Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 60 (1896)
- Issue
- Heft 17 (24.4.1896)
- Date
- 1896-04-24
- Page
- Seite 204 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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204 Bedeutung der Lehre dieses großen Philosophen dargethan. Trotz des gründlichen, echt wissenschaftlichen Charakters der vorgenommenen Kritik ist die Schrift kurz gehalten, durchaus klar und verständlich. Auf kleinem Raum bietet sie eine erschöpfende Darstellung der Lehre Spinozas, zugleich eine Kritik dieser Lehre vom modernen Standpunkte, die nicht nur für die Philosophen von Fach und die tiefer veranlagten Gelehrten aller Fächer, sondern für die ganze große Gemeinde der Spinozafreunde, und ganz besonders für unsere Leser vom Standpunkte des Judenthums ^aus eine interessante und willkommene Gabe sein wird, --- Achiasaf, Volkskalender für das 'Jahr 5656, Warschau 1896. Die Verlagsanstalt „Achiasaf" ist eine gute renommirte; sie hat sich durch die Herausgabe von bedeutenden belletristischen Erzeugnissen aus alter und neuer Zeit, sowie durch Uebersetzungen hervorragender, wissenschaftlicher Werke aus der Weltlitteratur große Verdienste um die hebräische Litteratur erworben. Auch der Kalender erscheint schon jetzt zum dritten Mal. Es ist dies ein schön ausgestattetes Exemplar mit einem reichhaltigen informativen und einem recht umfänglichen litterarischen Theil. Letzterer enthält diesmal fast ausschließlich belletristische Produkte, dagegen empfindet man sehr den Mangel an tüchtigen publizistischen und populär-wissenschaftlichen Aufsätzen. Der einzige, blos mit Rücksicht auf den Namen des Verfassers erwähnenswerthe publizistische Artikel ist „Die Zeiten und ihre Bedürfnisse" von M. L. Lilienblum. Verfasser bespricht manche gegenwärtig in der hebräischen Litteratur schwebende Fragen und kommt zum Schluffe, daß die Bearbeitung rein wissenschaftlicher Themata, sei es in Uebersetzungen, sei es auch in Originalarbeiten für die hebräische Litteratur überflüssig sei, weil, nun weil man es sich aus anderen Litteraturen holen kann. Der Verfasser vergißt dabei, daß das Fehlen eines der wichtigsten Zweige eine Litteratur unvollständig und darum zum großen Theile unbrauchbar und inferior macht; er übersieht auch, daß in der Thal ein sehr ^beträchtlicher Theil der hebräischen Leser seine ganze Belehrung aus der hebräischen Litteratur schöpft, und diesem die wissenschaftliche Erkenntniß zu erschließen, kann kein vernünftiger Mensch für „überflüssig" halten. Interessant, als sigvum temporis, ist in diesem Aufsatz die Wiedergabe eines an den Verfasser gerichteten Brieses, in dem der Schreiber eine genügende Erklärung dafür haben möchte, warum er sich so sehr ans Judenthum gefesselt fühle, da doch sein Glaube geschwunden und sein religiöses Empfinden geschwächt sei. Lilienblum kann auf diese Frage keine rechte Antwort geben, und auch die Fingerzeige, die er für die Beantwortung augiebt, sind nicht die entsprechenden. Unter den belletristischen Leistungen ragt besonders hervor die Erzählung: „Bij’schiwa schel mata“ von „Mendele Buchhändler" (Abramowicz). Man wäre in großer Verlegenheit, wollte man die Erzeugnisse Abramoricz's in irgend eine der bekannten Kunstformen einschachteln. Abramowiez ist ein Genie sui generis, und seine Leistungen sind Kunstprodukte eigener Art. Es sind eigentlich keine formvollendeten, nach allen Gesetzen der Kunst aufgebaute Erzählungen; im Ganzen sind es blos außergewöhnlich geistreiche und humorvolle Plaudereien, in denen aber eine Psychologie entfaltet wird, die bis in die dunkelsten Fältchen des Herzens eindringt. Und wie fim menschlichen Herzen, so kann auch Abramowiez in der'Natur^lesen, und weiber so viel und so deutlich sieht und, was er sieht, auch erzählt, darum wirken seine Erzählungen so überwältigend. Es wäre ein großes Verdienst, Europa mit diesem merkwürdigen Genie bekannt zu machen. Die übrigen Leistungen in diesem Kalender erheben sich nicht sehr über das Mittelmaß. Und doch könnte man im Allgemeinen mit dem Kalender zufrieden sein, wenn sich nicht der Vergleich mit dem vorjährigen aufdrängte, der für den diesjährigen sehr ungünstig ausfällt. Man hat so das Gefühl, daß das Jahrbuch „Achiasaf", ähnlich wie andere hebräische Jahrbücher aus den letzten Jahren, sich entwickelt — nach rückwärts. Berlin. Dr. O. Thon. — Heft 7 des 40. Jahrgangs der Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judenthums (Breslau 1896, S. Schottländer) hat folgenden Inhalt: B. Königsberg er, Beiträge zur Erklärung des Buches Hiob. — S. Epp en stein, Studien über Josef Kimchi (Forts).