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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1896-05-01 · Heft 18 (1.5.1896) · p. Seite 210

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
60 (1896)
Issue
Heft 18 (1.5.1896)
Date
1896-05-01
Page
Seite 210 (sequence 6)
Language
German
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210 Sie dieselben her." — Zwei Stunden darauf, nachdem er flüchtig die Beweisstücke durchlaufen, elektrisirte er die Richter durch eine brillante feurige Rede, gewinnt seine Sache und verläßt den Saal des Gerichtshofes, um die unterbrochene Reise fortznsetzen. Sein Klient begleitete ihn bis zürn Postbüreau und bot ihm hocherfreut über den glücklichen Ausgang ein großes Honorar an, das Cremieux jedoch mit den Worten zurückwies: „Geben Sie das Geld den Armen, Adieu!" und dahin fuhr der Postwagen. Die Lyoner Zeitungen erzählten das Ereigniß, und noch ehe Cremieux in Paris ankam, kannte man dort sein Bravourstück. Als er den Justizpalast betrat, brachte man ihm eine Ovation, und die jungen Advokaten gaben ihm zu Ehren ein Banket. Auch in Paris erwarb sich Cremieux durch glänzende Vertheidigungerr, wie z. B. der St. Siinonisten, des Exministers de Ranville, Casimir Periers, Lebors u. A. eine große Popularität, und im Jahre 1842 trat er mnthig der Proklamirung der Republik bei, wurde Mitglied der provisorischen Regierung und übernahm die Leitung des Justizministeriums. Und als dann die schrecklichen Dezembertage von 1851 über Frankreich hereinbrachen, und der Präsident Louis Bonaparte, dessen Kandidatur selbst Cremieux, irre geführt durch fdööne Phrasen und heilige Schwüre, begünstigt hatte, sich durch den Staatsstreich des Thrones bemächtigte, ward Cremieux eines der eifrigsten Mitglieder der Bergpartei und bekämpfte mit aller Macht seiner Rede im gesetzgebenden Körper die Koalition der alten monarchischen Parteien. Zum Lohne dafür wurde er verhaftet, nach Mazas abgeführt, aber nach kurzer Zeit wieder entlassen, als Napoleons Bajonette die Ruhe wieder hergestellt hatten. Cremieux blieb fortan ein unversöhnlicher Feind des herrschenden Regiments wie des Usurpators selbst. Und er hatte auch den Mnth, dieser seiner Ueberzeugung öffentlich Ausdruck zu geben. Als Napoleon 1865 zur Abwechselung auch als Schriftsteller glänzen wollte und das „Leben Cäsars" veröffentlichte, schrieb Cremieux sofort nach dem Erscheinen dieses sensationellen Werkes folgenden nicht minder Sensation verursachenden Brief an ein Pariser Blatt: „Ich habe eben die Vorrede gelesen, welche Napoleon III. seinem „Leben Cäsars" voransetzt. Der freilich etwas gedämpfte Fatalismus einerseits, anderseits die den Völkern übrigens ziemlich eindringlich vor Augen geführte Pflicht, je nach ihren Zeitepochen die Ideen Karls des Großen, des ersten Napoleon znzulassen, hatten meine ganze Aufmerksamkeit wachgerufen, als ich bei den Worten anlangte: „Glücklich dieVölker, welche dieselben begreifen, wehe denjenigen, welche sie mißverstehen oder bekämpfeil! Sie macheneswie die Judell, sie kreuzigen ihren Messias." „Wie konnte Napoleon diese Phrase niederschreiben! Wo hat der Historiker den Belag für diesen Ausspruch, den er so kurzweg hinstellt, aufgefundeu! Die Juden haben ihren Messias gekreuzigt!" „Die jüdische Religion, welche in jenen Ländern, wo ihre Anhänger sich der politischen und bürgerlichen Rechte erfreuen, den übrigen Religionen gleichgehalten wird, sie, welche in jenen Ländern, wo ihre Bekenner der Verachtung, den Verfolgungen ausgesetzt sind, mit so vieler Tapferkeit ihre Unsterblichkeit aufrecht hält, die jüdische Religion erwartet ihren Messias; die katholische Religion ist es. welche sagt, daß dieser Messias von den Juden verkannt, von ihnen gekreuzigt wurde. Also die Vorrede zum „Leben Cäsars" wird jetzt vom katholischen