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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1896-05-01 · Heft 18 (1.5.1896) · p. Seite 213

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
60 (1896)
Issue
Heft 18 (1.5.1896)
Date
1896-05-01
Page
Seite 213 (sequence 9)
Language
German
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, verbannen,^ ist mustttgiltig. Aber keineswegs können wir Rouffeaus Erziehungsplan in seinem ganzen Umfange annehmen. Wenn wir i schon bei Locke fanden, daß er die Persönlichkeit des Kindes zu stark betont, so. daß sie - ein zu großes-Gewicht über die anderem Kräfte und: Strebungen erlangen muß und die harmonische Gesammtentwickelung zu beeinträchtigen droht, so können wir umsoweniger darein willigen, daß sie sogar Ausgangspunkt und Direktive des . gesammten Erziehungsgeschäftes werde. Rouffeaus Emil würde mit seinem ungehemmten Selbstbewußtsein und seinem nur durch die Raison gezügelten Freiheitsdrange nicht Raum genug innerhalb der Schranken der Knlturwelt finden, und Rousseau selbst nennt ihn einen gesellschaftlichen Wilden, pas un sauvage ä releguer dans les döserts, c’est un sauvage fait pour habiter les villes. Wenn Voltaire von Rouffeaus discours sur l’inegälite parmi les . lionimes (1754) den bekannten satirischen Ausspruch thut: „Nie hat ein Mensch soviel Geist aufgewendet, um uns zu Bestien zu wachem Liest man das Buch, so wandelt einem die Lust an, auf allen Vieren zu laufen," so könnte einem durch den Emile die Lust , erweckt werden, als Buffalo Bill unter ben Indianern zu Hausen?) Man hat übrigens längst gefunden, daß Rousseau schon . in seinem Erziehungsplane selbst die Unmöglichkeit darlegt, völlige Freiheit in der Erziehung walten zu lasten und jeden - fremden, zwingenden Einfluß fern zu halten. Herbart bemerkt* 2) geistvoll, daß Rousseau die bereits voll ausgebildete sittliche Kraft des Erziehers als Opfer einsetzt, um in dem Zöglinge eine solche erst zu erzeugen. Auch müssen so unnatürliche und zu- . gleich selten günstige Verhältnisse für die Erziehung Emils vorausgesetzt und anderseits seinem Hofmeister so viele Künsteleien und Schliche zugemuthet werden, daß von einer natürlichen freien Entfaltung der Individualität gar nicht die Rede sein kann. Daher hat auch der Philosoph öfters große Anleihen bei 'dein Romanschriftsteller aufnehmen muffen, und wir glauben seiner Versicherung gern, daß er die „Hand nicht ans Werk, sondern nur an die Feder legen" wollte. Wenn heute Ibsen und die Anhänger einer trübseligen Dekadenz-Philosophie sich wiederum gegen die Autorität in der Schule anflehnen, wenn anderseits auch in diesem Blatte der Religionsunterricht ctüeui ans die Macht der „Begeisterung" und der „Wärme des religiösen Gefühls in den jungen Seelen" gegründet und versucht worden ist, die der Autorität dienenden Mittel der Schulzucht lächerlich zu machen, dann weht uns hier von Neuem der Hauch Rousteauscher Theorien entgegen. Sie sind gefährlich, weil die Idee der Freiheit, der sie zu dienen scheinen, auch in der Dunsthülle der Illusion und Utopie, die sie umgiebt, die Angen des Unkundigen blendet. Aber das Licht der Geschichte strahlt sie mit seinem Hellem, reinem Scheine an und läßt die unklare Verschwommenheit deutlich erkennen. Mraham Geigers Briefe an I. Arrenbourg. - (1833-42) Herausgegeben von Prof. Dr. Ludwig Geiger. - :;-r ■■■-■ ' ... XV. Wiesbaden, 23. August 1837. Mein lieber, -guter Deruburg! Nachdem ich meinen freundlichsten Glückwunsch zu dem vorgestern begangenen — oder, auch nicht begangenen — 26. Geburtstage abstatte, komme ich mit vielen Kratz¬ 1) Vergl. Emile et Sophie, ou les Solitaires. 