Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 60 (1896)
- Issue
- Heft 16 (17.4.1896)
- Date
- 1896-04-17
- Page
- Seite 191 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3224737-3228148-3228165--52741-3258380- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
191 Leben, das in seinen Adern prickelte, beginnen sollte; er fühlte es nur lebendig in jeder Pore. „Ha, Bruder!" rief er beut Buckligen, der voraneilte, zu: „Diese Narren in der' Synagoge thäten auch besser darau, herauszukommen und sich des schönen Wetters zu erfreuen!" „Sie athmen die muffige Luft, um sie als süßen Weihrauch 51111t Opfer darzubriugeu," erwiederte der Zwerg und verlangsamte seine Schritte, damit sein Begleiter ihm beikonunen konnte. Ihr kurzer Spaziergang wurde durch eine Reihe von Zufällen unterbrochen. Ein Reiter schlug sein Pferd so wild, daß es scheu wurde; zwei Kinder, die Hand in Hand spazieren gingen, begannen plötzlich auf einander loszuschlagen; ein ausländisch aussehender, reich gekleideter Herr taumelte, halb' betrunken, einher. Mosche sah mit Beschämung,, daß ein wohlhabender Mann eine schwere goldene Kette trug, die einen Monat lang einer armen Familie Unterhalt hätte gewähren können; aber noch ehe seine eigene Anfechtung ihm klar geworden war, fiel der arme Herr von einem plötzlichen Schlag getroffen nieder, und eine respektabel gekleidete Gestalt verschwand in einer Gasse mit dem auch von ihm begehrten Raub. Mosche freute sich dessen und machte keinen Versuch, dem unglücklichen Opfer Hilfe zu leisten; seine Aufmerksamkeit wurde auch gleich durch zwei Knaben gefesselt, die einen Feuerzünder an den Schwanz einer Katze häugten. Abgelenkt durch alle diese Beobachtuugen, bemerkte Mosche erst jetzt mit Schreck, daß sie das Haus, in welchem er wohnte, schon erreicht hatten. Sein Begleiter hatte schon den Thorweg, dessen Thür immer offen stand, durchschritten und Mosche fand es von seinem neuen Freunde sehr nett, daß er seine Einladung, ihn zu besuchen, angenommen hatte. Er fühlte sich sehr geschmeichelt und folgte ihm in den Thorweg, aber kaum als er das gethan hatte, schien eine Wolke des Mißtrauens sich auf ihn zu lagern. Das Haus war groß und altmodisch und schmutzig und mochte vor einem Jahrhundert vielleicht schön und stattlich gewesen sein; aber es beherbergte jetzt ein Dutzend Familien, hauptsächlich jüdische. Mosche Grinwitz's einziges Zimmer war auf dem Dach, dessen Mauern einen Theil desselben bildeten. Bei jedem Treppenabsatz wurde sein Gemüth dunkler und dunkler, als ob die Dunkelheit, die über den schimmerbedeckten, massiven Balustraden lag, auf welche nie ein Sonnenstrahl fiel, sich auf ihn senkte, und als er den düstern Flur vor seiner Thür erreichte, wandelte sich dies unbestimmte Gefühl in schrecklich deutliche Klarheit; eine Erinnerung ließ sein Herz ängstlich und schuldbewußt hoher schlagen! Sein Weib, sein reines tugendhaftes, gottesfürchtiges Weib! Wie sollte er es ihr begreiflich machen? Aber ein plötzlicher Gedanke nahm ihm die Last, die Scham und Angst von der Seele. Sein Weib war nicht daheim: sie war noch in der Synagoge der „Liebe und Barmherzigkeit", wo sie vielleicht, durch den Vorhang gnädig behütet, noch nichts von dem Trauerspiel, welches er anfgeführt, erfahren hatte. Er wandte sich plötzlich nach seinem Begleiter um und sah in ein häßliches, finsteres Gesicht, dessen hohe, weiße Stirn sich unter der Pelzkappe runzelte. Des Buckligen Haar leuchtete wie Feuer in der Dämmerung; seine Augen sprühten Blitze. „Wahrscheinlich ist mein Weib in der Synagoge," sagte Mosche. „Wenn dem so ist, so hat sieden Schlüsselund wir können nicht hinein." „Der Schlüssel kümmert