Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 60 (1896)
- Issue
- Heft 18 (1.5.1896)
- Date
- 1896-05-01
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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'-Y’SS.V Berlin, 1 60. Jahrgang Mn unpartensches Organ für alles jüdische Interesse. Diese Zeitung, erscheint w öch entlich. Abonnements.Preis: Durch Buchhandel, Postoder direkt von der Expedition in Berlin unter Streifband bezogen viertelzährl. 3 M. Redacteur: Gustav Karpeles. . Begründet von ... - Kabülner Ar Ludwig Ahilippson-Kann. . VerLags-Gepedition: Gerlin, Nrufalemerftr. 48/49 Alle / Zusendungen für, Redaktion und Expedition sind an die Adresse: Verlag der „Allgern. Zeitung deS Jndenthums", Berlin^ 8rv., Jerusalemer Straße 48/49 zu richten.- Verlag von Rudolf Masse, Berlin. ItthuU« Leitartikel: Baron Hirsch. — Die Woche. — Dem Andenken eines Frommen. — Eine Musteranstalt. Von Dr. Heinrich Lewh. — Die ungarische Millenniumsseier. Von E. Blumarund. — Adolphe Cremieux. Von Rudolf Kars. — Schulzucht. II. Von Max Golde. — Abraham Geigers Briefe an I. Derenbourg. Von Pros. Dr. Ludwig Geiger. — Feuilleton: Der Satan. Erzählung von I. Zangwill. — Sprechsaal. Der Gemeindebote. Korrespondenzen und Nachrichten: Berlin. Breslau. Groß-Gloaau. Frankfurt a. £).. Braunschweig. Bad Nauheim. Wien. Budapest. London. New-Tork. — Bon Nah und Fern. Baron Kirsch. Berlin. 28. April, as wir unter dem unmittelbaren Eindruck der Nachricht von dem Tode des großen Philantropen gesagt, das bestätigt sich uns immer mehr, da wir jetzt sein Leben nach dieser Richtung hin zu überblicken in der Lage sind. Baron Hirsch war .in der That ein Genie der Wohlthätigkeit. Wie viele Gegner er auch sonst Haben mochte, hier war nur eine Stimme der Anerkennung und Bewunderung. Die Wohlthätigkeit war die beste, glänzendste Seite seines Lebens. Es dürfte heute von besonderem Interesse sein, das Wohlthätigkeitsprogramm des Verstorbenen kennen zu lernen, das er im Sommer 1891 niedergeschrieben hat: . . „Meines Erachtens kann darüber kein Zweifel obwalten, daß der Besitz eines großen Vermögens dem Eigenthümer Pflichten auferlegt, und meiner innersten Ueberzeugung entspricht es, daß ich mich blos als Zeitweiligen Verwalter des von mir erworbenen Vermögens zu betrachten habe, und daß ich es für meine Pflicht halte, durch Linderung des Elends der vom Schicksal hart Getroffenen in meiner Weise beizutragen. Indem ich in solcher Weise , wirksam bin, bekämpfe Ich die althergebrachte Art der Almosenvertheitung, die nur neue Bettler schafft, auf das Entschiedenste. Und ich betrachte es als die Hauptaufgabe der Wohlthätigkeit, aus Individuen, die sonst der Bettelei verfallen müßten, erwerbsfähige Menschen und damit nützliche Mitglieder der Gesellschaft heranzubilden. Für mich hat. das Geschick ein besonderes Feld philantropischer Wirksamkeit ansersehen, wenngleich ich bei Linderung menschlicher Leiden niemals frage, ob der Nothschrei von Angehörigen meines Glaubens komme oder nicht; was ist dennoch natürlicher, als daß ich meine höchste Aufgabe darin erblicke, den durch tausendjährigen Druck verkommenen, in Elend darbenden Anhängern des Judenthums die Möglichkeit einer physischen und moralischen Wiedergeburt zu bieten, daß ich mich bemühe, sie'zp befreien, sie zu arbeitssamen Bürgern heranzubilden und dadurch der Menschheit viel neue und schützenswerthe Kräfte