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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1896-05-01 · Heft 18 (1.5.1896) · p. Seite 208

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
60 (1896)
Issue
Heft 18 (1.5.1896)
Date
1896-05-01
Page
Seite 208 (sequence 4)
Language
German
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und viele, viele, die brodlos bei ihm Hilfe gesucht, sind durch seine Unterstützung empor und zu Erwerbszweigen gekommen. Von Morgens bis Abends lief er, Lei jedem Wetter, für „seine Orchim" umher; dabei fand er Zeit, eine Schaar von Talmudjüngern um sich zu versammeln, mit denen zusammen er allabendlich talmudische Studien trieb. Schon sein herzerquickender, überströmend warmer Zuspruch, sein sonniger, nie versagender Humor, seine geistreiche Schlagfertigkeit gewannen ihm alle Herzen, seine „Wörtchen" wurden als glänzende Bonmots und interessante Apercus weithin kolportirt. Er war so ' recht ein Vorkämpfer des alten Judenthums: streng orthodox und doch von weltumspannendem, weitausschauendem Blick; mit der innigsten Liebe für das Judenthum und seine geistigen Schätze verband er die aufrichtige Werthschätzung moderner Bildung, die er seine Kinder sich aneignen ließ und ihnen zuaängig machte, ein Ziel, das ihm auch in ganz besonderer Weise zu erreichen geglückt war. Sein ältester Sohn ist der rühmlichst bekannte Professor der Philosophie, an der Universität zu Bern, Dr. Ludwig Stein. Als eine seiner Lebensaufgaben betrachtete Levi Stein auch die Herausgabe der werthvollen talmudischen Arbeiten seines Vaters und Großvaters, die neue und scharfsinnige Erweiterungen zum Talmud bilden und die er selbst durch eigene Beiträge bereichert hatte. Leider konnte er die Aufgabe der Edition dieser Schriften nicht mehr ausführen, da der Tod so unerwartet sie ihm aus der Hand nahm. Ein sichtbares Zeugniß der innigen Liebe und aufrichtigen Verehrung, die der Verblichene - allgemein genoß, war sein Leichenbegängniß. In begeisterten Reden sprachen die Herren Rabbiner Auerbach, M. Hildesheimer, Dr. Hoffmann im Trauerhause und auf dem Friedhofe es aus, was der Verstorbene ihnen, seiner Familie,' seinen Freunden, ja der ganzen Glaubensgemeinde gewesen. Ein anderes und geradezu rührendes Zeugniß für den Werth des Mannes ' bildeten aber die kleinen Gruppen armer Leute, die den ganzen Weg entlang, vom Trauerhause bis nach Weißensee, zerstreut standen und thränenden Blickes bem Sarge mit ihrem heißen Dank und ihrer bangen Sorge folgten. Ja, sie haben einen edlen Mann begraben, einen echten Menschen. Uns aber war er mehr, viel mehr, und darum wird sein Andenken fortleben als ein gesegnetes in weiten Kreisen! Girre Musteranstatt. Von Dr. Heinrich Lewy, Gymnasialoberlehrer in Mülhausen. eit 1842 besteht zu Mülhausen die Israelitische Gewerbeschule; des Oberelsaß, eine Fortbildungsschule für Handwerkslehrlinge mit Internat. Diese Anstalt ist so trefflich ein-? gerichtet, daß sie überall in Deutschland als Muster dienen sollte,? wo das lobenswerthe Bestreben herrscht, die Handwerke unter den! Juden zu verbreiten. : Die Aufnahme von Lehrlingen erfolgt zweimal jährlich auf Grund? einer Prüfung. Sie müssen 14 bis 16 Jahre alt sein und ein Schul-i entlassungszeugniß besitzen. Die Anstalt gewährt ihnen während der! Lehrzeit Wohnung, Kleidung, rituelle Kost und Unterricht. Sie arbeiten fast ausschließlich bei christlichen Meistern, und obwohl die Sabbathruhe streng durchgeführt wird, stehen ihnen