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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1896-04-24 · Heft 17 (24.4.1896) · p. Seite 202

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
60 (1896)
Issue
Heft 17 (24.4.1896)
Date
1896-04-24
Page
Seite 202 (sequence 10)
Language
German
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202 jemand Anders gehört hatte, sich brüstend. Er war auch voll von neuen Ideen über Politik, Sozialismus und anderen unpraktischen Hirngespinsten, endlose Möglichkeiten für die Wohlfahrt und die Glückseligkeit der Arbeiter ausmalend. Mittlerweile war sein Lohn um ein Drittel verringert worden, da er seine frühere Stelle bei seinem Meister, dem Präsidenten der Gemeinde „Liebe und Barmherzigkeit", verlorew hatte. Was Wunder daher, daß Mosche Grinwitz sich in alle Gedanken, die weltlichen und frommen, seines Weibes drängte? Im wahren Sinne des Wortes war er ihr „Satan Mekatrig" geworden. Noch bis Zur heutigen Nacht hatte sie gehofft. Denn mit dein großen Fasten scheint eine große Woge der Begeisterung durch die Welt der Inden zu flnthen. In Männern und Frauen, die während eines ganzen Jahres kein Gebot des Judenthums gehalten haben, erwacht plötzlich die Erinnerung an den Glauben, in welchen: sie geboren worden, und sie eilen zu fasten und zu beten und sich niederzu werfen vor dem Thron des Allerbarmers; die langgezogenen, schrecklichen Töne des Schofars, der das neue Jahr einweiht, scheinen die Zerstreuten Israels aus allen Regionen des Unglaubens unter das Dach des Himmels zu sammeln und zu vereinigen. Und in dieser Nacht würde sicherlich auch der neuerlich aufgetanchte Zweifel aus ihres Mannes Herzen schwinden. Dies eine Glied führte ihn gewiß zudem Glauben seiner Väter zurück und würde ihn erlösen und erretten von den ewigen Qualen der Verdammniß. Aber auch diese Hoffnung ward zu Schanden. Aeußerlich ganz unberührt von der Weihe des Tages „des Gerichtes", dem Neujahrstag, zeigte der unglückliche Mann keine Spur von Gewissensbissen, als der noch schrecklichere Tag der Versöhnung herannahte, der letzte Gnadentag für den Sünder, der Tag, an welchem der göttliche Urtheilsspruch unwiderruflich besiegelt wird. Und so mußte das arme Weib allein zur Synagoge gehen. Als sie heimkehrte, schleppte sie sich mühsam die Treppen hinauf und ergriff die Thürklinke. Als sie die Thür öffnete, schrie sie auf! Sie sah nichts vor sich als euren gigantischen Schatten, der hin und her flackerte an den schrägen Mauern und der Decke. Es mußte ihr eigener Schatten sein, denn einen anderen lebenden Bewohner des Zimmers konnte sie nicht entdecken. Wo war ihr Gatte? Wohin war er gegangen? Warum hatte er nachlässigerweise die Thür nicht verschlossen? Sie blickte auf den zauberhaft glänzenden Tisch mit dem weißen Tischtuch; die große Jom Kippur-Wachskerze, für den Vorabend des großen Fasten angezündet, die den ganzen folgender: Tag brennen sollte, war fast ganz abgelaufeu, und die Flamme zuckte unstät durch einen Luftzug, der von dem nachlässig geöffneten Fenster kam, auf und nieder. Rebekka schauderte am ganzen Leib, ein schreckliches Gefühl von etwas Bösen: erschütterte ihre Seele. Seit Jahren brannte die Kerze beständig, und auch ihr Lebe:: war beständig mib ruhig gewesen. Ach! es brauchte nicht des Omen der Jon: Kippur- Kerze, um Unglück zu weissagen. „Mag der liebe Gott mir gnädig sein," rief sie aus, von Neuem in Thräncn ausbrechend. Kaum hatte sie diese Worte geäußert, so sprang eine greuliche, schwarze Katze mit geisterhaft grünen Augen unter dem Tisch hervor, sprang ans das Fensterbrett und verschwand mit melancholischem Geheul in der Dunkelheit. Beinahe wahnsinnig vor Schreck, schleppte sich das arme Weib bis zun: Fenster, schloß es mit einem Ruck, aber ehe der Fensterflügel