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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1896-04-24 · Heft 17 (24.4.1896) · p. Seite 203

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
60 (1896)
Issue
Heft 17 (24.4.1896)
Date
1896-04-24
Page
Seite 203 (sequence 11)
Language
German
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Da, als die Flamme in unregelmäßigem Strahl aufleuchtete, verschlang sich der verzerrte Schatten des Versuchers mit ihrem eigenen in geisterhafter Umarmung. Mit erstarrtem Blut und stockendem Athem wandte sich das gequälte Weib, und als ihre Augen auf den vielfach zerbrochenen Spiegel über dem Kamin fielen, sah sie oder glaubte sie ihres Mannes todtes Angesicht zu sehen; anstatt des Arbah-Kanfos, welches er nicht mehr trug, mit einer geifernden Schlange umwunden und von einer endlosen Reihe spottender, marmorgestirnter Gesichter umgeben. Sie fühlte ihre Sinne schwinden, aber sie rang mit wilder Gewalt gegen den schweren Druck, der sich auf sie zu lagern schien. „Mosche!" kreischte sie in tollem Verlangen nach Hilfe, als sie sich an den Kamin an klammerte und die Augen schloß um die häßliche 'Vision nicht zu sehen. „Ich bin Dein Gatte nicht länger mehr," erwiederte der Mann höhnisch. „Ich mag Dich nicht berühren." „Hört Ihr es, Frau?" ertönte die sardonische Stimme des Buckligen. „Ihr seid frei. Ich bezeuge es." „Ich bezeuge es." tausend spottende Stimmen schienen es zischend zu.wiederholen. Ein schreckliches Schweigen folgte. Endlich wandte sie. ihr weißes, eingefallenes Gesicht, von dem die schwarze Perrücke seltsam abstach, gegen den Mann, der ihr Gatte gewesen war und sah langsam und lauge, forschend und vorwurfsvoll in seine blutunterlaufenen Augen. Eine unbehagliche Regung durchzuckte den Mann von Kopf bis zu Fuß. „Sieh mich nicht so an, Riwkele," stöhnte er fast. „Ich will es nicht. Ich will Dich nicht sehen. Verfluche jene Kerze. Warum flackert sie ewig und befreit niich nicht von Deinem Anblick?" Er , blies heftig in die zähe Flamme, aber nur höher leuchtete sie auf. „Mosche!" rief Rebekka in wildem Schreck. Vergißt Du, das; heut Kol- Nidre - Nacht ist? Wie darfst Du es wagen, ein Licht auszublasen? Es ist ja die Jom Kippur - Kerze, unser Leben und Glück im neuen Jahr! Wenn Du es allsbläst, so schwöre ich Dir bei meiner Seele und dem Allmächtigen, daß Du ulich nie wieder sehen wirst." „Gerade weil ich Dich nicht inehr seheil will, werde ich es ausblasen," lachte er hysterisch auf. „Nein, nein," bat sie. „Ich gehe lieber fort. Es geht von selbst aus; laß es erlöschen." „Nein! Es dauert zu lange; wie bei Deinem Vater, dein Raw, bei dem die Todtenwärter so lange auf seinen Tod warten mußteik, bis einer von ihnen unterdessen selbst starb," sagte Mosche Grinwitz Nlit schrecklichem Gelächter. „Ich werde sie auslöschen!" Und indem er sich langsaul über den breiten Kerzenleuchter beugte, so daß fein Kopf sich gigantisch an der Decke abzeichuete, verlöschte für immer die ruhelose Fellerflamme. Sofort lagerte sich dichte Grabesdnnkelheit über das Zimmer. Ein hohles Echo des Gelächters des Gotteslästerers erscholl und tönte aus jeder Ecke zurück. Myriaden von schrecklichen Fratzeil tauchten aus dem Düster auf und schwailkten auf das arme Weib 311 Am Fenster glotzte die schwarze Katze ans geisterhaft grünen Augen mit phosphorischem Glanz. Eine unsagbare Schwüle, eine unerklärliche Unheiligkeit schwebte auf rauschenden Flügeln durch den Raum. Mit fliegenden Pulsen, mit unterdrücktem Schluchzen wankte das Weib durch die wohlbekannte Thür, floh wild die Treppen hinunter, verfolgt bei jedem Schritt von dem sardonischen Gelächter, bei jeder Ecke von den schattenhaften Gestalten, floh weiter durch die schwere, immer geöffnete Hausthür in die frische Nachtluft — Weiter, unbewußt weiter, durch die fast menschenleeren Straßen und Alleen, in denen nur die lasterhaften Branntweiukneipen noch Leben zeigten, — weiter — ohne Ruhe noch Rast, bis sie erschöpft auf