zuzuführen. Jedes Blatt in der Geschichte der Juden lehrt uns, daß ich mit , diesem Gedanken keine . Utopie verfolge, und ich hoffe zuversichtlich, daß dieses 'Ziel erreicht werden kann. Was ich zü vollführen wünschte, was nach manchen schweren Unglücksfällen das Ziel meines Lebens' geworden ist, und wofür ich bereit bin, mit meinem Vermögen und meinen intellektuellen Kräften einzustehen, ist,, einem Theile meiner verfolgten, aus ihren Heimathsstätten vertriebenen Glaubensgenossen die Möglichkeit zu geben, eine Existenz, in erster Reihe als Ackerbauer, ferner auch als Handwerker in solchen Ländern zu finden, in denen das Gesetz und die religiöse Toleranz ihnewgestatten, den Kampf ums Dasein als edle und verantwortliche Nnterthanen einer humanen Staatsregierung zu führen." Nach diesem Programm lebte und handelte Baron Hirsch. So entstand die Hirsch-Stiftung in Oesterreich mit einem Kapital von zwölf Millionen Francs, dazu bestimmt, Volksschulen für die" Kinder der galizischen Juden zu errichten und für deren spätere Fortbildung als Handwerker zu sorgen. Gegenwärtig bestehen 41. solche Schulen,, Hfn deren Erfolg sich Baron Hirsch besonders erfreute. Fast das -gleiche Kapital hat Baron Hirsch den rumänischen Juden gewidmet. Von tiefstem Mitgefühl wurde er ergriffen, als die Nachrichten über die Verfolgung und Vertreibung der russischen Juden eintrafen, Dinen großen Theil der Mittel, um die-Flüchtlinge an . der Gbenze von Oesterreich und Deutschland aufzunehmen, sie über Bremen und Aamburg nach dm Vereinigten Staaten zu schaffen und ihnen dort die Möglichkeit der Existenz zu. sichern, hat Baron Hirsch gegeben. Als die jüdische Auswanderer-Bewegung in Rußland immer starker wurde, faßte Baron Hirsch, unterstützt von seinem Freunde und Sekretär Veuetiani, den Plan, in Argentinien eine, jüdische Kolonie zu gründen. Diese Idee erschien ihm deshalb als eine Nothwendigkeit, weil er sich mit der russischen Regierung über die Bedingungen einer Stiftung von 50 Millionen Francs nicht einigen,, konnte. Diese Stiftung sollte den Zweck haben, die russischen Juden dem Handwerk und dem Ackerbau zuzuführen. In Argentinien kaufte Baron Hirsch' sehr große Ländereien, und dort wurden jüdische Ackerbaukolonien angelegt, Die Kolonisten werdennur durch Landanweisung und Überlassung von Werkzeugen am Beginne unterstützt, müssen jedoch alles zurückzählen, so daß das Kapital nichtverbrauchtwird, sondern fortwährend zu neuer Ausdehnung der Kolonie benutzt werben kann. Abgesehen von die grandiosen PläneN übte Baron , Hirsch die Wohlthätigkeit für die Bedürfnisse des Tages im weitesten! Umfange. In Wien setzte er ein Komitee ein, dem, er monatlich ibeu Betrag von 10 000 Gulden überwies, hauptsächlich zu dem ' Zwecke, Handwerker ohne Rücksicht auf den- Glauben, die. durch' iKapitalsnoth gefährdet sind oder die notwendigen Werkzeuge nicht besitzen, durch rückzahlbare Gelddarlehen zu retten. Den gleichen ^Betrag erhielt ein Komitee in Budapest und in London; die Komitees in Lemberg und Krakauerhielten monatlich zwölftausend Gulden, nmd das Komitee in New-York erhielt monatlich 10000. Dollars. I)ie einzelnen Wohlthätigkeitsakte, lassen sich gar: nicht \ aufzähleu. Der . Stadt. Stry. schenkte Baron, Hirsch nach-einem.Wrande. 100000 Gul-; den. Zahlreiche Vereine erhielten von ihm bedeutende Unterstützungen. Auch Private, worunter-sich recht viele große Aristokraten - * ..