zuklappte, schlüpfte etwas Schmales und Weißes durch den Spalt ins Zimmer und das, durch das heftige Schließen des Fensters in den: Dachstübchen verursachte Geräusch verlängerte sich zu spöttischen: Gelächter „Gut geworfen, Neb Mosche!" sagte eine knarrende Stimme. „Jetzt, wo Ihr endlich einem Stück Zinn und einem bischen Pergament Eure Reverenz verweigert, will ich Euer Haus mit meiner Gegenwart beehren." Sofort fühlte Rebekka ein wildes Verlangen, sin diese MMkeit einzustinnnen und sihre Befürchtungen fort zu lachen; aber indöm sie einen langen, mit Zauberkraft begabten Vers murmelte, wandte sie sich um und erblickte ihren Mann und seinen Gast. Ihre Ahnung hatte sie nicht betrogen; der neue Ankömmling warmer ^Bucklige jenes , verhängnißvoNen Sabbaths. Diesmal wurde sie michtn ohnmächtig. „Eine ungewöhnliche Stunde und Gelegenheit, nun Besuch miitzubringen, Mosche," sagte sie und ihr Antlitz wurde noch starrer!und weißer, als sie den Nikotin- und Alkoholgeruch des Athems der beiden Männer bemerkte. ,;Eure gute Frau ist nicht allzu höflich," meinte der'Besncher. Mber es ist Jom Kipur, und deshalb, glaube ich, fühlt' sie sichwerpflichtet, die Wahrheit zu sagen." „Ich brachte ihn mit, Riwkele, damit Du Dich'überzeugst, wie albern es von Dir war, zu behaupten,'daß Du gesehen'hättest — aber ich will nicht unhöflich sein," — er brach mit heiserem Auflachen ab. „Ich habe nicht nöthig, die Wahrheit zu sagen, — weil es Jom Kippur ist. Wir feierten im Klub diese Gelegenheit mit etwas Besserem wie Wahrheit, — mit einem fröhlichen Gelage! Unser guter Freund hier spendete eine Flasche -Champagner! Champagner, Riwkele! Denk nur! Wahren, wirklichen Champagner, wie der, der auf der Tafel des Lord Mayor zischt und funkelt. Oh, er ist ein lieber, guter Kerl! Das sagen wir Alle. Nur Du, Du willst es nicht glauben." Ein trunkenes Hohnlächeln irrte über sein hageres Gesicht und erschien durch das Aufleuchten der erlöschenden Kerze noch geisterhafter. „Roscheh, Sünder!" schrie das Weib. Daun sah sie gerade in die grausamen Augen des Buckligen und ächzte mit bleichen, vor Wuth und Erregung zitternden Lippen: „Hebe Dich hinweg, Satan Mekatrig! Fort mit Dir aus nreinem Haus, fort Mit" Dir! In Gottes Namen, fort mit Dir — zur Hölle." Sogar der Bucklige mit der ehernen Stirn' zitterte vor ihrer Leidenschaft; aber er nahm seines Freundes heiße ^Hände sin seine langen, nervösen Finger und schien aus dieser Berührung Muth zu schöpfen. „Wenn ich gehe, nehme ich Eueren Mann mit mir!" zischte er mit sprühenden Angen. „Er verläßt mich nicht mehr, schickt mich fort, wem: Ihr mögt." „Ja, schick meine:: Freund so nicht fort," stammelte Mosche Grinwitz. „Komm, heiß ihn willkommen, wie Du es sonst als braves Weib zu thun gewohnt warst." Rebekka schrie entsetzlich auf und kauerte'sich, an allen Gliedern bebend, auf die Erde nieder. „Der Betr:u:kene schien gerührt. „Steh auf Riwkele," sagte er mit zitternder Stimme. „Es sieht ja aus, als ob Du für mich Schiwah säßest!" Er streckte die Hand aus. um sie vom Boden aufzuheben. „Zurück," ächzte sie, vor seiner Berührung zurückschaudernd. „Rühr mich nicht an; ich bin nicht länger Dein Weib!" „Hört Ihr es, Mann," sagte der Bucklige eifrig. „Ihr seid frei. Ich stehe hier als Zeuge. Denkt daran; Ihr sei frei." „Ja, ich bin frei," wiederholte Mosche mit einem schrecklichen, frohlockenden Ausdruck im kränklichen Antlitz. Sein vvu der-erlöschenden Flammeder Jom Kippur-Kerze geworfener gigantischer Schatten schien in grimmiger Freude zu tanzen, seine langen Seitenlocken barnnelten in dem geisterhaften Bild wie der Schmuck in den Ohren barbarischer Wilder, während der ungeschlachte, phantastische Schatten des Buckligen ihn: Beifall zuzunicken schien.

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