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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1896-05-01 · Heft 18 (1.5.1896) · p. Seite 215

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
60 (1896)
Issue
Heft 18 (1.5.1896)
Date
1896-05-01
Page
Seite 215 (sequence 11)
Language
German
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215 -1|-H|-—--:-13-II-' rnwml 1 1 1 1 FEUILLETON . 1 11 ilsMMmW Mmm! «-1|-II--li-II-i. Der Satan. Erzählung von I. Zangwill. Autorisirte Uebersetzung von Frau Dr. Jda Wedel!. IV. ©11115 Israel hat Antheil an der 511künftigen Welt. — Sprüche der Väter. er bejahrte Synagogendiener eilte bei dem Geräusch herbei. „Rettet mich! Um Gottes Willen rettet mich, Reb Jitzchok!" rief die am Boden Liegende. „Rettet mich vor dem Satan Mekatrig! Ich habe lein Heim, keinen Gatten — nichts mehr auf der Welt! Nehmt mich auf!" „Euch aufnehmen?" sagte Neb Jitzchok niitleidig; denn er errieth halb ihre Geschichte. „Wie kann ich Euch ausnehmen? Ihr wißt ja, ich und niein Weib haben nur dies eine Dachstübchen hier!" „Nehmt mich auf!" bat die Frau flehentlich. „Ich will die Nacht in der Synagoge zubringeu. Ich muß für meines Gatten Seele beten, denn er hat ja keinen Sohn, der für ihn betet! Laßt mich hinein! Rettet uiich vor dem „Satan Mekatrig!" „Ihr würdet sicherlich manchen Satan Mekatrig heut Nacht in den Straßen treffen," sagte nachdenklich der alte Mann. „Aber habt Ihr denn nicht Freunde, zu beneit Ihr gehen könnt?" „Keine — keine — nur Gott! Laßt mich hinein, daß ich zu Ihm gehe. Gewährt mir Obdach, und Er wird Erbarmen mit Euch haben, morgen Abend, wenn die große Lekiah erschallt!" Ohne ein weiteres Wort ging Reb Jitzchok in sein Zimmer, kehrte mit dem Schlüssel zurück imb öffnete die Thür der Frauensynagoge, in der eine blendende Lichtfluth von zahlreichen kleinen und großen brennenden Kerzen strahlte. Der niedrige trennende Vorhang war von-den zärtlichen Ehemännern, die am Ende des Gottesdienstes sich nach ihren Frauen umgesehen hatten, halb znrückgeschvben. und die Synagoge erschien ungewöhnlich groß und breit, aber von heißer und dumpfer, von Parfüm, Schnupftabak, Talg und Riechsalzen geschwängerter Lust erfüllt. Mit einem Seufzer tiefster Dankbarkeit sank Rebekka auf einen der hölzernen Sitze. „Wollt Ihr eine Decke haben?" frug der Alte. ' „Nein, nein, Gott segne Euch!" erwiederte sie. „Ich muß wachen und weine», nicht schlafen. Denn die Tafel des Gerichts ist geschrieben und das Buch des Lebens schon geschlossen." Mit mitleidigem Seufzen wandte sich der alte Mann rmd ließ sie allein in der Nacht zurück, allein in der Synagoge „der Liebe und Barmherzigkeit". Einige Minuten verharrte Rebekka regungslos ohne zu beten, ihre Seele war erfüllt von tiefem Frieden. Und dann zählte sie die von dem benachbarten Kirchthurm laut erschallenden Schlüge: eins, zwei, drei vier, fünf, sechs, sieben, acht, neun, zehn, elf, zwölf. Plötzlich, als der letzte Glockenschlag die Luft drirchzitterte, schreckte Rebekka Gr'unvitz auf. Zu ihrer Ueberraschung bemerkte sie, daß ein barmherziger Schlaf ihre Augenlider geschlossen haben mußte, und daß der große Tag der Versöhnung herandämmerte. Beide Abtheiümgeu der Synagoge waren von dem lmruhigen, summenden Geräusch einer betenden Menge erfüllt. Merkwürdig fremd erschien ihr alles, als sie ihre Augen auf das Machsor ihrer Nachbarin richtete. Die Frau rückte ihr sofort das Gebetbuch näher heran mit einem rührend