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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1896-04-24 · Heft 17 (24.4.1896) · p. Seite 198

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
60 (1896)
Issue
Heft 17 (24.4.1896)
Date
1896-04-24
Page
Seite 198 (sequence 6)
Language
German
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jedem Bürger gestattet sein muffe, jede anständige Kleidung zu tragen, und die Inden ihre besondere bald von selbst oblegen würden. Er lehnt besondere Judenlisten ab, fördert für alle Bürger Bezeichnungen für Geburten und Ehen durch einen Civilakt 'neben den kirchlichen Handlungen. Er protestirt dagegen, daß man die Juden von Staatsämtern ausschließe, aber zu Lehr-, 'Schulend-Gemeindeämtern zulaffe. Er verwirft alle Beschränkungen des Wohnens auf dem Platten Lande, er tritt der Bestimmung bei, daß Heirathen zwischen Christen und Juden ohne Uebertritt erlaubt seien, wobei die Kinder bis zur Selbstbestimmung dem Glauben des Vaters folgen; er lobt das Verbot besonderer jüdischer Schulen, wünscht aber das gleiche hinsichtlich der katholischen und reformirten Schulen angeordnet. ' Humboldt's Votum zeichnet sich in der That durch die freieste und vornehmste Auffassung der ganzen Frage aus. Aber es ist von hohem Interesse, daß, wie Gebhardt in seinem Buche bemerkt, es nur noch in dem Votum der Militär-Deputation, in welcher Scharnhorst saß, ein würdiges Seitenstück gefunden habe. Und nicht weniger intereffant ist es, daß seine drei Näthe in der Kultus- Abtheilnng, die doch so verschieden geartete Männer waren, gerade in dieser Beziehung mit ihm auf das Schönste ubereinstimmen. Der erste von ihnen, G. E. F. Nicolovius, war bekanntlich ein streng kirchlich gesinnter Mann; er zweifelt zwar an der Möglichkeit einer Verschmelzung zwischen Juden und Christen, aber auch er ist für völlige Gleichberechtigung. Ebenso der bekannte Philolog I. W. Süvern, der den Juden ebenfalls alle Rechte einräumen will,' denn, so meint er, „die Juden werden vielleicht Palästina vergessen, wenn man sie in Europa nur einheimisch macht, werden vielleicht glauben, Jesus sei der Messias, wenn mau sie nicht inehr zwingt, eines anderen zu harren." Auch der katholische Rath im Ministerium Sch wedding schließt sich dem Votum Humboldt's an. Auch er plaidirt in langer Ausführung für die bloße Erklärung: „Die Juden genießen gleiche Rechte wie die Christen gegen Ueber-i nähme gleicher Verbindlichkeit." Die ganze Angelegenheit gelangte erst später, nachdem Humboldt bereits aus'dem Staatsdienst ausgeschieden und Hardenberg Staatskanzler geworden war, zur Ausführung. Das Schicksal des Edikts vom 11. März 1812 ist bekannt. Die Gutachten Humboldt's und seiner Räthe bleiben aber, wie Gebhardt sehr richtig sagt, „ein Denkmal des freien und leuchtenden Geistes, der in Humboldt und seinen Mitarbeitern lebendig war und aus allen Plänen und Handlungen, die ihnen entstammen, spricht", eines Geistes, wie wir hinzufügen möchten, den wir in unseren Tagen nur zu sehr vermissen; denn mit diesem Geiste ist, wie schon der erste Biograph Humboldt's bemerkte, die ganze geistige Wiedergeburt Preußens wesentlich verbunden. Gin Frrundespaar. (Zur 100. Wiederkehr von Jmmermann's Geburtstage.) Von Carl Griot. diesen Tagen, wo das Andenken an den Dichter des „Merlin" 2^/ wieder lebendig wird, möchte ich auch des Bündniffes gedenken, das ihn den größten Theil seiner Jugend und Mannesjahre hindurch mit einem Juden verband. Es war im Dezember des Jahres 1826, als Carl Jnunermann das Amt eines Landgerichtsrathes in Düsseldorf antrat. Hier, wo das Talent des Dichters die