Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 60 (1896)
- Issue
- Heft 17 (24.4.1896)
- Date
- 1896-04-24
- Page
- Seite 197 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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197 erkannt, der mit großem Geist alle Verhältnisse des Staates übersah, der mit Gewandtheit und Klugheit sie zu leiten wußte, der es an keinem Eifer fehlen ließ, um edle Zwecke zu erreichen, der eineil kalten kritischen Kopf und ein warmes glühendes Herz besaß. Das Richtigste über Humboldt hat vielleicht Rahel in ihrer paradoxen Weise gesagt, als sie über ihn bemerkte: „Er ist so weit voraus in seinen Ideen, daß man nicht sagen kann, ob er gut ist oder nicht — das ist unter ihm!" Humboldt und Rahel konnten sich bekanntlich niemals recht befreunden; dagegen hatte er scholl iil seiner Jugend mit Henriette Herz einen idealen „Bund" mit den besten Vorsätzen und reinsten Absichten geschlossen, der seinen Ausdruck in den mit hebräischen Lettern geschriebenen Briefen Beider gefuilden hat. In den Salons der Herz, Rahel und Schlegel hatte Hlinrboldt die Juden genau kennen gelernt, und es war mehr als natürlich, daß er, als er auf des Freiherrn v. Stein Empfehluilg iill Jahre 1808 als Geheimer Staatsrath in das Ministerium des Innern berufen und mit der Leitung der geistlichen und Unterrichtsangelegenheiten beauftragt wurde, vor allen» auch der Juden gedachte und ernstliche Versuche unterilahm, ihre bürgerliche Stellung zu heben. Ein neues, soeben erschienenes Buch, welches Wilhelm v. Humboldt als Staatsmann behandelte) enthält auch ein besonderes Kapitel über „die Reform der bürgerlichen Verhältnisse der Juden" auf Grund des reichen Urkundenmaterials der geheimen Staatsarchive. Das Kapitel hat nicht nur ein historisches, sondern auch ein wahrhaft aktuelles Interesse für uns. Schon 1787 war eine königliche Kommission zur Berathung dieser Reform eingesetzt worden, und durch die neue Städteordnung war ihnen die Möglichkeit, städtische Aemter zu erlangen, geboten worden. Trotzdem blieben viele Mißstände übrig, so daß der Minister v. Schroetter, der diese Städteordnung redigirt hatte, den Antrag stellte, eine neue Konstitution zu entwerfen mit der Tendenz, „die Juden mit der Zeit zu nützlichen Staatsbürgern zu machen". Ja, er selbst arbeitete, nachdem - er die königliche Genehmigung erhalten hatte, eine solche Konstitution aus.' Aber nach dem Abgang des Freiherrn v. Stein trat auch Schroetter 1808 aus dem Staatsdienst, und seine Vorschläge gingell nun in die Hände des Ministers Alexander v. Dohna - Schlobitten über, der sie den verschiedenen Behörden zur Begutachtung vorlegte. Alfred Stern hat in seinem interessanten Buche: Abhandlungen und Aktenstücke zur Geschichte der Preußischen Reformzeit 1807—15 - das traurige Schicksal dieses ganzen gesetzgeberischeil Aktes ausführlich dargestellt, aber die Vota der einzelnen Staatsräthe waren ihm nicht bekannt. Gebhardt theilt ilun in seinem Buche das wichtige und bedeutlmgsvolle Votum Wilhelm v. Humboldt's und seiner Räthe zunl ersten Male mit. Sein Aufsatz über diese Frage, der das Datum des 17. Juli 1809 trägt, zeigt aufs Deutlichste, wie sehr ihm diese Allgelegeilheit am Herzeil lag, wie eingehend er sich damit beschäftigt uild wie wichtig ihm eine Lösuilg der Frage erschien. Als eill großer Denker hatte er sich natürlich auch mit der Geschichte und Verfassmlg der Juden viel beschäftigt. Ihre Lage erscheint ihlll als eine „so merkwürdige Erscheinung, daß bereits von gewiß nicht schlechten Köpfen gezweifelt worden ist, daß sie sich überhaupt auf blos menschliche Weise erklären lasse". Humboldt beantwortet die Frage nach ben Mitteln einer Besserung unb Umwandlung ihrer Lage mit den Vorschlägen: Verschmelzung, Zertrümmerung der kirchlichen Form und Ansiedelung. Allerdings, 0 Bruno Gebhardt: Wilhelm