zärtlichen und liebevollen Lächeln, welches tief in Rebekka's Herz eindrang, obgleich sie sich nicht entsinnen konnte, ihre Nachbarin schon früher gesehen zu haben. Verwundert schaute sie rings umher und gewahrte, daß auch alle anderen Gemeindemitglieder ihr fremd und unheimlich vorkamen; sie hätte nicht sagen können, wieso und weshalb. Warum nur trugen all die.männlichen Andächtigen ihre Sterbekleider, wie es sonst bei feierlichen Gelegenheiten nur die Kultusbeamten und wenige, besonders fromme Leute zu thuu pflegten? Und war die Synagoge selbst nicht verändert? War es nur der Nebel, der vor ihren thrünenbenetzten Augen lag. oder dehnten sich die Schaaren der Andächtigen nach allen Seiten der klar sichtbaren Flüche ins Unendliche aus in dem Raum, der ihr doch sonst so wohl bekannt gewesen? Aber dies sonderbare, unerklärliche Wunder währte nur einen Augenblick. Im folgenden schon war sie mit der Szenerie vertrant. Alles war heimisch und altgewohnt; wieder wie einst, nahm sie an deni Gottesdienst Theil, ohne Furcht, von ihrem Gatten gestört zu werden; ihre Seele athmete den köstlichen Gottesfrieden, der alle Kreatur beglückt. Erinnerurig fluthete durch ihr Gemüth und ein Strom von Liebe und Zärtlichkeit erwärmte ihr Herz, rmd als sie nochmals in das Antlitz ihrer Nachbarin scharrte, erkannte sie mit glücklicher Befriedigung die Züge ihrer Mutter. Der Gottesdienst ging weiter, Mrrtter urrd Tochter folgten ihm gemeinsam in ihrem Gebetbuch. Nach mehreren Stunden, in welchen die große, weit ausgebreitete Genreinde abwechselnd mit dem Kantor die schöne für diesen Tag vorgeschriebene Liturgie gesungen hatte, wurde der weiße Vorhang mit seiner mystischerr kabbalistischerr Inschrift von der Bundeslade entrollt und zwei Gesetzesrollen daraus entnommen. Rebekka sah mit Freude, daß die heilige Lade mit kleinen und großen Gesetzesrollen angefttltt war und daß dieselben ün wundervoll gestickten Atlas eingewickelt mrd mit Verzierungen uiib musikalisch klingenden Glocken ans reinem Golde geschmückt waren. Einige der Aridächtigen wurden „aufgerrrfen" zuni Almemor, um beim Vorlesen aus der Thora gegenwärtig zu sein. Alle waren sie Rebekka wohl bekannt. Zuerst kam Moses ben Ainram. Mit gebeugtem Haupt giirg er demüthig zum Almemor hinauf, von Kopf bis zu Fuß in sein Tallith gehüllt. Rebekka sah sein Antlitz genau; obgleich es mit einem dichten Schleier bedeckt war. schien es leuchtend durch die Falten desselben hindurch. „Preiset den Ewigen, den allgepriesenen Gott," sagte Moses ben Amram, von dessen Lippen die Worte süß erklailgen, obgleich sie mit leichtem Stammeln gesprochen wurden. „Gepriesen sei der Ewige, der Hochgepriesene in alle Ewigkeit." aiitwortete die Gemeinde in leisem Gemurmel, welches von allen Enderr der Erde zurück zu ertönen schien. „Gepriesen seiest Du, Herr unser Gott, von nun an bis in Ewigkeit," wiederholte die melodische Stimme. Dann fuhr Moses irr Worten, welche den ganzen Erdball mit einein Choral heiliger Musik zu dnrchklingen schienen, fort: „Gelobt seiest Du, Ewiger unser Gott, König der Welt, der lins allserwählt hat aus aller Völker Mitte und uns seine Lehre gegeben hat. Gelobt seiest Du, o Ewiger, Spender der Lehre!" Nach ihnl kam Aron ben Amram, dessen weißer Bart fast bis zu den Knieen reichte. Abrahmn ben Terach. Isaak ben Abraham Mid Jakob ben -Isaak, lauter ehrwürdige Gestalten wurden aufgernfen, deren Ge-

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