schönsten Blüthen zeitigte, und wo er -sonnige Tage verbrachte, fchäarte sich bald ein Kreis begeisterter Bewunderer um den Dichter. Jmmermann hatte für alle Jene, die ihn in seinem kleinen idyllischen Landhause zu Derenboucg, einer Vorstadt Düsseldorfs, besuchten, düs liebenswürdigste Wohlwollen, wie das seiner geraden männlichen Natur zu eigen war, —Freundschaft fühlte er für keinen aus dem heiteren Kreise junger Künstler, die den genialen Mann"wie eine leuchtende Sonne umkreisten. Da kam im Herbste des Jahres 1827 Michael Beer zu einem Besuche nach Düsseldorf, und als sich die Beiden kennen lernten, da hatte auch bald ein inniges Freuiidschaftsverhältniß Platz gegriffen. Dem Dichter des „Paria" war Freundschaft Lebensbedürfniß, ja, wie Jmmermann selbst es bezeichnet, „Lebenslust"war es da ein Wunder zu nennen, wenn ihn die starke Individualität Jmmermann's mächtig anzog, dieser aber Michael Beer um seiner ausgezeichneten Herzens- und Charaktereigenschaften, wie der hohen Begabung und geistigen Größe willen, die ihm innewohnten, bald über alles liebgewann. Beide ergänzten einander iit schöner Harmonie. Hören wir, wie der Dichter selbst über diesen Freundschaftsbund urtheilt. „Mit Michael Beer hatte ich das wohlthuendste Zusammen- und Jneinanderleben, ruhend auf gemeinsamem Streben, Drang vorwärts zu kommen und Bedürfniß, alles, was den Einen beschäftigte und förderte, auch zum Eigenthum des Andern zu machen. Keine Schmeichelei entwürdigte diesen Bund, Wahrheit hieß unser Wahlspruch." Beer kam oft nach Düsseldorf, und da verlebten die Fremde eine Zeit des köstlichsten Zusammenlebens. „Ich erinnere mich", schreibt Jmmermann später einmal, „dieser Wochen und Monate mit einer frommen Bewegung. Die Pläne und Vorfälle waren unendlich, kein Gespräch versiegte vor tiefer Mitternacht. Alles, was Litteratur. Zeit, Welt uns darreichte, wurde betrachtet. Er hatte unendlich viel gesehen und gehört, denn er war fast in allen Hauptstädten von Europa gewesen, fein Reichthum, sein geselliges Talent öffneten ihm den Zugang überall. So konnte er mich beim mit einer Fülle von Anschauungen in meiner stillen Klause erquicken." Kaum hatte Beer Düsseldorf verlassen, als sich auch schon ein reger Briefwechsel zwischen Beiden entspann, der in seiner reichen Mannigfaltigkeit und in der Fülle erlesensten Gedankenaustausches das persönliche Beisammensein ersetzen sollte. Voll Begeisterung spricht Beer in seinem ersten Schreiben von dem Glücke, daß er durch Jmmermann's Freundschaft genossen habe, und wie er in dessen Charakter die Gewähr eines innigen Freundschaftsbundes erkannt. Alles habe er iü dem Freunde gefunden. „Erhebung, Belehrung, freie Rüge der Schwächen und ein kräftiges Gemüth, welches das Feuer fremder Ansichten nicht scheut, sondern wie ein bildsames Erz die Schlacken in solchen Flammen abwirft, und die reinere, edlere Gestalt darin gewinnt." Mit einem Male aber sollte in das schöne Bündniß ein Riß kommen. Jmmermann, der bereits mehrere große Werke verfaßt hatte, so „das Bauerspiel in Tirol", das dem Dichter reiche Anerkennung brachte, hatte um diese Zeit ein Lustspiel „Die Verkleidungen" vollendet. Bei einer Aufführung desselben auf der Hamburger Bühne wollte der Darsteller des in dem Stücke vorkommenden Juden Menzel seine Rolle dadurch pikanter machen, daß er den Namen der Familie Beer darin zu einem plumpen Scherze benutzte; es ist selbstverständlich, daß sich Michael Beer dadurch so tief verletzt fühlen mußte, daß sein kaum en tstandenes Freuiidschaftsverhältniß zu Jnnnermann sich dadurch zu lösen drohte.

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