Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 60 (1896)
- Issue
- Heft 17 (24.4.1896)
- Date
- 1896-04-24
- Page
- Seite 200 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Getaufte Juden im neunzehirteri Jahrhundert. Von Dr. N. Samter. I. fas Jahrhundert geht zur Neige. Wenn wir prüfen, was es den Juden-gebracht hat, so werden wir ihren Eintritt in das europäische Kulturleben auf das Gewinnkonto, den religiösen Jndifferentismns und den Abfall auf das Verlustkonto setzen müssen. Dreimal im Verlaufe seiner Geschichte war das Judenthum genöthigt, sich mit der Zeitbildung auseinanderzusetzen: im Alterthum mit dem Hellenismus, ün Mittelalter mit der arabischen Kultur, seit dem Ende des vorigen Jahrhunderts mit der modernen Weltanschauung. Es ist gewiß ein Beweis für die unverwüstliche Lebenskraft unserer Religion, daß sie, die erste der monotheistischen Religionen, dennoch die einzige war, welche sich immer wieder modernisiren ließ, ohne ihr Wesen zu ändern. Es war nur nöthig, sie anfzuputzen, ihr ein neues Gewand anzulegeu; der Körper war gesund und lebenskräftig, an ihm braucht man nicht zu quacksalbern. Der Jude konnte Jude bleiben, wenn er sich auch mit allen Errungenschaften der Kultur geschmückt hatte. Auch in unserem Jahrhundert hat sich die Tochter Zion wieder einmal verjüngt und ist heute noch so jugendfrisch wie an dem Tage, als' sie sich am Sinai mit ihrem Gott veruiählte. Solche Krisen lassen freilich immer tiefgehende Spuren am Organismus zurück. Das Judenthum war zwar intakt geblieben, hatte sogar eine veredelte Gestalt angenoinmen, aber es ist ihm doch bei vielen seiner Kinder die Liebe verloren gegangen, — und die Liebe bildet das einzige Band, welches den Juden an seine Religion kettet. Wir können hier nicht im Einzelnen erörtern, was die Juden der Synagoge entfremdet hat. Da sie jetzt in derselben geistigen Atmosphäre lebten wie die Christen, so wirkten auch dieselben Kräfte und Zeitströmungen auf sie ein. Vielen hat romantischer Dusel die Köpfe verdreht. Protestanten wurden katholisch, Juden protestantisch und katholisch. Hauptsächlich ist aber der irreligiöse Zug, welcher durch das Jahrhundert geht und auch die Christen dem Unglauben zuführt, der Synagoge in gleicher Zeit verderblich gewesen. Innerhalb der Christenheit soll sogar das Uebel noch größer sein.* 2 * 4) Nur hat der ungläubige Christ keinen Vortheil vom Austritt aus der Kirche, eher das Gegentheil; aber der Jude, welcher nicht mehr mit dem Herzen am Judenthum hängt, wird gern eine Religion, die ihm nichts als Opfer auferlegt, mit einer anderen vertauschen, die ihm nur Vortheile bietet — vorausgesetzt natürlich, daß er es mit seinem Gewissen vereinbaren kann, mit einer Lüge auf den Lippen in die Kirche einzntreteii. Er läßt sich taufen, nicht weil er das Christenthnm so liebt, sondern weil es die privilegirte Staatsreligion ist; ebenso gern würde er die Religion der Chinesen annehmen, wenn sie nur von gleichem Nutzen für ihn wäre. Wie viele Juden in unserem Jahrhundert dem Glauben der Väter untreu geworden sind, läßt sich nicht einmal annähernd bestimmen. Die^Angaben variiren zwischen 100000 und 250000; die Wahrheit mag in der Mitte liegen. Thatsache ist, daß sich die Juden in gewissen Perioden massenhaft zur Taufe gedrängt haben. Dennoch hat man an der Bezeichnung „Massentaufen" Anstoß gei) Ziffermäßig läßt sich das natürlich nicht feststellen. F.A. Müller behauptet in seinen sehr . lesenswertben Briefen über die christliche Religion (Stuttgart 1870) S. 280, „daß über 90 Prozent aller gebildeten Männer Europas im Grunde ihres Herzens durchaus antichristlich gesinnt seien." I