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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1896-05-01 · Heft 18 (1.5.1896) · p. Seite 206

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
60 (1896)
Issue
Heft 18 (1.5.1896)
Date
1896-05-01
Page
Seite 206 (sequence 2)
Language
German
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206 befinden, hat er aus schwierigen Lagen gerettet. Auf hundert Millionen Francs kann die Summe seiner Stiftungen, Widmungen und Geschenke gewiß veranschlagt werden. Noch in der letzten Zeit soll er sich mit großen Plänen für Wohlthätigkeitsakte befaßt haben. Aus diesen Vorbereitungen ist er plötzlich gerissen worden. Baron Hirsch erlag einem Schlaganfalle. Er hinterläßt nur eine Wittwe. Von seinen näheren Angehörigen leben drei Brüder, die mit seinen beiden Adoptivsöhnen wohl die Erben des Vermögens sein werden, hoffentlich auch die Erben seiner Wohlthätigkeit. Wie es heißt, hat Baron Hirsch in seinem Testament dafür Vorsorge getroffen, daß seine Stiftungen auch nach seinem Tode unverändert fortbestehen. So wird sein Andenken unvergänglich fortleben in den Werken, die er geschaffen, und befruchtend noch auf ferne Generationen wirken. Die Woche. Berlin, 28. April. fas traurigste Kapitel des modernen Antisemitismus, des Antisemitismus in der Schule, hat in der vergangenen Woche in Erfurt bei der Einführung eines neuen Oberlehrers eine überaus peinliche Szene herbeigeführt, deren Urheber der Direktor des dortigen königlichen Realgymnasiums, Dr. Zange, ein ausgesprochener konservativer Parteimann mit antisemitischer Gesinnung, war. Ein in allen Kreisen der Stadt hochangesehener jüdischer Lehrer, Dr. Pick, bekannt als Historiker und Alterthumsforscher, der bisher an einer höheren Handelsschule thätig gewesen, ist von der königlichen Regierung zum Oberlehrer am Realgymnasium ernannt worden. Beim Wiederbeginn des Schulunterrichts nach den Osterferien benutzte nun der oben genannte Direktor den Einführungsakt, um vor versammelter Schule seinem Unwillen über die Ernennung des neuen Lehrers Ausdruck zu geben. Der Herr Direktor erklärte nach der Vorstellung des Dr. Pick offen, daß eralle ihm zu Gebote stehenden Mittel zur Hintertreibung der Wahl desselben versucht habe; selbst weite Reisen habe er nicht gescheut. Sein Streben sei jedoch erfolglos gewesen und Herr Dr. Pick zum Lehrer an der Schule ernannt worden. Er betrachte dieses als einen Mißgriff; die Zahl der jüdischen Schüler am Realgymnasium sei so klein, daß sich die Ernennung eines jüdischen Lehrers nicht rechtfertigen lasse. Trotzdem sei dieselbe erfolgt, und könne er, der Direktor, heute nur noch den Wunsch aussprechen, daß Herr Dr. Pick stets unparteiisch handeln und in seinem Wirken als Lehrer Jesus Christus vor Augen haben möge. Diese sonderbare, den Oberlehrer Dr. Pick unzweifelhaft verletzende und seine Autorität als Lehrer untergrabende Ansprache hat bei der großen Mehrzahl der Zuhörer, bei Lehrern und bei Schülern, peinliches Aufsehen erregt. Der Herr Direktor übersah bei derselben offenbar ganz, daß er in seinem antisemitischen Eifer seine Vorgesetzte Behörde einer Kritik unterzog und daß seine Ausführungen gegen den Geist und Wortlaut der preußischen Verfassung verstießen. Interessant ist es übrigens auch, daß die oben geschilderte Szene sich an einer Schule abspielte, deren Begründer und erster Leiter ein Jude, der noch hellte verehrte Profeffor Dr. Unger war, dessen Bild die Aula des Gymnasiums ziert, unb dessen Grab bei der kürzlich stattgefundenen Jubelfeier des Bestehens der Schule offiziell geschmückt wurde. Dr. Unger's Verdienste um die Schule und sein lauterer Charakter wurden bei der Jubelfeier vor kaum einem Jahre gepriesen und gefeiert, und das geschah, trotzdem der Verstorbene der jüdischen Religion angehörte. Sein