Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 60 (1896)
- Issue
- Heft 16 (17.4.1896)
- Date
- 1896-04-17
- Page
- Seite 192 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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192 „Nein, nein,". protestirte sein Weib ernstlich. „So gewiß, wie .ich hier stehe, nein! Ec sah in mein. Chumesch (Pentateuch), folgte dem Lesen in der Thora, und auf einmal fühlte ich, wie Etwas meines Augen von dem Buch losriß und meinen Kopf nach dem Fenster hinter mir drehte. Ich wunderte mich, welcher Satan Mekatrig meine Gedanken von dem. Gottesdienst ablenkte. Lange Zeit leistete ich Widerstand, aber als das Vorlesen für einen Augenblick anfhörte, überkam mich die Versuchung, und ich wandte mich zurück und sah ihn." „Wie sah er aus?" frug Mosche, und versuchte vergeblich seiner . Stimme Zittern zu verbergen. r „Frag mich nicht," erwiederte mit neuem Schauder Rebekka. „Ein kleiner, schiefer Dämon mit rothem Haar und einer Pelzkappe und einer weißen Stirnnnd traurigen Augen und Hahnenzehen anstatt Zehett." Wieder lachte Mosche hohl und seltsam. „Kleine Närrinl" sagte er. „Ich kenne den Manu. Er ist ein Glaubensgenosse, cjht armer Schleifer oder Cigarrenarbeiter, der nber Jiddischkeit spottet, weil er nicht, wie ich, eine Frau hat, die ihm das himmlische Licht zeigt. Aber nein, Du warst schon fort, als er kam." „Was ich sah, war kein Mensch," sagte Rebekka, ihn scharf ansehend. „Kein irdisches Wesen würde mein Herz mit solchen Blicken durchbohrt haben. Es war, der Satan Mekatrig selbst, der auf d^r Erde einher geht. Ich muß wirklich schlechte Gedanken heut am Sabbath gehabt haben, gewiß an mein neues Kleid, und da hat mich mein Sabbathengel verlassen und der Zerstörer und Versucher konnten mich ungehindert überfallen. Das arme schuldbewußte Weib weinte bitterlich. j „Mein Riwkele sollte böse Gedanken habend" sagte Mosche ungläubig, als er ihr tröstend die Wange streichelte. „Wenn mein Riwkele zu Ehren des Sabbaths ein neues Kleid anzieht, ist das nicht Gott wohlgefällig! Sag, wo ist Dein neues Kleid?" ■ „Ich habe es mit einem alten vertauscht," schluchzte sie. „Ich mag den Dämon nicht wieder sehen." „Der Satan Mekatrig existirt, nicht in Wirklichkeit, sage ich Dir," erwiederte Mosche aufgeregt. „Er bedeutet nur unsere eigenen inneren Gedanken, die uns von der Ausübung der Gebote abzieheu; unsere eigenen inneren Versuchungen, die unseren Augen und unseren Herzen folgen." > „Mosche!" ries Rebekka entsetzt, „habe ich doch einen Epikaurüs .geheirathet? Mein Vater, der Rav, Friede sei mit ihm, sagte immesr, das; Du Einer zu sein scheinest, daß Du zu viele Fragen stelltest." „Gut, ob es mm einen Satan giebt oder nicht," antwortete ihr Mann, „Du kannst ihn nickt gesehen haben; denn die Person, die Du beschriebst, ist der Mann, von dem ich Dir erzählen will." „Und Du verkehrst mit solch einem Mann," frug sie; „einem Mann, der über „Jiddischkeit" spottet! Mag der Allheilige, geloht sei Er, Dir vergeben! Jetzt weiß ich, warum wir keine Kinder Habest, keinen Sohn, der uns Kaddisch nachsagt." Und Rebekka weinte bitterlich um die Kinder, die sie nicht besaß. * Der so häufige Grund ihres Kummers, der so unerwartet in ihr Gedächtniß gerufen wurde, besänftigte sie einer gegen den arrdereM und zerstreute den herannahenden Streit. Beide sahen sich steif und kalt in ihren Leichentüchern ansgestreckt auf der Todtenbahre liegsii und keines Sohnes Kaddisch sollte in ihre Ohren tönen. O. weihi ihre Seelen zur ewigen Verdammnis; verurtheilt wurden, würde keines Sohnes Gebet sie .erlösen! Bald saßen sie min Hand in Hand und lasen die unterbrochene^ Psalmen zusammen. l Und tiefer Friede überkam Mosche Grinwitz. Aehnlich