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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1896-04-24 · Heft 17 (24.4.1896) · p. Seite 201

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
60 (1896)
Issue
Heft 17 (24.4.1896)
Date
1896-04-24
Page
Seite 201 (sequence 9)
Language
German
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201 gedient hatte, unerwartet starb, forderte der Kaiser dey Großrabbiner auf, eine geeignete Grabrede vorzubereiten; er wußte nämlich nicht, daß Fould längst protestantischer Christ geworden war?) Leon Gozlan, ein nicht unbekannter Schriftsteller, sollte 1866-in Paris nach jüdischem Ritus bestattet werden. Da zeigte der Schwiegersohn einen Taufschein, schon älteren Datums, vor, von dessen Vorhandensein weder Frau noch Tochter eine Ahnung gehabt hatte?) Sollte man nicht glauben, wer seine Beiträge an die jüdische Gemeinde entrichtet, ist Jude? Vor gar nicht langer Zeit starb in Berlin ein berühmter Mathematiker, welcher bis an sein Lebensende dieser Pflicht^ pünktlich nachgekommen war; von seiner Taufe hatten selbst persönlich ihm Nahestehende nichts erfahren, und doch wurde er auf dem St. Matthäi-Kirchhofe bestattet. Noch weniger natürlich läßt sich aus dem Umstande, daß jemand im Verzeichniß der beitragenden Mitglieder fehlt, der Schluß ziehen, daß er unserer Gemeinschaft nicht uiehr angehört. In Erwägung aller dieser Schwierigkeitell wird man es mir hoffentlich nicht allzustreng anrechnen, wenn ich vielleicht einigemal fehlgegriffen haben sollte. Ich werde regelmäßig die Quelle bezeichnen, der ich meine Kenntniß verdanke, und muß meinen Gewährsmännern die Verantwortung überlassen. Berichtigungen aus dein Leserkreise werde ich mit vielem Dank entgegennehmen. In zweifelhaften Fällen sind die Namen mit einem Sternchen (*) bezeichnet. Die so Stigmatisirten bitte ich, soweit sie noch am Leben siild, um Verzeihung, wenn der eine oder der andere noch dem Judenthum augehören sollte. Ob die Juden durch den Uebertritt bessere Menschen werden? Leicht hätten sie es ja, wenn allders die Kirchenlehre begründet ist, daß durch den Taufakt alle bis dahin begangenen Sunden gesühnt werden. Ganz andere Menschen sind Viele durch die Taufe geworden. Der jüdische Assessor Friedberg hat 1848 bei dem schwarz-rothgoldenen Umritt des Thierarztes Urban als Reichshervld paradirt?) der Minister Friedberg, Exzellenz, war von tadelloser schwarz-weißer Loyalität, und — wenn mau Kleines mit Großem vergleichen darf — der „bürgerliche Demokrat" Nathan Schlesinger ist durch die Taufe der konservative Wilhelm Schlesinger geworden. — Ve^iSm terrent! Folget nicht der Spur Moritz Schwalb 'S, ihr Aukömmlinge aus Israel, die ihr in die Kirche eintretet, um das Evangelium zu predigen. Die Meisten lassen sich das gesagt fein und predigen fromm und erbaulich. Viele leisten sogar mehr im Christenthum als eigentlich von ihnen verlangt wird. Nach der jüdischen Legende ist der Apostel Petrus unter die Christen gegangen, weil er so am besten dem Judenthum nützen zu können glaubte?) In unserem Jahrhundert hat er vielleicht wirkliche, nicht blos legendarische Nachfolger gefunden. Eduard Maria Oettinger schrieb an Richard Wagner, er sei nur Christ geworden, um das Recht zu haben, ungefährdet Jude bleiben zn dürfen?) 1) M. Heine: Erinnerungen an Heinrich Heine und seine Familie (Berlin 1868) S, 8. 