Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 60 (1896)
- Issue
- Heft 18 (1.5.1896)
- Date
- 1896-05-01
- Page
- Seite 207 (sequence 3)
- Language
- German
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207 Professoren; unter den achtzehn Oberlehrern sind neun an Realschulen. fünf an Realgymnasien, drei au Gymnasial und einer an einer Oberrealschule thätig. Von den vieruudzwanzig Hilfslehrern fallen zwei aus, welche an Gemeindeschulen definitiv nngestellt sind. Dazu kommen noch ein Probandus und zwei Seminarmitglieder. In Sachsen finden wir einen Oberlehrer in Magdeburg, und einen Hilfslehrer an der höheren Handelsschule in Erfurt, Schleswig- Holstein hat nur ein Seminarmitglied aufzuweisen. Dagegen kennt Hessen-Nassau als einzige der preußischen Provinzen zwei Direktoren, Dr. Bärwald an der stift. Realschule der israelitischen Gemeinde und Dr. Mendel Hirsch an der stift. Realschule der israelitischen Neligionsgesellschaft; ferner zählen wir drei Professoren, siebzehn Oberlehrer und vier Hilfslehrer an denselben Anstalten. Auch macht ein Philologe sein Seminarjahr am königlichen Friedrichs- Gymnasium in Kassel ab. In Summa zählen wir an den höheren Lehranstalten Preußens beschäftigte jüdische Lehrer 88, von denen 51 eine definitive Anstellung erreicht haben. * Der Ausschuß des Verbandes der Synagogengemeinden Westfalens hat soeben eine Gutachtensammlung, das Vogelsteinsche Gebetbuch betreffend, herausgegeben. Dieselbe enthält Gutachten der Herren Rabbiner DDr. L. Blumenthal-Frankfurt a. O., A. Brüll- Frankfurt a. M., Tobias Cohn-Potsdam, Kayserling-Budapest, Levi- Gießen, Lewin-Freiburg i. B., Maybaum-Berlin, N. Porges-Leipzig, CäsarSeligmanu-Hamburg, Selver-Darmstadt, Silbersteiu-Wiesbaden, Singer-Koblenz, Wolfssohn-Stargard i. P., Ziegler-Karlsbad; sowie zwei Schreiben der Herren Rabbiner Dr. Blumenstein-Luxembnrg und Dr. Rippner-Glogau. Sämmtliche Gutachten stehen natürlich auf dem Standpunkt, daß das Gebetbuch nicht nur kein Hinderniß, sondern im Gegentheil ein wirksames Mittel zur Hebung und Förderung des gottesdienstlichen Lebens bezeichne. Es kam dabei weniger auf die Quantität als auf die Qualität der Gutachter an. Gleich- ' wohl hätten wir gewünscht, daß mehr Gutachten veröffentlicht worden wären, da es ja dem Ausschuß nicht hätte schwer fallen können, mindestens 100 der angesehensten Rabbiner zu diesem Zwecke zu vereinigen. Die richtigste Antwort auf das Treiben der Orthodoxie scheint uns in diesem Falle Herr Rabbiner Dr. Rippner gegeben zu haben, indem er erklärte: „Das Gebühren der fünfzig Herren, die sich ein Richteramt über den Verband und Dr. Vogelstein herausnehmen, ist m. E. durchaus ungehörig; sie sind a limine zurückzuweisen, und es wäre in gewissem Sinne eine Sanktion dieser Ungebühr, wenn man auf den sachlichen Inhalt dieser Gutachten einginge." Dem Andenken eines Frommen. Berlin, 26. April. em Andenken eines wahrhaft frommen Mannes, eines jener wenigen Männer ans der guten alten Zeit, deren Orthodoxie nichts gemein hatte mit Fanatismus und Verketzernngssucht, dessen Strenggläubigkeit vielinehr gepaart war mit Herzensgüte. Liebenswürdigkeit und Menschenliebe, sind diese Zeilen geweiht. Sein Name war Levi Stein, und am sonnigen Frühlingstage haben sie heute sein sterbliches Theil nach langen, schweren Leiden zur ewigen Ruhe gebettet. Levi Stein wurde 1833 in Großwardein (Ungarn) geboren. Ec^sstammte aus einer altangesehenen Rabbinerfamilie. Seine I Ahnen, besonders sein Vater und Großvater waren bedeutende Schriftgelehrte, hervorragende Talmudisten und haben viele hebräische Werke herausgegeben. Als ein Lieblingsschüler von dem berühmten