die staubige Schwelle der Synagoge der „Liebe und Barmherzigkeit" niedersank. (Fortsetzung folgt.) < Fitterarische Mittheilungen. — Professor Benediktus Niese, dem wir die kritische Ausgabe des Josephus verdanken, veröffentlicht im letzten Heft der Historischen Zeitschrift (N F. XI.. Band 2. Heft (p. 193-287) eine ausführliche Studie über Josephus, den bedeutsamsten Historiker der Juden. Im ersten Paragraph giebt er einen Ueberblick über sein Leben auf Grund der Selbstbiographie des Autors. Was seinen Freund Epaphroditos betrifft, dem Josephus seine späteren Werke gewidmet hat, so schließt sich der gelehrte Forscher denen an, die ihn mit dem bekannten freigelassenen Domitianus identisiziren. Der folgende Abschnitt behandelt sein interessantestes und bestdurchgearbeitetes Werk, die Geschichte des jüdischen Krieges. Klar wird dargelegt, von welchen Tendenzen die Darstellung der Ereignisse von Anfang bis zu Ende geleitet wird und welche Eigenthümlichkeiten der persönlichen Stellung des Josephus und seinem Antheil an den Ereignissen entspringen. Auch die Frage nach den von Josephus benutzten Quellen wird erörtert. Den Satz: „Die Juden haben wenig Sinn für ihre Geschichte gehabt", oder, wie er an anderer Stelle wiederholt wird, j „ohnehin standen die Juden ja der Geschichte ziemlich gleichgiltig gegenüber", möchten wir nicht in dieser allgemeinen Form gelten lassen; dagegen muß Niese zugestanden werden, daß in dem ersten Theile des Werkes, der Geschichte bis zum Beginn des Aufstandes, kaum irgend etwas auf die Benutzung einer jüdischen Quelle hinweist. Der folgende Abschnitt behandelt die jüdische Archäologie mit der Selbstbiographie. Die Archäologie, welche die jüdische Geschichte von der Erschaffung der Welt bis zum Beginn des Aufstandes im Jahre 66 n. Ehr. enthält und Griechen wie Römer über die Geschichte und den Charakter des Judenthums aufklären will, hat für uns auch dadurch besondere Bedeutung, daß Josephus seiner Bearbeitung der altestamentarischen Geschichte gelegentlich bestätigende Zeugnisse aus profanen, uns nicht mehr erhaltenen Schriftstellern beigegeben und neben der allgemeinen historischen Litteratur auch die einheimische jüdische Tradition benutzt hat. Verfolgten auch die bisher genannten Werke des Josephus in Form der Geschichte die Absicht, die ungerechten Angriffe gegen die Juden im allgemeinen oder gegen seine eigene Person, die er allen Widersachern gegenüber in hellstes Licht zu rücken bemüht ist, zurückzuweisen, so ist in den sogenannten Büchern gegen Apion, von denen der vierteAbschnitt handelt, die Vertheidigung wie der ausgesprochene Zweck, so der ausschließliche Inhalt. Im letzten Theil seiner Arbeit bespricht Niese die .. Schriften, die neben den besprochenen unter Josephus Namen gingen, und schließt mit einer Beurtheilung des Schriftstellers, nicht des Menschen Josephus, mit der wir uns einverstanden erklären können. Die Zeit ist ja lange dahin, wo wir Juden, weil uns sein Verhalten als Mensch und Politiker mißfiel, uns auch um seine schriftstellerischen Leistungen gar nicht oder wenig belämmerten. Niese kennt I. Bernays', Dörenbourgs und H Blochs einschlägige Arbeiten genau; vermißt haben wir bei der Abweisung der Autorschaft des sogenannten vierten Makkabäerbuches einen Hinweis auf Freudenthals Arbeit aus dem Jahre 1869. M. Sch. — Alfred Nossig: Versuch einer praktischen Kritik der 'Lehre Spinozas. Stuttgart 1896. Deutsche Verlags-Anstalt. Der Verfasser unterzieht in dieser Schrift die Philosophie Spinozas, die alle Gebildeten in so hohem Maße interessirt, aber bekanntlich in manchen Theilen veraltet ist und daher von oberflächlichen Beurtheilern in Bausch und Bogen verworfen wird, einer Kritik vorn Standpunkt der heutigen Wissenschaft und des modernen Denkens. Indem das Haltbare und Lebensfähige in der Philosophie Spinozas von dem Unhaltbaren und I Todten geschieden wird, wird der wahre Werth und die praktische

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