Staildpunkte geschrieben! Eine Religions-These wird als ein historisches Axiom aufgestellt! O, wie weit haben wir uns von jenem großen Gedanken Napoleons I. entfernt, der durch die Berufung eines großen Sanhedrins und die Organisation des israelitischen Kultus die jüdische Religion anerkannte! „Wir leben in einer Zeit und in einem Lande, in welchem die Religionen und Klllte sich, im Gewissen verschließen, in den Tempeln sich frei bewegen können. Ein Priester mag von der Kanzel herab die Geburt des Messias und die Verblendung der Juden, welche ihn verkannt und gekreuzigt haben, verkünden." „Ich kann dies als eine Ansicht der katholischen Religion, gegen welche übrigens ein Rabbi in der Synagoge von einer anderen Kanzel predigen kann, begreifen. Aber daß der Regent eines großen Reiches in der Vorrede eines Geschichtswerkes eine solche Aeußerung thut, daß er in einem Buche, welches er in alle Sprachen übersetzen läßt, neuerdings der Welt und Frankreich gegenüber, wo er alle Gewalt in seinen Händen vereint, gegen die Juden die Anklage erhebt, in ihrer Blindheit ihren Messias gekreuzigt zu haben, daß er diese schreckliche und schmerzliche Anklage, welche die Ströme jüdischen Blutes, die darob vergossen wurden, aus dem Gedächtniß der durch die Philosophie aufgeklärten Nationen hinweggetilgt zu haben schienen, erneuert — das war eine sehr unglückliche Eingebung. Ihr u. s. w." Wenige Tage darauf erhielt Cremieux die Versicherung, daß der betreffende Passus bei einer neuen Ausgabe wegbleiben werde. Im Jahre 1869 wurde Cremieux wieder in den gesetzgebenden Körper gewählt, und in jener denkwürdigen Sitzung, wo der Herzog von Grammont die berüchtigte Kriegserklärung verlas, war er einer von den Wenigen, die sich vom nationalen Chauvinismus nicht fortreißen ließen und warnend ihre Stimme gegen den Krieg erhoben, doch sie wurden überschrieen, und so brachen unaufhaltsam die Ereigniffe des Jahres 1870 herein. Nach dem Sturze Napoleons bildete sich sofort eine provisorische Regierung, deren Mitglied auch Cremieux war, und er übernahm wieder das Jnstizministerium. In Frankreich hat der Justizminister auch mit den äußeren, d. h. hauptsächlich den Geld - Angelegenheiten der Kirchen zu thun — Cremieux richtete damals als Minister an die katholischen, protestantischen und israelitischen Geistlichen ein Cirkular, worin er sie anssorderte, für die in Gefangenschaft gerathenen Soldaten Sammlungen in den Kirchen und Synagogen zu veranstalten. Den Rabbinern räth er, „da ihr Gesetz verbietet, an Sabbathen imb Festtagen Geld entgegen zu nehmen, die Sammlungen mit Festtag Abend eine Stunde vor Sonnenuntergang abzuhalten." Cremieux hielt 'zu Gambetta, er siel auch mit diesem, blieb aber bis zu seinem am 10. Februar 1880 in Passy erfolgten Tode Mitglied der Nationalversammlung. Er war selbstverständlich ein brillanter Redner, und wenn die kleine, unscheinbare, gedrückte Gestalt des elastischen Männchens mit dem durchfurchten Gesichte, auf dein eine merkwürdige Geschichte geschrieben stand, für seine Ideale, die Freiheit oder das Jndenihmn eintrat, dann richtete sie sich mächtig empor und ward immer größer, je weiter und je feuriger, je begeisterter und je überzeugender er sprach. Sein Name wird gewiß fortan in der Geschichte der Kultur mtb des Judeiithums nur mit Ehren genannt werden. Schichucht. Von Mittelschullehrer Max Golde in Dresden. /c3 II. (Drill, wie er bis zu Comenius' Zeiten fast llllgemein war, zwingt dem kindlichen Geiste Leistungen ans, welche seinen natürlichen Entwickelungsgang nicht fortführen, sondern unterbrechen und unterdrücken. Er bedarf daher, um seine Forderungen bei Widerwilligen oder Gleichgiltigen, ganz besonders bei Geistern mit selbständiger Lebendigkeit dnrchzusetzen, des

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