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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1896-05-01 · Heft 18 (1.5.1896) · p. Seite 211

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
60 (1896)
Issue
Heft 18 (1.5.1896)
Date
1896-05-01
Page
Seite 211 (sequence 7)
Language
German
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Zwanges einer despotischen Zucht. Hört aber der Drill auf, so fällt auch der Zwang fort. An ihre Stelle treten die Anstrengungen des von Natur vorwärts strebenden Geistes, um die dargereichten Anschauungen zu erfasten und zu verarbeiten. Dieses Streben kann die Zucht seinem eigenen freien Drange überlasten, und sie wird nur nöthig haben, ihm die noch erforderlichen Hilfeleistungen zu gewähren. Während also der mechanisch verfahrende Unterricht die Zucht vollständig an seinen Dienst kettet, 'stützt sich der die freie Selbstthätigkeit des Schülers herausfordernde Unterricht zumeist auf diese von ihm selber erzeugte Kraft und giebt die Zucht fast gänzlich frei. Diese ist nunmehr in der Lage, sich ein eigenes Ziel für ihr Wirken zu wählen, und sie findet es in der Erziehung zur Sittlichkeit. So kann erst seit Comenius von einer Schulzucht im modernen Sinne die Rede sein. Comenius selber faßt:1 *) „Die Studien, wenn sie recht eingerichtet sind, locken durch sich selbst die Geister an und ziehen und reißen alle (menschliche Ungeheuer ausgenommen) durch ihre eigene Süßigkeit 311 sich hin. Wenn es Glicht so ist, so tragen nicht die Schüler, sondern die Lehrer die Schuld daran. Wenn wir nicht die Mittel kennen, die Geister durch Kunst anzulocken, so werden wir Gewalt sicher vergeblich anwenden. Schläge und Streiche haben nicht die Kraft, in die Köpfe Liebe zu den Wissenschaften zu bringen, wohl aber geradezu Widerwillen gegen dieselben zu erzeugen." An die Spitze seiner Jamia lmguarum reserata oder erschlossenen Sprachenthür, eines lateinischen Lehrbuches, welches der Verläufer des orbis pictus war, setzt er darum die Vignette: „Omina sponto iluant, absit violentia rebus," jegliches fließe von selbst, und fern sei Gewalttat dem Treibens) Er fordert, daß die Schule „nicht von Klagen Streichen und Swielen, sondern von Wachsamkeit und Aufmerksamkeit seitens der Lehrenden und Lernenden erfüllt sei." Dennoch fährt er fort: „Eine strengere Zucht ist nicht wegen der Studien und Wissenschaften, aber wegen der Sitten anzuwenden." Also auch Comenius will auf die Strenge doch nicht ganz verzichten. Er vergleicht sie mit der vom Arzte verordneten bitteren Arznei rmd bestimmt das nothwendige Verhältniß von Milde und Strenge in folgendem Gleichnisse: „Die beste Form der Zucht lehrt uns die himmlische Sonne, welche den Heranwachsenden Wesen 1. beständig Licht und Wärme, 2. oft Regen und Wind und 3. selten Blitze und Donner darbietet, wenn schon auch dieses zum Nutzen derselben ist." Als den Zweck der Schulzucht bezeichnet Comenius Tugend und Frömmigkeit: „Unglücklich der Unterricht, welcher nicht zu guten Sitten und Frömmigkeit siihrt. Denn was ist wissenschaftliche Bildung ohne Sittlichkeit? Wer in den Wissenschaften Fortschritte macht, aber Rückschritte in den Sitten, kommt mehr zurück als vorwärts. Die neue Gestalt, welche die Schulzucht durch Comenius empfing, zeigt im Allgemeinen bereits diejenigen Formen, welche die moderne Pädagogik ihr vorschreibt. Die pädagogischen Bestrebungen nach Comenius verfolgen durchweg dieselbe Richtung wie dieser, nämlich die Bekämpfung eines widernatürlichen Zwanges und eines abstrakten mechanischen Verfahrens im Unterrichte, andererseits die Berücksichtigung der psychologischen Verhältnisse, insbesondere der Individualität in der Erziehung. Indem die spätere Pädagogik jedoch von dem Hauptpfade der rechten Schulzucht abirrte und Zickzackwege einschlug, hat sie uns, ihren reichen Erben, den Vortheil des freien Ausblickes auf die Seitenrichtungen verschafft, und mit Lessing3) danken wir der Vorsehung, daß sie der Kulturbewegung Didactica magna ober große Unterrichtslehre, Kap. 26 „von der Schulzucht." 