Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 60 (1896)
- Issue
- Heft 18 (1.5.1896)
- Date
- 1896-05-01
- Page
- Seite 212 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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faßt. Als solches ist es ihm mich mir ein erstes, vorläufiges Motiv, während .im späteren Alter,' bei selbständiger Erwägung derGründ -für bie Pflichten, die eigene Autorität und der freie Gehorsam 'gegen den Schöpfer das Handeln bestimmen. Indem Locke dem Denken seines Zöglings jeden Zwang zu ersparen wünscht, indem .er auch'die anfängliche Beachtung der gesellschaftlichen Forderungen "von seinem Zöglinge nur als dessen freie Entschließung fordert, *) ' so senkt er .seinem Geiste tief das Bewußtsein von dein eigenen Rechte ' und der eigenen Kraft, sowie von dem allgemeinen Menschenrechte ein. Da er bei der Aufstellung seiner Theorien einen jungen Mann aus vornehmem Stande im Auge hat', so werden die daraus entspringenden Vorzüge und Nachtheile noch wesentlich verschärft. Seine /Erziehung kräftigt das Selbstbewnßtsein und den Mannesmnth, das 'Ehrgefühl und den Sinn für Menschenwürde; doch schlagen diese Vorzüge ' auch um in stolze, egoistische Jsolirungssucht und anderseits in Heuchelei. ' Man könnte in diesen allgemeinen Zügen John Bull wiedererkennen, '' den mächtigen Weltbürger, der mit feinem Sinne zwischen dem was gentleman- oder Iadylike und dem was unFentleinan- oder unladylike ist, zwischen fair und unfair scheidet, und der doch wiederum als eigenwilliger Sonderlings) sich so vielfach verhaßt macht, der als Hort und Vorkämpfer für Humanität, ebenso wie als hypokritischer, selbstsüchtiger Krämer allgemeine Geltung erlangt hat. Indem wir die Bewerthung der Lockeschen Erziehungsmaxime für das jüdische Geisteselement noch hinausschieben, folgen wir zunächst dem Entwickelungsgange, welchen der von ihm ausgegangene Impuls nahim Während Locke die Freiheit der kindlichen Persönlichkeit noch an die Bedingung knüpfte, die Autoritäten des Erziehers und der Gesellschaft anzuerkennen, proklamirt sie Jean Jacques Rousseau zur autokratischen Regentin. Dieser geht von dem Grundsätze aus, daß „alles gut ist, wie es auI den Händen des Urhebers der Dinge hervorgeht"?) daß also auch der Mensch gut sei, so lange er seiner Natur, getreu bleibe und nicht von anderen verdorben sei. Die erste und wichtigste Kraft seiner Seele ist daher nach Rousseau die Selbstliebe, , welche die eigene Persönlichkeit mit allen ihren Kräften und Fähigkeiten zur Entfaltung treibt. Indem sie schon von Natur nach dieser Entwickelung strebt, erzieht der Mensch sich selbst, und die von außen hinzukoinmende Erziehungsthätigleit hat nur dafür zu sorgen, daß siefrei ausreifeu könne und brauche daneben nur den Gebrauch der Dinge zu lehren. Jedes eigenmächtige Eingreifen müßte aber den natürlichen Verlauf der Selbstentfaltung stören und darum unterbleiben. Daher sind „die Wörter gehorchen und befehlen aus seinem (des Zöglings) Wörterbuche gestrichen, noch mehr aber die Wörter Pflicht, Schuldigkeit."4) Der einzige Herr, welcher der frei strebenden Kraft halt gebieten darf, ist das Gesetz der Natur, und so schließt denn auch jener Satz: „Aber die Wörter Kraft, Nothwendigkeit, Ohnmacht und Zwang nehmen einen großen Raum darin ein". Darum mahnt auch Rousseau: „Bleibe auf dem Platze, welchen die Natur dir in der Kette der Wesen zugewiesen hat, und nichts wird dich daraus verdrängen können; stemme dich nicht gegen das harte Gesetz der Nothwendigkeit. Alles Uebrige ist Sklaverei, Selbsttäuschung,' Blendwerk." Einen Leitsatz, welchen Rousseau für seinen Erziehungsplan aufstellt, lautet demnach:. „Die Nothwendigkeit der Dinge, nicht die Laune der Menschen sei das Joch, worunter^ das Kind sich beugt." In der Kindesnatur selber ist also die Grund-! läge unb. auch das Ziel der Erziehung zu finden, die Grenzen ihrer!)