mich wenig," zischte der Bucklige „Zuerst müßt Ihr das Ding da herunterreißeu!" Verwundert folgten Mosches Augen dem langen, weißen Zeigefinger seiueH Begleiters und hafteten auf der Mesusah, welche, in einem Zinnbehälter am Thürpfosten befestigt, heilige Sprüche und den heiligen Namen des Höchsten enthielt. „Herunterreißen," wiederholte Mosche. „Reißt es herunter," antwortete der Bucklige, „Niemals betrete ich ein Haus, in welchem dies abergläubische Spielzeug noch die Thür verzieren darf." Mosche zögerte; der Gedanke, was sein Weib sagen würde, wurde mächtig wach iu ihm, all' seine neue, uufromme Keckheit schien hinzuschmelzen. Aber ein spottender Blick aus den grausamen Augen traf ihn. Er legte die Hand an die Mesusah; aber die Macht der Gewohnheit behauptete ihre Herrschaft: erhob den Finger, der auf dem heiligen Namen gelegen hatte und küßte ihn. Zu gleicher Zeit beseelte ihn ein anderer Gedanke: er hätte den Buckligen au die Kehle packen mögen! Aber es war ein kraftloses Verlangen; denn als ein leises Zischen unsäglichen Zornes und der Verachtung deu zusammengepreßteu Lippen seines Begleiters entfuhr, riß er mit heftigem Zug an der fest angenagelten Mesusah. Halb hatte er sie von dem Holzwerk losgelöst, da ertönten in klaren, weiblichen Lauten die feierlicheu, hebräischen Worte: „Heil dem Manne, der nicht wandelt im Rathe der Frevler, und auf dem Wege der Sünder nicht stehet, und im Kreise der Spötter nicht sitzet." Es war Rebekka Grinwitz, die heute wie an jedem Sabbath- Nachiuittag in den Psalmen las. Ein heftiger Schauder erschütterte Mosche Grinwitz's Gestalt; er zog die Hand von der Mesusah, kämpfte mit sich selbst, küßte dann seine Finger wieder, und entschlossen, der Verachtung seines Gefährten zu trotzen, sah er, daß derselbe geräuschlos die Treppen hinunter geschlüpft war. Ein tiefes Anfathmetl brach aus Mosches Brust! „Riwkele, Riwkele!" rief er, eifrig an die Thür klopfend; und in derselben Minute ruhte er geborgen in den Armen seines Weibes. „Wer sagte Dir, daß ich es sei," frug Rebekka nach einer Pause köstlicher Glückseligkeit. „Ich sagte ihnen doch, daß sie Dich nicht beunruhigen, noch Dir den Genuß der Predigt verderben sollten, weil, ich wußte, daß Du unruhig werden und die Synagoge verlassen würdest, wenn Du hörtest, daß ich ohnmächtig geworden." „Niemand hat mir gesagt, daß Du ohnmächtig geworden bist!" rief Mosche aus. „Und doch erriethest Du es!" sagte Rebekka und ein kleines, glückliches Lächeln vertiefte die Grübchen tu ihren Wangen, „und Du kommst nun, nach mir zu sehen." Dann bewölkte sich ihr Gesicht und sie sagte: „Der Satan Mekatrig hat uns Beide aus der Synagoge gelockt und sogar als ich zu Haus anfangen will, Tehillim (Psalmen) zu sagen, stört er mich, indem er mir meinen lieben Mann schickt." Mosche küßte sie als Anerkeninnig für die schmeichelhafte Wendung, mit der sie den so düstern begoiutenen Satz beendet hatte. „Aber wodurch wurde mein Riwkele ohnmächtig?" frug er erfreut, daß seines Weibes Mißverstehen ihn der Nothwendigkeit einer Erklärung enthob. „Sie hätten das Fenster öffnen sollen." Rebekka schauderte: „Gott behüte!" rief sie. „Es war nicht die Hitze — es war — das." Ihre Augen starrten nach einer unsichtbaren Vision. „Was?" schrie Mosche, eine Bewegung des Schreckens unterdrückend. „Er wollte hereinkommen," sagte sie. „Wer wollte hereinkommen?" frug er hastig. „Der Satan Mekatrig," erwiederte sein Weib. „Er war draußen und blickte mich an, als ob ich sein Eintreten verhindere." Ein nervöses Schweigen folgte. Mosches Herz klopfte schmerzlich. Dann lachte er mit erzwungener Lustigkeit auf. „Du schliefest ein vor Hitze und hattest einen bösen Traum."