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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1896-05-01 · Heft 18 (1.5.1896) · p. Seite 209

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
60 (1896)
Issue
Heft 18 (1.5.1896)
Date
1896-05-01
Page
Seite 209 (sequence 5)
Language
German
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Blutige Kämpfe zum Schutze des von den Tartaren und Türken bedrohten/Vaterlandes, ruhmreiche Waffenthaten zur Erringung und Erhaltung der nationalen Freiheit und ewige Fehden standen der günstigem Gestaltung der Rechtsstellung der Juden im Wege. Es ist ein Zeugniß des erleuchteten Sinnes der ungarischen Nation, , daß in ihrer Mitte der Judenhaß, die Unduldsamkeit und das Vorurtheil am spätesten und dann sehr selten das eiserne Szepter schwangen. Es ist die große Lehre der Geschichte Ungarns, daß die Nation ihre Führung nicht den zügellosen Schwärmern, sondern nur den Geistern von staatskluger Besonnenheit anvertraute. In einer Zeit, in der sich die Nachbarvölker ver Reaktion in die Arme warfen, hat Ungarn durch die Jnartikulirung der vollkommenen Gleichberechtigung der jüdischen Konfession dem Genius der Freiheit und der Gleichheit seine Huldigung erwiesen. Hervorragende Männer erkannten mit feinem Scharfblicke die Bedenken erregende Schwäche des Fortschrittes und waren stets bemüht, dem Fortschritte unter dem Losungsworte „Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit" mit patriotischem Eifer den dornenvollen Weg zu ebnen. Seit drei Jahrzehnten arbeitet nun die ungarische Nation, von allen Bürgern des Vaterlandes unterstützt, an dem wirthschaftlichen und kulturellen Ausbau ihres Staates, der - einen solch seltenen Aufschwung nahm, daß Ungarn nunmehr, gekräftigt und erstarkt, voll Hoffnung und Zuversicht dem zweiten Jahrtausend entgegen sehen kann. Einer der edelsten Herrscher war Hand in Hand mit seinem Volke bemüht, das bedeutungsvolle Fest der tausendsten Jahreswende der Gründung des ungarischen Reiches feierlichst und würdig zu gestalten, um der ganzen gebildeten Welt zu zeigen, was Ungarn war und was es geworden ist. In welch' glanzvoller Weise dies geschehen wird, davon haben die wiederholten Mittheilungen der Tagespresse eine annähernde Vorstellung geliefert. Wir können es ohne Ruhmredigkeit verkünden, daß die kühnsten Erwartungen weit übertroffen werden dürften. Die Millenniumsausstellung, ein hervorragender Theil dieser Feier, wird ein historisches und kulturelles Bild. der Vergangenheit und der Gegenwart vorführen. Das alte Ungarn in meisterhafter Nachbildung der berühmtesten historischen Bauwerke dargestellt, gewährt einen überaus fesselnden Anblick. Im Innern dieser Bauten sind wahre Schütze von Sehenswürdigkeiten, die auf die Geschichte der ungarländischen Juden Bezug haben, aufgespeichert. An die glänzenden Festlichkeiten unter Theilnahme des Hofes, an die Huldigungen des Herrscherpaares durch die Nation, an die Ausstellung der Krone des heiligen Stefan und der Krönungsinsignien, an die Festsitzung, des Reichstages, an die Enthüllung zahlreicher Denkmäler rc. reihen sich aus Anlaß der Millenniumsfeier noch zahlreiche andere Werke von sehr großem und dauerndem Werthe. Auch unsere Glaubensgenoffen, die dein Fortschritte der Zeit nicht ferublieben, waren mit fieberhafter Emsigkeit bestrebt, nach den Worten des Dichters „zu wirken, zu schaffen und zu vermehren", damit das Vaterland in Glanz erhelle. Immer, insbesondere aber bei dieser nationalen Feier gedenken sie dessen, daß sie alle Rechte des Vaterlandes genießen, daß sie wahre Bürger des Vaterlandes, treue Unterthanen unseres erlauchten Königs, gehorsame Söhne des schönen