ausübte. In seinen Vorlesungen hat Treitschke jede Gelegenheit benutzt, um das Judenthum, ohne die geringste Rücksicht auf seine jüdischen Hörer, 'anzugreifen und lächerlich zu machen. Die Saat, die er hier ansgestreut, ist im „Verein deutscher Studenten" und zahlreichen anderen akademischen Verbindungen aufgegangen. Aber auch in die Geschichtsschrei bulig trug Trritschke seine judenfeindlichen Anschauungen, und er ließ in den fünf Bänden seiner „Deutschen keine Gelegenheit vorübergehen, ohne dieser Abneigung kräftigen Ausdruck zu geben. Ja, er war ein eifervoller Mann, stark in seiner Liebe wie in seinem Haß. Und es war unser Verhängniß, daß wir nur seinen Haß zu fühlen bekamen. r Woher stammte aber dieser Haß? . Wir haben schon in der kurzen Notiz über den Tod Treitschkes in der vorigen.Woche gesagt, daß Niemand, auch der erbittertste Gegner nicht, an der Lauterkeit seiner Gesinnung zweifeln dürfe. Dagegen hat die Kritik schon bei Lebzeiten ihm den auffälligen Mangel an historischer Objektivität und jene einseitige Parteinahme vorgeworfen, die sich sehr oft bis zum Fanatismus für seine und bis zur Ungerechtigkeit gegen die andere Ueberzeugung steigerte. Eine Reihe Irauriger Erscheinungen im deutschen Gesellschafts- und Erwerbsleben, die verhängnißvollen Nachwirkungen der Gründerperiode, verschiedene harte und ungerechte Urtheile, die Grätz im 11. Bande seiner „Geschichte der Juden" gefällt hatte, vielleicht auch einige verunglückte russische Studenten, die ihm gerade in die Quere gekommen sein mochten, brachten Ihn zu dem Glauben, daß der Einfluß des Judenthums auf unser nationales Leben sich neuerdings vielfach schädlich gezeigt habe. In der begeisterten Zustimmung, die er mit diesem Urtheil selbst in gebildeten Kreisen fand, und ebenso in der energischen Abwehr von Seiten der Angegriffenen, fand Treitschke nur einen Sporn zu weiteren Angriffen. Mit der Leidenschaftlichkeit, die ihm überhaupt zu eigen war, erfaßte er diesen Gedanken und verfolgte ihn immer weiter, bis er, der sich selbst ausdrücklich als einen Gegner der Lehre vom christlichen Staate erklärte, zu jener verhängnißvollen Scheidung des Judenthums als nationale Religion eines fremden Stammes nnd des sogenannten christlichen Deutschthums gelangte, einer Definition, welche in den ^antisemitischen Debatten des letzten Jahrzehnts eine so große Rolle gespielt hat. Daß Heinrich v. Treitschke nur auf diesem Wege zu seinem Judenhaß gelangt ist, läßt sich leicht Nachweisen. Es gab eine Zeit, wo er anders, ganz anders dachte, wo er Juden zu seinen besten Freunden zählte, wo er jüdische Studenten förderte und unterstützte, wo er in einem seiner glänzendsten Effays über Lessings „Nathan" im Verhältniß zu unseren Zeitanschauungen die folgenden denkwürdigen Worte schrieb: „Auch die Dichtung, welche diesen Kämpfen entsproß, ragt hinaus über das Verständniß seiner und, soll ich nicht auch sagen — unserer Zeit. Denn wohl in tausend Herzen lebt jenes Evangelium der Duldung Nathan des Weisen. Ader vor diesem Werke am schmerzlichsten empfinden wir, daß die besten Männer unseres Volkes Helden des Geistes waren; hier gerade thut sich vor uns auf eine unselige Kluft zwischen den Ge-