2) H. von Scharff-Scharffenstein: Das geheime Treiben, der Einfluß und die Macht des Judenthums in Frankreich (Stuttgart 1872) S. 96. 3) Kulturkämpfer 1880. II. S. 264. 4) A. Jellinek: Bet ha-Midrafch, Bd. V (Wien 1873) S. 60 fg. Bd. VI (Wien 1877) S. 9 fg.; 155 sg. ö) E. M. Oettinger: Offnes Billet-Doux an den berühmten Hepp- Hepp-Schreier und Judenfresser Herrn Wilhelm Richard Wagner (Dresden 1869) S. 5. -1 I—-I I-:--=-H l—> l-' 1 FEUILLETON 1 i «-II—h--—-—1 I—ii— Ver Satan. Erzählung von I. Zangwill. Autorisirte Uebersetzung von Frau Dr. Jda Wedell. III. „Selbige Nacht entführe das Dunkel-, nicht freue sie sich unter den Tagen des Jahres, unter der Zahl der Monde trete sie nicht anf." Hiob Iir, 6. ol Nidre-Nacht war's, der Beginn des großen Fastens, des Tages der Versöhnung. Durch das Judenviertel zog eine unterdrückte Erregung. Die Synagogen hatten sich eben entleert und überall trafen sich die Männer und Frauen noch unter dem feierlichen Eindruck des leidenschaftlichen Gebetes und wünschten einer dem andern, daß sie das Fasten gut überstellen möchten. Die Nacht war dunkel und sternenlos, als ob die Natur an der Welt Traurigkeit theilnähme. Einsam inmitten der Menge zog ein kleines, beängstigend mageres Weib seines Weges miibc dahin, die Füße mit Filzschuhen bekleidet, wie der Tag verlangte, den Kopf gebeugt, die abgezehrten Wangen von strömenden Thränen benetzt. Sie lvaren nicht die letzten Tropfen einer übermächtigen Rührung, nicht der bedeutungslose, wässerige Ausbruch einer überhitzten Empfiudsamkeit. Es waren wirkliche, salzige, bittere Thronen, von schwerer Sorge erpreßt. Der lauge, ermüdende Gottesdienst mit seinen unaufhörlichen, exaltirten und dringenden Bittgebeten würde ein Segen für sie gewesen sein, wenn er ihre Angst eingelullt hätte. Aber dem war nicht so. Die arme Rebekka Griuwitz dachte an ihren Mann. An ihn dachte sie, selbst als die Männer in ihren weißen langen Sterbekleidern ihre Seelen bald - in leidenschaftlichen Klagetönen, bald in Schluchzen und schrecklichein Gewisper erhitzten; an ihn dachte sie, als die weinenden Andächtigen, von Kopf bis zu Fuß in ihre Gebetmäntel gehüllt, hin und her sich schüttelten m wahnsinnigem Kummer und an die Himmelsthore in feurigen Gesängen klopften, an ihn dachte sie, wenn sie sich an ihre Brust mit geballter Faust schlug, als sie das Sündenbekenutniß betete und um Vergebung flehte. Sie wußte, daß sie der Sünden genug hatte — aber seine Sünde! Ach Gott, seine Sünde! Denn mit Mosche wurde es immer schlimmer. Er weigerte sich, die Synagoge, in der er so roh behandelt worden war, wieder zu betreten. Seine Reden wurden mehr und mehr weltlich. Er verrichtete weder die vorgeschriebenen Gebete, noch trug er ein Arbahkaufos! Ihr friedliches häusliches Leben war zertrümmert, ihr Vertrauen ans ihren Mann dahin, und doch klammerte sich das arme Weib noch an ihn, noch immer hoffend. Zeitweise hielt sie ihn für nicht ganz gesund. Allmälig drangen Gerüchte über sein tolles Betragen am Sabbath, an welchem sie ohnmächtig geworden war, an ihr Ohr, und sie erinnerte sich, daß sein seltsames Wesen am Sonntag Morgen begonnen hatte, der auf jenen köstlichen Nachmittag, an welchem sie gemeinsam Psalmen gebetet hatten, gefolgt war. Oft war sie geneigt, alles geistiger Verwirrung zuzuschreibeu. Aber daun sprach er wieder so klug — wenn auch gotteslästerlich, mit spitzfindigen Epigrammen und Maximen, die sie nie zuvor von ihm oder

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