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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1896-05-01 · Heft 18 (1.5.1896) · p. Seite 216

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
60 (1896)
Issue
Heft 18 (1.5.1896)
Date
1896-05-01
Page
Seite 216 (sequence 12)
Language
German
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216 sichter, wie Rebekka fühlte,- von unendlicher Zärtlichkeit und von tiefem Mitleid für solch arme, hilflose Wesin wie sie erfüllt waren;^ und nach den Patriarchen — Elijähu der Prophet! " ~ Zuletzt kam eine gebeugte, weißhaarige Gestalt, deren Anz^g und ganzes Behoben Rebekka ahnen ließ, daß es ihr Vater sei. Wie froh machte es sie, ihn so geehrt zu sehen! Als sie seine zitternde Stimme hörte, versank der Schleier, der die tobte Ver- - gangenheit deckte und die bescheidenen Freuden und- Leiden ihrer ' Kindheit lebten wieder auf, verklärt durch den Glanz und Schimmer der Erinnerung. / Als das Lesen aus der Thora beendet war, wandte David ben Jeffe, ein königlich ausschauender Graubart, die Thorarolle nach allen vier Enden der Erde und ließ sie von. seinem Sohn Salonzo dem Prediger zusammenrotten; das Geleiten zur Bundeslade wurde Rabbi Akiba übertragen, dessen Züge einen seltsam,, ekstatischen durch langes Leiden veredelten Ausdruck trugen. Die ungeheuere Menge erhob sich mit großem Geräusch, welches weit hindrang, und stimmte ‘ eine Freudenhymne an, die das ganze Weltall mit Melodie erfüllte. Nur Rebekka konnte nicht singen. Zum erstenmal vermißte sie ihren Gatten Mosche. Warum fehlte er hier, wo alle Freunde ihres Lebens versammelt waren, deren geliebte Gesichter sie von allen Seiten umgaben und ihre Seele mit einem köstlichen Gefühl der Sicherheit erfüllten? Warum war er nicht in dieser mächtigen Versammlung? Warum war er nicht hier, um die heilige ihm anvertraute Pflicht, die Thora zu tragen, zu übernehmen? Thränen rannen von ihren Wangen. Eine plötzliche Mattigkeit überkam si'e. „Mutter, liebe Mutter!" rief sie aus, „ich werde ohnmächtig!"; „Du mußt an die frische Luft, mein Kind, mein Riwkele/' sagte die Mutter, deren theuere Stimme, zum erstenmal mit ent-. zückender Süße in Rebekka's Ohren ertönte. Und. sie streckte ihre Hand aus, und ach! sie wurde länger und länger, bis sie an das Oberlicht reichte, und plötzlich verschwand das ganze Dach und die freie H'unmelsluft strich balsamisch über Rebekka's heiße Stirn. Mt Verwunderung bemerkte sie, daß die Kerzen stetig weiter bräunte): und durch den erfrischenden Luftzug nicht erlöschten. Und dann! ach! da öffnete sich über ihr der sternenklare Himmel zu unbeschreiblicher Pracht.. Und Moses ben Amram stand wieder auf, streckte seine Hände aus gegen diesen Glanz und rief: „Ewiger! Ewiger! Gott, barmherzig und gnädig, laugmüthig und reich an Huld und Treue! Ach! Schreibe ein Dein Volk in das Buch des Lebens, wenn aber nicht so lösche mich aus Deinen! Buche — das Du geschrieben. — Vergieb ihnen und verzeihe ihre Missethaten um des Verdienstes der Patriarchen willen, um des Verdienstes der Märtyrer willen, die ihr Blut Hingaben wie Wasser und ihr Fleisch dem Flammentod darboten zur Heiligung Deines Namens! Verzeihe ihnen und lösche aus all' ihpe Vergehungen!" Und die ganze Gemeinde sagte: „Amen!" . Wogende Hoffnung erhob sich wieder in Rebekka's Brust und ließ sie sich erheben und die Arme zur Höhe ausbreiten! Und sie betete! „Allmächtiger Gott, verzeihe.Du meinem Gatten; denn er ist in der Hand des Versuchers! Rette ihn aus der Gewalt des Bösen'durch Deinen ausgestreckten Arm und Deine starke Hand. Erlöse ihn ün)> verzeihe ihm, Ewiger in Deinen! unendlichen Erbarmen." Schauriges, schreckliches, ängstliches Schweigen herrschte in den endlosen Weiter des Firmaments, bis ein Wort erklang, das wie süße Harmonie doK ganze Weltall durchfluthete, ein Wort, das atte Töne des Windeh, der Wasser, der irdischen und himmlischen Stimmen in eiimi göttlichen Hauch vereinigte: „Salachti! Ich habe verziehen!" ' Und mit dem süßen Wort der Vergebung, das hold in ihrm Ohren erklang und ihr. dem armen, elenden, von