Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 60 (1896)
- Issue
- Heft 18 (1.5.1896)
- Date
- 1896-05-01
- Page
- Seite 214 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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aufgegriffen. Dies war mir ein schlimmes Vorzeichenunb bewährt hat sich gewissermaßen meine Ahnung. Eswurde viel Unklares hin- und hergesprochen und viele Engherzigkeit bewiesen, ich habe viel gedonnert, bis dann doch endlich eine Vermittelung zu Stande kam, dahin, daß mehrere einzelne Gegenstände bearbeitet unb die Arbeiten — meist durch die Zeitschrift — veröffentlicht werden sollten; über die in diesen Arbeiten enthaltenen Vorschläge sollen nun „gutachtliche Erklärungen" von den beistimmenden Rabbiner:: abgegeben, diese gleichfalls in der Zeitschrift in einer besonderen Rubrik veröffentlicht und als Norm ferneren praktischen Wirkens anerkannt werden. Ein solcher Aussatz ist nun schon von Kohn in der Zeitschrift, Hest 2 — das Du nun hoffentlich haben wirst — „über die Tranergebräuche" erschienen, über den die Gutachten folgen sollen; ein ähnlicher erscheint im 3. Heft über das Haartragen der Frauen, — von diesem Hefte habe ich nun sieben Bogen revidirt — und so sollen die Arbeiten fortaehen. Das ist das reformatorische Resultat, winzig und klein genug, aber es wäre ein Anfang, wenn auch ein trippelnder, und im Grunde, wenn man nicht den Weg religiöser Revolution einschlägt, — bei dem auch ich bin, m. L., — daun weiß man nichts Anderes zu machen, als auf diesem leisen allmäligen Wege. Dies ist freilich traurig und genügt demjenigen, welcher des großen Zwiespaltes zwischen dem Sein und dem Sollen sich bewußt ist und ihn so bitter in sich trägt, ganz und gar nicht; was aber beginnen? Die Unterstützung fehlt überall bei den Theologen und den Nichttheologen, die auch immerfort von Klugheit-und abermaliger Klugheit räsonniren. Da muß nun vorläufig immer aufgeregt und aufgefordert und aufgerüttelt werden, und ( ich hoffe doch, daß dies endlich einmal einschlägt. Es fehlt uns ein Rabbiner in einer großen Gemeinde mit großer persönlicher Würde lind imponirender Energie, der den intelligenten Theil der Gemeinde für sich zu gewinnen weiß und mit diesem nun ohne Furcht Massen über den Haufen stürzt; wie viel D. Löwy in seiner Weise dadurch gewirkt, ist bekannt; nur sind ihm die Unfftände nicht günstig genug, ist er zu viel Weltmann und hat einen zu großen Horror vor schriftstellerischer Thätigkeit, die nothwendig damit verbunden sein muß. Aber alle diese Stellen sind mit Leuten besetzt, die auf nichts weniger denken, als auf eine kräftig reformatorische Thätigkeit. Wenn Du nun bestimmt und klar mit der gehörigen Entschiedenheit, aber auch der gehörigen Wärme und anregenden Kraft Dich aussprechcn willst, dann sollst Du mir willkommen sein; aber eben alle diese Elemente schienen mir in Deinem Aufsatze zu fehlen. Auch meinem Laienaufsatze im 2. Heft gebricht es an der rechten Kraft; das gestehe ich selbst ein. — Den 24. — Da blieb ich nun gestern; ich hatte nicht die gehörige geistige Frische, um mich über diese Gegenstände auszusprecheu, und die Abspannung ist heut noch nicht ganz überwältigt. Doch es gilt den Versuch! Mich freut es im Ganzen sehr, daß Du die entschiedene Richtung dem Bestehenden gegenüber angenommen hast; laß dieselbe nur auch ausbrechen und ausströmen in schriftlicher Rede! — Dein Bruder erzählte mir bei meiner vorwöcheutlichen Anwesenheit in Mainz, Du habest an der Zeitschrift den Mangel an Entschiedenheit und an Uiufang oder Weite des Kampfgebietes getadelt; ganz recht, mein Freund, erweitere SDu es nur, aber nur mit der rechten Klarheit! Diese Gegenstände, die Du besprochen haben willst, müssen, mit der rechten Durchbildung und beredter Darsteltung dein Publikum