— I. Guttmann, Ueber einige Theologen des Franziskanerordens und ihre Beziehungen zum Judenthum. — D. Kaufmann, Jakob Emden überBerend Cohen. — Notizen von M. Güdemann und A. Epstein. — Besprechung von Max Weiß. Spr-echsaal. Herr Redakteur! (Au dem in Nr. 14 abgedruckten Vortrage des Herrn Dr. Adler gestatte ich mir zu bemerken: Das erste „Lesebuch für jüdische Kinder" erschien bereits 1780 in Berlin. Es ist auch nicht aus Rabbinerkreisen hervorgegangen, sondern von — David Friedländer verfaßt. Diese Angabe, von mir veröffentlicht in dem Aufsatze „Ein Lesebuch für jüdische Schulen", Nr. 26., Jahrg. 1893 der Allg. Ztg. d. I., ist Kehrs Geschichte der Methodik Bd. II. entnommen. Ein weiteres Lesebuch für jüdische Schulen ist 1808 in Leipzig erschienen. Den Titel desselben hatte mir seinerzeit Herr Straßburger-Buchau mitgetheilt; ich habe ihn aber — vergessen. — Früher endlich als, die hannoversche Lehrervereinigung, hat sich die hessische mit der Lesebuchfrage beschäftigt. Crefeld, 3. April. Ergebenst S. Andorn, Hauptlehrer. * Verehrter Herr Redakteur! £XNer Kollege Dr. Feßler in Halle möchte gerne über das Wort „Badchen" Aufschluß haben. . Da ich dergleichen Badchonim mein Leben lang gar viele gehört und gesehen habe, kann ich auch über das Wort genügenden Aufschluß geben. Bezüglich der Ableitung ist Feßler auf der richtigen Fährte. Die Stelle Taanith 22 a zeigt den richtigen Sinn „zur Erheiterung beitragen". In der Talmudlitteratur ist der „«3rTD" „Lustigmacher" ja eine sehr bekannte Person, und selbst die Gelehrten liebten es, um die Gemüther zu erwecken, ihre tiefernsten Vorträge durch «erheiternde Worte" zu beginnen, Sabb. 30b. Das Wort n“D ist übrigens ein gut chaldäisches Verb und kommt in unseren Targumim sehr häufig vor. Der russische Badchan entspricht dem ehemaligen, jetzt völlig ausgestorbenen deutschen „Possenmacher", der bei keiner Festlichkeit zu fehlen pflegte. Ich habe dieselben in meiner Jugend, dort in meiner hessischen Heimath, gar häufig ihr Wesen treiben sehen. Ich kannte deren drei: Das Auscherchen - Marburg, den Eisik» Rauschenberg und das Maierchen - Neustadt; dieses Maierchen, übrigens eine Hünengestalt, war mit der talmudischen Agada ziemlich vertraut; dagegen war das Auscherchen aus Marburg in Hessen wenn auch ganz ohne derartiges Wissen, ein Menschenkind mit so schlagfertigem Witze, wie ich selten Jemand im Leben getroffen habe. Der Eisik war nur ein Schlemiel, der nebenher lief, um all die tollen Streiche über sich ergehen zu lassen, welche zur Erheiterung der Festgesellschaft in Szene gesetzt wurden. Den „Marschalk" (Marschelek) kannte man ehemals in Deutschland auch. Man nannte ihn auch den Sarwer (servir, ssrvitsur), er war aber mehr Festordner als Diener. Alles, bei uns in Deutschland wenigstens — templ passati. Auch in Rußland stehen diese Badchanim bereits auf dem Aussterbeetat; dort aber werden sie unvergessen bleiben, wegen der reichen Badchan - Litteratur, Gedichte, Epen und Dramen im deutschjüdischen Jargon, welche.in großer Anzahl gedruckt erschienen sind, darunter giebt es Dichtungen von großem poetischen Werthe. Obschon allesammt witzig und belustigend, ist doch über vielen ein Hauch der Trauer und der Wehmuth ausgegossen, als ob sie in das Meer des Schmerzes, welches die Thränenströme des leidenden Israel ausgenommen hat, eingetaucht worden wären. Allen voran steht Eljakim-Badchan aus Wilna, dem ein großer Theil der Badchan-Litteratur zugeschrieben wird. Der Badchan ist vorzugsweise Improvisator, doch verschmähter es auch nicht, die bereits bekannten Badchan - Lieder vorzutragen, und weiß durch die Eigenthümlichkeit seiner Melodien und Rezitative einen Eindruck hervorzurufen, dessen sich der größte Mime der Welt nicht zu schämen brauchte. Wie er selbst nach und nach in die größte Erregung geräth, so weiß er auch seine Hörerschaft in die aufgeregteste Stimmung zu versetzen. Der Eine jauchzt auf in heller Freude, dem Andern rinnen die Thränen der Wehmuth über die Backen; Lachen und Weinen wechselt von Minute zu Minute. Besonders den Frauen ist die tiefste Ergriffenheit vom Angesicht abzulesen. Das Alles ist für den außen stehenden Beobachter freilich ein weit anregenderes Schauspiel als der Vortrag des Badchen selbst. — Doch genug für jetzt, ein ander Mal mehr. Memel, 31. März. Dr. Rülf. Druck und Verlag von Rudolf Molfe in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion. Mar Bauchwitz in Berlin.