2) Einleitung zur Allgemeinen Pädagogik rc. süßen, unter dem Arme eine Mappe voll Entschuldigungen, die ich hiemit ergebenst und devotest überreiche. Es ist wirklich arg, ein so - .langes Stillschweigen zu bewahren, und fast darf ich mich jetzt neben t Dich stellen — denn Deine prompten Antworten datiren, um Deinem * Gedächtnisse zu Hilfe zu kommen, vvu kurzer Zeit —, und ich würde; stolz darauf sein, einen Beweis von meiner Enthaltsamkeit geliefert -zu haben, wenn dies Alles nicht lauter leere Rede wäre/ und an -meinem Willen nicht die geringste Schuld gelegen. Das war ein Sommer, m. L., zerrissen und zerfetzt, und nachdem ich meine Kleider . auf sehr anständige Weise, nach Deinem guten Rathe ausstaffirt, da war es meine Zeit, welche die Löcher annehmen mußte. Ein Freund, ein Bekannter, ein neuer Bekannter folgte auf den anderen, -und da schwänzelte man hinter dem Kursaale umher, ging auf den Giesberg, trank Wein mit Selterswasser und Zucker und sprach . nebenbei auch über Judenthum und ging schläfrig nach Hause. So ist mir aber in der That der Sommer vorübergegangen; das : Dringendste und Nöthigste wurde noch vorgenommen, aber alles . Andere, vorzüglich wo die Geistesthätigkeit eine freie sein sollte, - mußte liegen bleiben. Nun beginne ich ein wenig ruhiger zu werden, aber da kommt erst der rechte Schrecken, nun öffne ich Briefe und .. sehe meistens Wmterdatnms oder doch von dem diesjährigen Frühlinge, der sehr winterlich war, und da überläuft mich eiskaltes Rieseln. , Wie oft ich au Dich dachte, in. L., und wie oft ich von Dir sprach; aber schreiben, ja, das ist ein Anderes! Nun habe ich heute einen ^frischen Tag für Dich genommen, nachdem ich gestern meine Korrespondenz nach Oesterreich ins Reine gebracht, und da wollen wir schwatzen eon ainore. — So laß Dir denn zuerst von der Rabbiner- . Zusammenkunft*) erzählen;- noch thun mir meine Finger wehe von .den Schreibereien, die ich nöthig hatte, bis sie zu Stande kam, noch ist mein Hals wund von dem bieleu Sprechen und Disputiren bei derselben und dm Antworten, die ich später zu geben hatte über ^dieselbe, und noch ärgere ich mich über die Geringfügigkeit und "Unbedeutendheit ihrer Resultate. Anwesend Kohn (Hohenems), . D. Maler (Stuttgart). Bloch (Buchau), D. Wassermann (Mührmgen), { Wagner (Kläusrabb. Mannheim), D. Herxheimer, Wechsler, D. Lewi ' (Fürth), D.^ Aub, Gutmann (Redwitz), Stein (Burgkundstadt — , Selz (Uehlefeld) liest seine Frau nicht fort, und Neuburger (Äschaffenburg) mußte wegen der in diese Zeit fallenden Schulprüfung zu Hause bleiben, Gosen (Marburg) wäre wohl ohnedies nicht gekommen, aber auch seine Tochter war krank, D: Heß wollte erst später eine , Rheinreise machen, kam auch im Laufe des Sommers an und-ist mit Allem zufrieden. Grünbaum kam ganz unerwartet zum Schluffe, Friedländer (Brilon) war verhindert und kam auch später, Holdheim (Ist. a. d. O.), ein ganz wackrer Mann, konnte wegen seiner sehr schwierigen Stellung nicht kommen. D^ Frankel (Dresden) ist zu viel Lamden. Dies die Personalchronik. Ich muß gestehen, daß je näher die Zeit der Zusammenkunft herankam, ich um so unruhiger „ wurde, da ich im Grunde doch nicht recht wußte, was das, wenn . auch stillleitende Prinzip unserer Berathmrgen sein sollte, und ich selbst in mir unklar wurde; ein System sollte und konnte nicht auf- ° gestellt werden, und die Einzelheiten waren doch zu willkürlich Ueber diese Rabbinerversammlung, deren Theilnehmer nun sämmtlich gestorben sind, — manche Theilnehmer waren schon damals viri obscuri, andere erhoben sich zu großer Bedeutung und nahmen hervorragende Stellen in Berlin, Frankfurt, Stuttgart ein — vgl. Geigers Bericht an Jak. Auerbach in Geigers Leben S. 99 fg., der dem hier mitgetheilten zu mannigfacher Ergänzung dient. — Die Aufsätze über die jüdischen Trauergebräuche von Abraham Kohn, Zeitschr. Bd. 3 H. 2, von Aub und Stein, das. IV 89—60, Wechsler und Nachwort Geigers Vas. 352—344 von A. Kohn über das Haartragen der Frauen. -4.,' l >

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