Nachfolger aber hält es für angebracht' einen verdienten Schlilmann auzugreifen, weil er Jude ist. Wo bleibt da die Logik?! In dem Prozeß Hammerstein, dessen Ausgang ja bekannt ist, hat der Angeklagte unter den großen Versuchuilgen, die angeblich an ihn herangetreten, auch „nur beispielsweise" erwähnt, daß ilach denl berühmten Stöcker-Prozeß ihm von jüdifcher Seite aus Holland 80 000 Mark angeboten worden seien, wenn er Stöcker fallen lasse und sich von ihm lossage. Es wäre ihm also ein Leichtes gewesen, sich in seiner Position zu behaupten. Freilich, er hat es vorgezogen, mit seinem Freunde Pariser heimlich weiterzuarbeiten und öffentlich gegen „jüdischen Wucher" loszuziehen. Was nun die Bestechungsgeschichte aus Holland anbetrifft, so ist es von Interesse, daß schon seit Jahrhunderten immer und überall Holland von den Judenfeinden als dasjenige Land genannt worden, von wo ihre Tugend in Versuchung geführt worden sei. Wahrscheinlich glaubten sie, daß dort der Stammsitz des „jüdischen Reichthums" sei, daß jeder holländische. Jude ein „Pinto von Amsterdam" sei! Schon Basnage wehrt sich gegen den Verdacht, daß er von den holländischen Juden bestochen sei; gegen Lessing wurde nach dem Erscheine des „Nathan" die Verleumdung ausgeheckt, er sei von der Judengemeinde zu Amsterdam bestochen, und nun kommt auch—leliknvclil —Herr v. Hammerstein mit demselben Märchen. „Aber glauben muß man dran!" * Heinrich v. Treitschke ist gestorben. Mit ihm ist einer der schärfsten und gefährlichsten Gegner des Judenthums aus dem Leben geschieden. Aber es ziemt sich nicht, am offenen Grabe die Rechnung mit eiliem Matine abschließen zu wollen, dessen hohe Begabung unb Lauterkeit der Gesinnung auch voll Denen bereitwillig anerkaitnt werden, die er im Leben gehaßt und unaufhörlich angegriffen hat. Wir werden noch Gelegenheit nehmen, über dies Verhalten des großen Historikers dem Judenthum gegenüber ausführlich zu sprechen. * Mit dem Beginn des Sommerhalbjahres ist der im Aufträge der Delegirten - Versammlung der Prdvinzialvereine der Lehrer an den höheren Lehranstalten Preußens von dem verstorbenen Direktor des königlichen Gymnasiums in Lissa i. P. begründete, jetzt von dessen Schwiegersohn und dem Oberlehrer Emil Toeplitz in Breslau herausgegebene Kalender für das höhere Schulwesen Prettßens (Schuljahr 1896/97) im Verlage von Preuß & Jünger in Breslau erschieiten. Wie im vergangenen Jahre, soll auch heute eine Uebersicht der an den höheren Lehranstalten unseres engeren Vaterlandes definitiv angestellten oder beschäftigten jüdischen Lehrer gegeben werden. Die Provinzen Pommern, Hannover, Westfalen und die RHeinprovinz weisen nicht einen einzigen jüdischen Lehrer auf; ebenso fallen gänzlich aus die im Kunzeschen Kalender gleichfalls berücksichtigten Länder Oldenburg und Sachsen- Alten bürg. In den Listen von Ostpreußen werden zwar zwei jüdische Hilfslehrer noch immer mit aufgeführt, aber der eine ist Leiter einer Privatschule in Posen, der andere Assistent am Köuigsberger Elektrizitätswerk. In Westpreußen zählen wir seit Ende 1895 einen Profeffor, den allen Lesern dieses Blattes bekannten Dr. Josua Horowitz in Thorn; von den drei aufgeführten Hilfslehrern ist nur einer an einer öffentlichen höheren Lehranstalt der Provinz beschäftigt, und zwar am königlichen Gymnasium in Dauzig; ein jüdischer Probandus ist am St. Realgymnasium St. Petri ebendaselbst thätig. In Posen zählen wir drei Oberlehrer und einen Hilfslehrer. Schlesien hat zwei Professoren, drei Oberlehrer und einen Probandus; der eine Hilfslehrer ist nicht mitzurechnen, da er als Privatlehrer thätig ist. Die Provinz Brandenburg hat nur .einen Professor und einen Oberlehrer. Berlin zählt achtzehn definitiv angestellte Oberlehrer, darunter zwei *

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