2) Das. Kap. 10. 3) Lesstng: Erziehung des Menschengeschlechts. nicht die gerade, sondern krumme Linien als den kürzesten Weg für ihr Fortschreiten vorgeschrieben hat. Auch die Nebenrichtungen der Schulzucht nahmen in England ihren Ausgang. Doch schritten sie erst durch Frankreich hindurch, ehe sie den Boden Deutschlands betraten. Der englische Arzt und Philosoph John Locke schrieb die Erfahrungen, welche er als Erzieher des jungen Earl of Shaftesbmy gesammelt hatte, unter dem Titel': „Lome thoughts concerning education“, Gedanken über Erziehung, nieder. Er schuf seinen Landsleuten damit einen Erziehungskodex, welcher von ihnen noch heute viel gelesen und beachtet wird, gleichzeitig gab er aber seinem Zeitalter dadurch einen mächtigen Anstoß zu neuen pädagogischen Bestrebungen. Die Schulzucht wurde durch seinen Erziehungsgrundsatz, daß die Gestlndheit und Kräftigung des Leibes eine Vorbedingung für das sittliche Gedeihen sei, neu belebt und durch seine eingehende Behandlung der Gesundheitspflege der klassische Ausspruch: „mens sana in corpore sano“ wiederum zu Ehren gebracht. Gegen die „gewöhnliche sehr kurze und bequeme Züchtigungsmethode,, wandte sich Locke besonders deswegen, weil diese, indem sie den Witten des Zöglings unterwirft, einen feigen, sklavischen Sinn in ihm erzeugt. Die Zucht müßte aber ihre Hauptaufgabe vielmehr darin erblicken, das rechte Selbstbewußtsein und die Selbstachtung des Zöglings zu wecken und zu kräftigen, damit er sein Thun selber bestimmen könnte. Darum solle zwar beit Launen der Kinder, ihrer Herrsch- und Selbstsucht zeitig entgegengetreten und strenger Gehorsam gefordert, werden, doch müsse der Zögling auch die Zweckmäßigkeit und Nützlichkeit der gegen ihn angewendeten Erziehungsmaßnahmen einsehen können. Er solle wissen, daß man für alle Forderungen, die an ihn gestellt werden, seine guten Gründe habe. Da Locke jedoch dem unreifen Menschen nod) nicht so viel sittliches Bewußtsein zutrauen konnte, daß dieser von dem Werthe jener Gründe bereits überzeugt sein und durch solche Ueberzeugung sich zu ihrer Erfüllung nöthigen lassen sollte, so setzte er an Stelle dieses echten seelischen Motivs ein äußerliches, welches deutlicher als jenes zu erfassen und darum geeigneter war, dasselbe während der Erziehungszeit zu vertreten. Der Wunsch, den Anforderungen der Gesellschaft zu genügen, ihre Achtung und ihren Beifall zu gewinnen, dies fei ein sicheres und angemessenes Motiv, wonach das Kind seinen ganzen Wandel einrichten könne. Darum habe die Erziehung den Ehrgeiz des Kindes zu stacheln. „Den Kindern Liebe zur Reputation einflößen, das ist das große Geheimniß der Erziehung." „Die Kinder müssen lernen, wie sie durch Gutesthun bei aller Welt beliebt, im entgegengesetzten Falle aber verachtet und gering geschätzt werden; so wird in ihnen das Verlangen entstehen, sich um Beifall zu bewerben und das zu vermeiden, was verächtlich macht." Die wichtigsten Mittel der Zucht sollen daher Lob und Tadel sein. „Löbsprüche ertheilt man in Gegenwart Anderer, das verdoppelt die Belohnung; dagegen Fehler mache man nicht bekannt, das macht stumpf." „Schläge sind nur zulässig in Fällen von Hartnäckigkeit und Heuchelei; aber auch dann mögen Schande und Scham mehr wirken als der Schmerz." So bildet sich als „die echte Triebfeder, welche beständig wirksam sein und die Jugend auf den rechten Weg leiten wird, das Streben, daß sie bei euch in Ansehen stehen wollen, und die Furcht, euere Mißbilligung oder eueren Unwillen zu erwecken." Viele Eltern werden in dieser Manier des englischen Pädagogen ihre eigene wiedererkennen können. Doch mögen sie bemerken, daß ihnen der erzieherische Ernst jenes Pädagogen fehlt. Denn sie opfern das Streben ihrer Kinder zum größeren Theile ihrem eigeneil Ehrgeize und wünschen vor allem, mit den Vorzügen und Fortschritten ihrer Kinder selber im Kreise der Freundinnen zu glänzen, während jener . das ehrgeizige Streben des Kindes rein als Erziehungsmittel auf-

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