Preßburger Rabbiner (Kszaw Szaufer) trat er in jungen Jahren schon als scharfer vielumfassender Kopf hervor und wurde damals schon von vielen Rabbinern um seine Ansicht befragt und von ihnen 311 wichtigen Entscheidungen zugezogen. In jugendlichem Alter ward er schon Rabbiner in Czäth und später in Papa. Er trat dabei als ein Führer des strenggläubigen Judenthums hervor, übte nach weithin großen Einfluß ans; ja, sein persönlicher Einfluß reichte sogar auch in das Gebiet der Politik Dinem, so daß Maurus Jokai, Ed. Horn und andere politische Persönlichkeiten mit ihm Fühlung suchten. Sein Horizont ging weit hinaus über ein Rabbinat von noch so starkem jüdisch bewegten Leben. Die Lebensverhältnisse eines Rabbiners wurden ihm mit der Zeit zu eng. Neben seiner rabbimschen Thätigkeit war er ohnedies schon bemüht, zum Gemeinwohl und zu gemeinnützigen Zwecken allerlei Gründungen ins Leben zu rufen, Sparkassen, die theilweise heute noch floriren, Anssteuergesellschaften für Arme und dergleichen. Ums Jahr 1867 nahm er au dem bekannten Rabbinerkongreß in Budapest Theil und trat an der Seite Hildesheimers sür eine bildungsfreuudliche Orthodoxie ein. Er trat schließlich vom Berufsrabbinerthnm zurück, um frei und unabhängig, selbständig in seiner eigenen Art für jüdische Interessen zu wirken. Stein begründete 1873 das weithin bekannte Geschäftshaus, wirkte aber daneben für das Judenthum als Organisator in jüdischen Dingen, als Philautrop, als öffentlicher Redner. Seine imposante Erscheinung, die etwas vom Erzvater und Patriarchen an sich hatte, sein Feuereifer, seine flammende Beredtsamkeit, seit: sprühender Witz und Humor machten ihn zu einer so interessanten und wahrhaft fesselnden Erscheinung. In allen TheilemDeutschlands uub des Festlandes war er ein gern gesehener Gast und ein begeistert anfgenommener „Darschan"; dabei hatte er eine stets offene Hand und war sehr freigebig gegen alle Armen. Er nahm den lebhaftesten Antheil an allen jüdischen Bewegungen, Erscheinungen und Einrichtungen philantropischer uub wissenschaftlicher Natur. In Ungarn trat er sehr energisch für die Stärkling Mld Ausbreitung der Jeschiwot ein, aber er verlangte auch von dem Rabbüier großes allgemeines Wissen. Hier gründete er den Verein „Machsike Thauro", der viel Gutes leistet und jüdischen Gelehrten oft schon Hilfe gebracht; außerdem war er Vorstandsmitglied und emsiger Förderer vieler jüdischer Vereine und Anstalten. An jedem Sabbath ging er — auch beim schlechtesten Wetter — in das Beth Hamidrasch, um im Verein „Machsike Thauro" eine Deraschah, bestehend alls Magidus und Charifns zu halten, und zwar vor Hunderten von Zuhörern, die gern seinen eigenartigen Ausführungen lauschten. In allen Lebenslagen hatte er im Hanse seine eigene Synagoge, in der er an Feiertagen selbst religiöse Vorträge hielt, durch die er eine zahlreiche Zuhörerschaft fesselte. Er schrieb auch in hebräischen Zeitschriften gelehrte Aufsätze, die Zeugniß ablegten von seinem scharfen Verstände, seinem reichen Geist und großen talmudischen Wissen, Sprichwörtlich war Steins wahrhaft antike Gastfreliildschaft. Er hatte stets ein offenes Haus und für Jeden, ob arm ob reich, gedeckten Tisch, für die Gäste aus vornehmsten Kreisen und allgesehener Gesellschaftsstelluug, wie für die Allerärmsten und Dürftigsten, die seinem Herzen nahe standen. Ja, er lebte und strebte für die Ariilen nnb Bedürftigen; sein ganzes Sinllen und Trachten war darauf gerichtet, zu helfell. Er verhalf vielen Armen zu Geschäften, Stellungen, Berufen, ließ viele zum Halldwerk und bestimmten Erwerbszweigen ausbilden, verschaffte ihnell Maschinen, Handwerkzeug, Waarenläger,