vorgebracht werden. Nun berichtete mir auch Herr Wolfs aus dem Haag, angestellt beim Kultusministerium und Mitredakteur der Jaarboeken,- daß Ihr iir Amsterdam einen Tempelgvttesdienst einznrichten vorhabt, daß Artikel in öffentlichen Blättern ein entschiedeneres Wirken der Behörden verlangen und dergleichen, was er freilich mit seinen: holländischen Phlegma und der Judenklugheit, die sich immer einbildet, das ganze reformirte Jndenthmn bestehe in dem Abschaffen einiger Piutim und der Einführung e'mer holländischen Predigt— eine deutsche ist schon nicht so viel „Abfall" — natürlich nicht billigt. Das ist sehr gut mein Freund; suche Du revolntiouirend 311 wirken, aber nur nicht mit dem bischen Gottesdienst begnügt, sondern zugleich das ganze theologische System, als Norm für die Templer aufgestellt, Trennung von der übrigen Gemeinde, wie es ja auch eine portugiesische Gemeinde giebt, und so gründliche Reform angestrebt! Das wäre ein kräftiges Beispiel, das Lärin machte und wirkte! Die Furcht vor einem Schisma kann uns nicht abhalten; erstens ist jetzt keine Zeit zu einem durchgreifenden Schisma, und zweitens ist das Unglück eines solchen auch gar nicht so groß, im Gegentheil, es ist heilbringend. Uebrigens siehst Du auch, daß ich entschiedener in meiner: öffentlichen Aeußernngen bin; der Laieuaussatz sagt schon gar viel, der erste Aufsatz des dritten Heftes — die Rabbiirerzusannnenkunft, Sendschreiben au einen befreundeten jüdischen Geistlichen, Aufforderung!) zu derselben und Zweckaugabe derselben enthaltend — nicht minder, und zur Einleitung in den 4. Band habe ich jetzt einen ganz unumwundenen in: Sinne, den: sich dann der Deinige unmittelbar anschließen soll. Ich werde da wohl mein Judenthuni kurz anseinandersetzten und zeigen, inwiefern cs berechtigt ist, den Anspruch einer historischen Religion zu machen und im Innern der Judenheit sich geltend nmchen zu wollen. — Besuche habe ich diesen Sommer, wie gesagt, in Masse gehabt, interessant waren die des Herrn D. Salomon in Hamburg und des Herrn D. Beer in Dresden. — Mit der Zeitschrift geht es ganz gut, nur schrecklich langsam, und ich muß durchaus sehen, diesem Mangel abzuhelfen. Sende doch bald etwas Tüchtiges, sei es eine Behandlung eines einzelnen Gegenstandes, historisch und praktisch, sei es eine Bombe, die in das Publikum geworfen wird. — Deine Mittheilung über Herrn von Eichthal war mir sehr interessant; erlaubst Du vielleicht, daß ich einigen Gebrauch davon für die Zeitschrift mache? — Inden „Klagen eines Jllden" kann ich mit Deinem Urtheile doch nicht so ganz übereinsümlnen; sie sind offenbar Affektation, und ein wahrer Schmerz findet sich darin nicht, nur Christen können dies glauben. Ich spreche mich in: 3. H. darüber aus! — Das Büchlein über die drei größten Propheten von D. Nathan, pseudoi:yn: D. Essena, in Hamburg, habe ich nicht gesehen. — Das sind lauter Verkehrtheiten, solchen Geist heraufbeschwören: wir wissen auch von einem Schmerze, und ich glaube ihn im fünften Hefte ziemlich klar ausgesprochen zu Habens) aber das Jndenthum ist zu sehr mit der Zeit zerfallen, als daß er Wurzel fassen könnte. Passive Naturen wird es immer geben, welche der raschen Bewegung nicht widerstehn können und sich davon doch verletzt fühlen; aber wir müssen die thätigen sein. *) Dieser und der obengenannte „Laien"-Aufsatz in Bd. III. der Zeitschrift; der für Bd. IV. geplante und wirklich an der Spitze des Bandes erschienene führt den Titel „Der Formglaube in seinem Unrverthe und in seinen Folgen" (vergl. Geigers Nachgelassene Schriften I, S. 477 ff.) Unmittelbar nach ihm folgt Dernburgs kleine Auseinandersetzung. 2) Gemeint ist wohl Ztschr. Bd. II H. 2 „Neues Stadium des Kampfes in dem Judenthum unserer Zeit"; die'„Klagen eines Juden," von Joel Jacoby, Berlin 1835.