v. Humboldt als Staatsmann. I. Band. Stuttgart 1896. I. G. Cotta. meint er, wirke die Berschmelzlnig nicht kräftig genug, so lange diese Mittel nur in einem Staate versucht werden. Gleichwohl ist er für sofortige Gleichstellung aller Rechte und gegeli die Tendenz, die Einschränkungeil allmälig aufzuheben. „Der Staat soll nicht gerade die Juden zu achteil lehreil, aber die iilhumaile Denkungsart aufhebeil, die einen Menschen nicht nach seinen Eigenschaften, sondern nach seiner Abstammung und Religioil beurtheile unb ihn gegen alle wahren Begriffe von Menschenwürde, nicht wie ein Jndividullin, sondern wie zu einer Raffe gehörig ausieht. Das kann der Staat durch die laute unb deutliche Erklärung, daß er keinen Unterschied zwischen Juden und Christen mehr ailerkeillle." Die alllnälige Aufhebung der Einschränkungen bericht nach Humboldt auf der falschen gesetzgeberischen Theorie der Erziehung, die längst überwundeil sei. Für ihn steht vielmehr die Ueberzeugung fest, daß keine Gesetzgebuilg über die Juden ihren Endzweck erreiche als die, welche das Wort Jude in keiner anderen Beziehllng auszusprechen nöthigt, als in der religiösen. Und schlankweg erklärt er: „Ich würde daher allein dafür stinlnlen, Jilden und Christen vollkominen gleich zu stellen!" Dem Einwand, der wohl von einzellien Staatsräthen erhoben wurde, daß eine völlige und Plötzliche Gleichstelluilg einem Sprung von einem Extrem ins andere gleich konlme, und daß daraus Gefahr für den Staat entstehen könnte, begegnet er mit oer treffenden WiderleglNlg, daß die Umwandlung eines unnatürlichen Zustandes in einen naturgemäßeil überhaupt kein Sprung, wenigstens kein bedenklicher sei. „Wer vom Knecht zum Herrn wird, macht einen Sprung; aber wem man blos die Hände losbindet, die erst gefesselt waren, der koilimt nur dahin, wo alle Menschen von selbst sind." Die allgemeine Gefahr, daß die Jllden die Christen verdrängen werden, hält er für chimärisch und meint,- sie werden nur durch eülen wahren Zirkel in Raisonnement zll einer Gefahr, indem mall erst den Unterschied zwischen Inden und Christen politisch aufheben möchte und danll wieder annimmt, daß es auch politisch dennoch nicht gleichgültig sei, ob ein Gewerbe, auch gleich gut, von einem Juden oder Christen betrieben werde. „Wie man gegen die plötzliche Gleichstellung zu furchtsam ist", sagt er, „so scheült man mir bei der allmäligen, welche die doppelte Gefahr des alten und neuen Zustandes zugleich entsteheil läßt, indem man sie sich beide zu vermindern einbildet, in der That zu kühn." Humboldt ist ein entschiedener Gegner des Schroetter'schen Entwurfes; ja er fiubet in einigen Paragraphen die moralische Herabwürdigung der Juden auf eine beinahe empörende Weise ausgesprochen, vor allem in dem 8 30 des Entwurfs, der die Vorschrift -der allgemeinen Gerichtsordnlmg, daß die Juden als Zeugen nicht volle Glaubwürdigkeit der Christen haben, bestehen lassen wollte. Er tadelt ferner, daß durch die ausdrückliche Bestallung eines Oberrabbiners der kirchlichen Verfassung der Juden, die er für eines der größten Hindernisse der Verschmelzung allsieht, eine neue Stärke verliehen werde. Er wünscht vielmehr, daß man für aufgeklärte unb gelehrte Rabbiner sorge, daß man nicht eine eigene Orthodoxie unter ben Juden einführe, sondern durch natürliche und billige Toleranz dahin zu wirkell suche, daß die jüdische „Hierarchie" von selbst zerfalle. Er verwirft in der Fassung des Edikts die lange Aufzählung der einzelnen Rechte und hält es für richtiger, kurz die Beschränkungen aufzuzählen und zu erklären, im Uebrigen seien Rechte und Pflichteil gleich. In der Kritik der einzelnen Paragraphen des Verfassungsentwurfs zeigt Humboldt vor allem seine Unbefangenheit unb seinen praktischen Blick. Er verwirft die Anordnung, daß die Juden deutsche Kleidung tragen und den Bart scheeren lassen sollen, da es