den Reichen und Heiden verachteten Weibe des Schneiders/ die Gewißheit brachte, daß auch sie an die Brust des allmächtigen Vaters sinken könne, der auch für sie unsterbliche Freuden und Wonnen aufbewahrt habe inmitten aller, die sie einst geliebt,- in einer Welt, in welcher Er die Thränen von allen Augen trocknen wird, erwachte Rebekka Grinwitz> und heller Sonnenschein und frische Morgenluft wehte um ihre fieberheiße Stirn aus dem Oberlicht, welches Reb Jitzchak gerade eben öffnete. (Fortsetzung folgt.) Sprechfaal. . ■ Sehr geehrter Herr Redakteur! ^E.estatten sie einem an der Sache Jnteressirten, Ihnen in Bezug auf die Verhandlungen der letzten Repräsentantenverskmmlung, betreffend die Subvention der Religionsgemeinde Charlottenburg, einige tatsächliche Mittheilungen zu machen, die hoffentlich dazu beitragen wd'rden,^gegenüber der auf falsche Mittheilungen beruhenden Bemängelung der Subventions- Kommission einer gerechteren Beurtheilung die Wege zu bahnen. Es ist unwahr, daß der Religionsunterricht arg vernachlässigt fein soll; denn nur auf fortwährendes Drängen des Vereinsvorstandes ist der Religionsunterricht in den beiden höheren städtischen Lehranstalten eingerichtet, und nebenbei besteht noch die Gemeinde-Religionsschule, die wiederholt durch Herrn Dr. Stier revidirt und jedesmal gut censirt worden ist. Im letzten Schuljahr haben 91 Kinder am Religionsunterricht mit bestem Erfolg theilgenommen. Wenn der Gottesdienst an den gewöhnlichen Sabbathen schwach, aber verhältnißmäßig kaum schwächer als in den Berliner Synagogen, und doch noch immer rituell ausreichend besucht ist, so hat das drei Ursachen, von denen nur 1. der Mangel eines ständigen Predigers, sich vielleicht aus der Welt schaffen ließe, nämlich durch Anstellung eines - solchen. — Die anderen beiden Ursachen sind die fast 45 Minuten langgestreckte Ausdehnung Charlottenburgs, wodurch im Osten der Stadt sich der Religionsverein Westen gründete, und die fortwährende flnktuirende jüdische Bevölkerung, die Alt-Charlottenburg gewissermaßen als Durchgangs-Station benutzt, und wenn die Hoffnung auf eine sichere Existenz nicht erfüllt wird, was in 90 von 100 Fällen geschieht, schnell wieder nach Berlin zurückzieht. Diese sehr natürlichen aber immerhin unangenehmen Erscheinungen wird so leicht Niemand aus der Welt schaffen, und ich glaube, nicht einmal Professor Lewin, Die den größten Theil der Subvention auszehrenden Hypothekenziusen können doch wohl den Gemeindemitgliedern, die eine Berliner Synagoge nicht immer besuchen können —, nicht ausgebürdet werden, da sie außer jenen 7000 Mk. noch über 3000 Mark zur Erhaltung des Kultus äufbringen müssen; denn zur Zeit des Baues der Synagoge 1889/war ein Miethsraum zu gottesdienstlichen Zwecken in Alt-Charlottenburg überhaupt nicht zu haben, und die ebenso gut und ebenso hoch wie die Berliner besteuerten Charlottenburger Gemeindemitglieder mochten sich nicht als Parias in eine Kneipe drängen lassen. Also nicht die Sehnsucht nach einer prunkvollen komfortablen Synagoge mit Orgel und Chor, Heer von Beamten, die man für 83 000 Mk. wohl nicht herstellt —, hat die damaligen Leiter des Religionsvereins veranlaßt, den mit großen Opfern und persönlichem Risiko verbundenen Schritt zu wagen, sondern lediglich der religiöse Nothstand, der lebhafte Wunsch und die Nothwendigkeit der Erhaltung unserer heiligen Religion in unseren Familien, hat sie für die Sache begeistert, wosür sie nun den landesüblichen Dank empfangen. Trotzdem werden diese Vorortbewohner, und grade weil sie dies sind, sich in ihrem Bestreben: Erhaltung des Judenthums, würdige Gestaltung des Gottesdienstes und Ausbreitung des Religions-Unterrichts in allen Schulen, die von jüdischen Kindern besucht weMM^richt beirren lassen, und haben das feste Vertrauen zu den Gemeinde-Körperschaften, daß sie wie bisher auch ferner darin unterstützt werden. Charlottenburg, 28. April. H. H. Druck und Verlag von Rudolf Mo sie in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion. Mar Baüchwitz in Berlin.-

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