■ Bergl. Lockes Psychologie im Lssay cm human understanding. 2) J8gI. Washington .Irving, Sketch Book, John Bull. 3) Emile, ou de l’Education, Buch 1. h. Das. Buch 2. Wirksamkeit bestimmt die übrige Natur; für einen fremden Einfluß aber findet Rousseau in seinem Erziehungsplane keinen Raum. Darum hat Goethe seinen Erziehungsroman: Emil oder über die Erziehung ' v,das Naturevangelium der Erziehung" genannt. Emil*) der imaginäre ZöglingRousseaus, istWaise, kann also weder ' von Vater und Mutter geleitet werden, noch ist et sonstigen Einflüssen des Familienlebens ausgesetzt. Er ist vollständig einem Hofmeister übergeben, welcher nicht um Lohn, sondern als Freund seine Erziehung übernimmt und etwa 25 Jahre lang sein Gespiele und unzertrennlicher Begleiter bleibt. Emil braucht kein eminenter Kopf zu sein, aber er muß wohlgebildet, gesund und kräftig, auch reich sein und auf dem Lande leben?) Hier sollen sich erst sein Körper und seine Sinne entwickeln. Die Eindrücke, welche ihm die Umgebung bietet, seien seine ersten Kenntnisse und die Sinne seine ersten Lehrmeister, und es braucht nur dafür gesorgt zu werden, daß ihm jene in gehöriger Ordnung zukommen. Sein Buch sei die Welt, sein Unterricht seien Thatsachen. Lesen lernen soll er erst, wenn die Lust zum Verkehr ihm das Verlangen danach eingiebt. Das erste Buch, welches er endlich im zwölften Jahre in die Hand bekommt, soll Robinson Crusoe sein/ von dem er lerne, alles selber zu . machen. Alles Wissen soll er durch eigene Beobachtung und eigene Anstrengung erwerben, selbst Mathematik soll er erfinden, nicht erlernen. Der Hofmeister muß allerdings viele Künste ersinnen, -um die angemessenen Verlangen in dem Knaben zu erwecken, da er ihn ja zu nichts zwingen darf. Dabei kann es nicht ausbleibeu, daß der ungebundene Thatendrang des Knaben viel Unheil anrichtet, aber „der Zerstörungstrieb der Kinder ist nicht Bosheit, er ist nur Begierde nach Thätigkeit". Der Knabe ist also dafür auch nicht zu bestrafen, nur lasse man ihn den Mangel, der aus seinen Beschädigungen erwachsen ist, eine Zeitlang empfinden', damit er diese künftighin mlterlasse. Zerbricht er z. B. das Tischgeräth. so beeile man sich nicht, ihm neues zu geben. Zerschlägt er die Scheiben, so lasse man durch die Oeffnuug den Wind Tag und Nacht auf ihn pfeifen, daß er den Schnupfen bekommt. Man lasse sich dadurch nicht bekümmern, „denn es ist besser, er bekomme den Schnupfen, als daß er ein Thor bleibe". Strafen dürfen nur als eine natürliche Folge der bösen Handlungen eintreten. So bleibt der'Zögling nur von der Natur abhängig und wird nur durch sie erzogen; von jeder erzieherischen Autorität bleibt er völlig verschont. Der Erzieher hat nicht allein nichts zu thun, er muß sogar „verhindern, daß etwas gethan werde."* 2 3) Die Autorität findet sich erst dann ein, wenn sie von der schon entwickelten Vernunft gebilligt wird. Die Erziehung wird also anfänglich verzögert, um einen Vorsprung zu gewinnen.. Im Verkehr mit anderen Menschen lernt Emil auch, ihre Rechte zu achten, und die Erkeuntniß der Nützlichkeit und Nothwendigkeit derselben begründet in ihm die Menschenliebe. So wird er ein Mensch, der bedürfnißlos, unabhängig, ganz auf sich selbst stehend unter den anderen Menschen zu leben versteht. Als Mensch zu leben, das ist die Kunst, die er gelernt hat. Rousseans Roman vertritt mit einer glänzenden und hinreißenden Beredtsamkeit die Rechte des unerzogenen Menschen auf Jugendlust und Jugendfreiheit, und von bleibendem Werthe sind seine Rathschläge, wie die Natur des Kindes zu erforschen und zu berücksichtigen sei. Seine Methode für die realen Unterrichtsfächer, durch Anschaulichkeit die Selbstthätigkeit des Schülers anzucegen, alles Scheinwissen, alle Gedankenlosigkeit und Oberflächlichkeit zu 1) Das. Buch 1. 2) Buch 2 und 3. b) Emile, Buch 4.