Landes sind und bleiben bis in den Tod. Adolphe Cremüur. Zum hundertsten Jahrestage seiner Geburt. Von Rudolf Kars. s ist wohl noch kein einziges Jahrhundert verstrichen, in welchem das stets angefeindete und bedrängte Judenthum nicht wackere Männer auszuweisen hatte, welche sich der mühevollen Aufgabe unterzogen, mit Muth und Thatkraft für ihre verfolgten Glaubensgenossen einzutreten. In unserem Jahrhundert ragte unter diesen Zeitgenoffen ein Mann hervor, dessen ganzes Leben und Streben der Sache des Judenthums gewidmet war. der mit staunellswerther Charakterstärke in allen Phasen seines reichbewegten Lebens, in den Tagen des Glückes und höchster politischer Macht, sowie in der Zeit tiefsten nationalen Mißgeschickes der Religion seiner Väter unerschütterlich treu geblieben und mit wahrhaft rührender Aufopferung all sein Lebenlang für sie gekämpft und gestritten hat — Adolphe Cremieux. Wo immer Juden um ihrer Religion willen verfolgt wurden, sei es im barbarischen Asien, wie im civilisirten Europa, in Damaskus und Marokko,, wie in Rußland lmd Rumänien, im Krieg wie im Frieden, überall war es Cremielix, der. für seine Glaubensbrüder mit allem Feuereifer, der ihm eigen war, eintrat, sie vertheidigte und schützte. „Glauben Sie nicht", — sagte er selbst einmal öffentlich, — „daß es blos das Gefühl des Mitleids mit den Unterdrückten und Geknechteten ist, das mich an das jüdische Volk kettet. Als ich ein Junge von zehn Jahren war, da rief man mir in meiner Geburtsstadt nach: „Hep, hep, Jud'l" und zehn Jahre später war ich Advokat, fünfzehn Jahre darauf Mitglied des gesetzgebenden Körpers, und im Jahre 1848 Justizminister Frankreichs. Nie aber, in keinem Momente meines vielbewegten Lebens, habe ich die Religion des Sinai, die Religion und die Demokratie vergessen." Aber abgesehen von all diesen Vorzügen des Herzens und des Geistes, die in gleicher Vereinigung bei berühmten und gewöhnlichen Leuten selten angetroffen werden, hat sich Cremieux durch sein größtes Werk: die Gründung der ^Ilianoe Israälite Universelle, einen Anspruch auf unsere Dankbarkeit erworben. Durch den von ihm entworfenen Plan und die Anlage dieses großartigen Vereins, der den edelsten Zweck verfolgt, durch Errichtung von Schulen auch dort Bildung unter der jüdischen Jugend zu verbreiten, wo dies in Folge politischer und sozialer Verhältnisse sonst nicht möglich wäre, und weiter den Söhnen des jüdischen Volkes überall helfend beizustehen, wo sie in ihrer Eigenschaft als solche leiden, hat er sich ein unsterbliches Verdienst geschaffen, das ihm ein ehrenvolles Andenken in den Herzen seiner Glaubensgenossen für alle Zeit sichert. Jsaac^Adolphe Cremieux, am 30. April 1796 zu Nismes geboren, studirte, nachdem er im Lyc6e imperial in Paris die Vorbildung erlangt, die Rechte in Aix, ward 1817 daselbst Advokat' und erwarb sich durch geschickte Prozeßführungen einen solchen Ruf, daß man ihm 1830 an Barrots Stelle beim Kassationshofe zu Paris berief. Als Cremieux au den Ort seiner nettett Bestimmung reiste, traf er im Postwagen von Lyon einen Reisegefährten, der ihm sein Leid klagte, daß er mit der Führung eines Ehescheidnngsprozesses durch feinen Advokaten unzufrieden sei, weil dieser sich scheinbar nicht die nöthige Mühe nehme, um die Angelegenheit günstig durchzuführen. „Ich habe meinen Advokaten schon im Voraus bezahlt," so klagte.er ihm, „und bin darüber besorgt, er sieht Alles verkehrt an." „Wann wird Ihr Prozeß geführt," fragte Cremieux, als sie in Lyon anlangten. — „Heute, noch diesen Morgen," — „Nun gut, laufen Sie schnell zu Ihrem Advokaten, fordern Sie die Akten, und bringen

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