diebeMr Werkstätten der Stadt offen, weil die strenge Zucht der AnMt allgemeine Anerkennung findet. Jedes Vorstandsmitglied hat einige; Lehrlinge besonders zu überwachen und die betreffenden.Werkstätten öfters zu besuchen. Die Lehrlinge besitzen Zeugnißbücher, in welche -der Meister und - der im .Hause wohnende Anstaltsleiter monatlich Eintragungen machen; die besten Zeugnisse werden mit Geldpreisen belohnt. Alles Geld, welches die Lehrlinge einnehmen, müssen sie sofort dem Anstaltsleiter übergeben, der es ihnen beim Austritt mit Zinsen zurückerstattet. . Nach Feierabend wird von einigen die Zeichenschule besucht, Sonntags unterrichtet ein Zeichenlehrer in der Anstalt. Außerdem ertheilt der Anstaltsleiter, der zugleich städtischer Lehrer ist, Unterricht in Deutsch und Französisch, Rechnen, Raumlehre und Geographie,. Sonnabends nach dem Gottesdienste auch Religion. Ferner wird Sonnabends unter Aufsicht geturnt. An den Wochentagen findet Morgens und Abends Gottesdienst in der Anstalt selbst statt, an Sabbathen und Feiertagen ziehen die Lehrlinge in gleichmäßiger, schmucker Kleidung unter Führung des Anstaltsleiters in den Gemeindetempel, wo ihnen mehrere Bänke; Vorbehalten sind. ~ Mancher Lehrling besitzt bei seinem Austritt 300 bis 400 Mark. Die Anstalt zählt gegenwärtig 42 Lehrlinge und verfügt über ein unveräußerliches Kapital von 120 000 Mark. Sie erhält auch von Christen regelmäßige Jahresbeiträge und erfreut sich bedeutender Zuschüsse seitens der Stadt sowie des Bezirksrathes. Möge sie weiter blühen und reichen Segen wirken! Me ungarische Millenniumsfeier. Von E. Blumgrund. stolzer Genugthuung darf die ungarische Nation, die sich <#UL von allen Ruhmestiteln mit der größten Berechtigung auf die Freiheit als Grundlage ihrer Tradition und. Geschichte berufen kann, auf das erste Jahrtausend zurückblicken, das seit der berühmten, durch Malerei und Bildhauerkunst so mehrfach verewigten „Landnahme" verflossen ist. Wir Alle, die wir dieser ritterlichen Nation angehören, fühlen uns in dem Banne der ruhmvollen Geschichte, in deren Lauf der ungarische Staat, an dessen Grenzen der unverfälschte Freisinn die Wacht hält, gegründet wurde. Alle Herzen schlagen vereint im Gefühle des Stolzes auf die Vergangenheit und im beseligenden Glauben an die Zukunft jenes Landes, welches vielen Volksstämmen, so auch den Juden, zur Heimath wurde, welches mit gleicher Liebe auch diese umschlingt. Wenn auch geschichtliche Thatsachen und Legenden sehr schwer auseinander zu halten sind, zumal verläßliche historische Aufzeichnungen nur in äußerst geringem Maße vorhanden sind, so fehlt es nicht an Anhaltspunkten dafür, daß mit den waffengeübten Vorfahren der heutigen Ungarn auch jüdische Volksstämme nach der weitgedehnten und fruchtbaren Ebene zwischen der Donau und der Theiß gelangten und hier auch jüdische Niederlaffungen vorfanden. Eine geschichtlich nachweisbare Thatsache ist es, daß die Rechtsstellung der Juden unter den ersten Arpaden eine sehr günstige war. Sie hatten alle Rechte der Ungarn, erhielten Grundbesitz, gelangten zum Range des Adels, bauten Schulen .und Synagogen. Viele Juden heiratheten Christinnen, bekleideten ehrenvolle Aemter. Erst später gelang es dem Einfluffe der Kirche, den von den Synoden und den Päpsten erlassenen Verordnungen Geltung zu verschaffen, die aber in der Heimstätte des kernigen Magyarenthums nur selten unb dann auch sehr human gehandhabt wurden.

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