muß dir unsterbliche Allegorist, John Buuyan, empfunden haben, als sein tolles Verlangen, Blasphemien nnfr Obscönitäten von der Kanzel herab,zsi Druck und Verlag von Rudolf Mosse in Berlin. äußern, in ihm erstickt wurde und er seine Seele wieder in harmonischer Übereinstimmung mit dem Geist des Guten fühlte. So empfinden alle Menschen, die mit dem Bösen gerungen unb' ölige siegt haben. - Einen wunderbaren Gegensatz bildeten der große, hagere, gebeugte schwarzbärtige Mann und die kleine, scharfäugige, nette, wenn auch gerade nicht hübsche Frau in ihrer schwarzen Perrücke und in ihrem gestreiften, baumwollenen Kleid; und als sie sich hinsetztenum die ganzen Psalmen in einer seltsamen, melancholischen Melodie mit unbeschreiblichem Pathos herzusagen, lagerten sich die Schatten unbemerkt auf das Dachgeschoß, das ihr Heim bildete. Das eiserne Bett, die Holzstühle, das goldumrahmte Misrach verschwanden in der Dämmerung in ihren Umrissen. Die Psalmen waren beendet, und noch saß das Ehepaar Hand in Hand und besprach die Pläne für die kommende Woche. Keines sprach davon, zum Mendgottesdienst in die Synagoge „Liebe und Barmherzigkeit" 311 gehen, und als ein silberner Mondstrahl auf die Bettdecke fiel und Rebekka Grinwitz, die nach dem ruhigen Himmel über der dunklen Allee geschaut hatte, drei Sterne entdeckte, wandte das fromme Paar sich mit den Gesichtern gen Osten und sang die Hymnen für den Sabbathausgang. Als das Abendgebet beendet war, nahm Rebekka aus dem Speiseschrünkchen den einfachen Pokal mit Rosinenwein, die metallene Weinschale, die grüne, geflochtene Wachskerze und. das Gewürzdöschen, um die schöne, symbolische Ceremonie der „Hawdalah" zu vollziehen, welche die Tage der Arbeit, die sechs langen Tage voll schwerer Plackerei in heiterer Ergebung in den Willen des Schöpfers aller Dinge, willkommen heißt, des Schöpfers des Sabbaths und der Werktage, des Lichtes und der Finsterniß, des Guten und des Bösen, der durch seinen unerforschlichen Willen, durch seine Weisheit und Liebe sie zu göttlicher Harmonie verschmolzen hat. . Mosche füllte den Becher mit Rosinenwein, und indem er ihn mit der rechten Hand emporhielt, stinnnte er ein kurzes, hebräisches Gebet an, deffen Schlußsatz so lautet: „Siehe, Gott ist mein Heil; auf ihn vertraue ich und mir ist nicht bange! Licht und Freude. Wonne und Ehre werde unser Theil!" Dann den König des Weltalls preisend, stellte er den Becher auf den Tisch, nahm die Gewürze und sprach auch über diese den vorgeschriebenen Segensspruch. Dann reichte er, nachdem er an den Gewürzen gerochen, dieselben zu gleichem Zweck seinem Weibe, breitete seine Hände aus gegen das Licht der Wachskerze und rezitirte feierlich: „Gelobt seist Du Ewiger unser Gott! König der Welt! Schöpfer flammender Lichter!" Und dann, als er den Schatten, den seine Hände warfen, betrachtete, sang er mit besonderer Wärme und mit wieder erwachtem Gefühl für die Heiligung und dm süßen Frieden der Religion: „Gelobt seist Du, Herr unser Gott, König der Welt, der unterscheidet zwischen dem Heiligen und Nichtheiligen, zwischen Licht und Finsterniß." (Fortsetzung folgt.) Spvertzsaal. Sehr geehrte Redaktion! er Mainzer „Israelit" vom 13. April bringt die Nachricht, ich hätte beim Kultusminister Bosse und beim Ministerialdirektor Kügler eine Audienz gehabt, um Einsetzung einer staatlichen Prüfungs-Kommission für jüdische Religionslehrer zu erbitten, und sei in höflicher Form abschlägig beschieden worden. Diese Notiz ist in jedem ihrer Theile absolut Unrichtig Ich habe eine solche Audienz nie beabsichtigt, geschweige betürfeljdot. . Berlin, 14. April. Prof. Dr. M. Philippson. Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauchwitz in Berlin.