nonnnen. Freilich, wenn Rahel Levin in einem Familienbnefe m Bezug auf die Berliner Gemeinde leicht hinwirft: „Die Hälfte ist getauft",4) und Graetz. unter Berufung auf diese Stelle, als Thatsache berichtet: „In drei Jahrzehnten war die Hälfte der Berliner Gemeinde zur Kirche übergetreten",2) — so fragt matt sich verwundert : ist das Geschichtschreibung? Aber wenn man sich der wohlverbürgten Thatsachen erinnert, . daß während des Lustrums 1889—1893 in Berlin 711 Juden evangelisch getauft wurden.") daß in einem einzigen Jahre (1895) nicht weniger als 435 Wiener Juden abfielen, 4) oder wenn 1825, als Zar Nikolaus die Juden aus seinen Hauptstädten Petersburg und Moskau jagte, Tausende sich das Recht ferneren Verbleibens durch die Annahme des griechischen Kreuzes erkauften.5 *) fo wüßte ich nicht, wie man das anders denn als Maffentaufen bezeichnen sollte. Es wird hier Niemand eine Aufzählung sämmtlicher Apostaten deS 19. Jahrhunderts erwarten; meine Absicht ist nur, diejenigen hervorzuheben, welche in Kunst unb Wissenschaft, Handel und Verkehr, politischem und sozialem Lebern eine irgendwie hervorragende Stellung eingenommen haben. Wozu ich solche „Ahnenprobe" anstelle? Wahrlich nicht, um eine müßige Neugierde zu befriedigen, noch weniger, um die hier Genannten als Abtrünnige an den Pranger zu stellen, aber es scheint mir doch von Wichtigkeit, uns zu vergegenwärtigen, welche Fülle von Geist wenn auch nicht von Charakter, dem Judenthum verloren gegangen ist, Freilich ist es oft recht schwer, in manchen Fällen unmöglich, zuverlässig zu erfahren, ob der Betreffende auch wirklich getauft ist, oder ob er überhaupt dem Judenthum entstammt: Die Getauften selber sind natürlich in eigener Sache keine klassischen Zeugen. Sie suchen in der Regel ihren Ursprung zu vertuschen und wollen gern in der Wolle gefärbte Teutonen fein. Die Namen lassen sich schon germanisiren, einem Hitzig sieht niemand den Jtzig au, aber die Nase! Die Nase! Wie schade, daß man mit dem Christeilt hum nicht auch das Arierthum annehmen kann. Eduard Gans soll behauptet haben, daß frühere Juden auch nach zehnfacher Kreuzung 110$.an dem spezifisch jüdischen Rassengeruch leicht erkennbar -feien,®) aber leider besitzen wir nicht alle des Seelenriechers Jägers feine Spürnase. Auch auf die Antisemiten, welche überall jüdisches Blut wittern, wo ihnen ein Gegner in den Weg tritt, kann man sich nicht ver-- lassen — nicht einmal aus den Freiherrn v. Langen, Mitglied des Reichstages, obgleich dieser auf wissenschaftlichem Wege, durch kraniologische Untersuchung, seine Resultate gewinnt.7) Dühring glaubt steif und fest, daß Lesfing ein Jude war; Andere behaupten das von Renan, ja sogar von Napoleon. Von unseren Ministern hat man nacheinander Delbrück, Falk, Goßler, Lucius, Schilling, Miquel, ja ihn selber, den Herrn von Bismarcf, zu ganzen oder zu halben Semiten gemacht. Jrrthümer sind daher oft genug vorgekommen. ' Als Achille Fould, welcher Napoleon III. 1861—1867 als Finanzminister 0 Der Brief ist mitgetheilt von SB. Freund: Zur Judenfrage in Deutschland (Berlin 1843) S. 182. 2) Geschichte der Juden, Bd. XI, S. 171. 8) Statstisches Jahrbuch der Stadt Berlin, XX. Jahrg., S. 436. 4) Die Mitt Heilung verdanke ich der Freundlichkeit des Oberrabbiners Dr. Güdemann in Wien. b) Allg. Zeitung d. Judenthums 1846, S. 694. o) G. Jäger: Die Entdeckung der Seele, Bd. P (Leipzig 1884) S. 247. 7) Auf diesem doch noch etwas ungewöhnlichen Wege hat er z. B. entdeckt, daß die Familie Göschen, welcher der jetzige englische Minister Göschen angehört, jüdischen Ursprungs ist. (Mittheilungen a. d. Verein zur Abwehr des Antisemitismus 1ß96, S. 80.)