Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 60 (1896)
- Issue
- Heft 16 (17.4.1896)
- Date
- 1896-04-17
- Page
- Seite 190 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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190 muß es auf die rechte Weise geschehen und nicht sc> ins Blaue, hinein gerade das getadelt werden, was doch eigentlich immer zu loben ist, daß sie gegen einzelnes Talmndisches anftreten. Zur Konsequenz werden sie dann schon von den Dci1d)iebeufteit Seiten aus, besonders wenn die Altgläubigen auch mit genügender wissenschaftlicher Bildung anftreten, getrieben werden, und dem Erfolge wollen wir freudig entgegensetzen. Nun aber gar uns iu Schatten zu stellen gegen die kirchliche Neformationszeit wegen des Mangels an Glaubenswärme, ist ungerecht; freilich hatten diese Leute etwas Positives außer dem Reimnenschlichen, was sie antrieb, und der Maugel an Klarheit wird meift durch eine innigere Religiosität, wenn man nun einmal den Satzungsglauben, den doch eigentlich allein eine kirchliche Gesellschaft mit aller Strenge verlangt, so nennen will, ersetzt; freilich ist es ein Zeichen von mangelnder Redlichkeit und-Wahrhaftigkeit, vom Mangel am wahren Wohle seiner Mitmenschen — und dies bleibt doch immer die höchste Religiosität — bei unfern Rabbinern, daß sie sich verstecken, sich nicht kräftig und unverhohlen aussprecheii: aber dies darf nicht mit der Reform im Allgemeinen in Verbindung gesetzt werden, darf blos den Einzelnen oder die Einzelnen treffen, nicht aber die reformirende Ansicht, auf welche ein solcher Tadel nachtheilig wirkend fallen würde. Ich glaube, daß die Art, wie ich diesen Tadel in dem Aufsatze „Der Mangel an Glaubensinnigkeit" und „Heuchelei'^) ausgesprochen habe, sich von diesem Fehler freigehalten hat; die Regel mn D'l^rf* 2) QD'HnTD gilt allerdings für uns auch, bei aller Wahrhaftigkeit, die wir uns zum Gesetze machen. —Was nun aber das unumwundene Bekenntniß gegen die Bibel betrifft, so billige ich dasselbe durchaus nicht. Ich verkenne allerdings nicht in der Art meinen inneren Beruf — und ich betrachte diesen als eine Stellung gleichfalls —, um meinem äußeren zu Liebe mit der Wahrheit zurückzuhalten; ich bin auch sehr bereit, unter meiner Verantwortlichkeit biblisch kritische Aufsätze für die Zeitschrift aufzuuehmen, und werde auch wohl nicht sehr lange säumen, selbst in dieser Weise anfzutreten: aber 63t inodus in vebus, m. L. Da giebt es meines Ermeffens dreierlei Wege. Entweder man bohrt leise und allmählich, oder man tritt gründlichwissenschaftlich auf, oder man bricht kühn mit gewaltiger Kraft und donnernd hervor; aber so mit aller Ruhe und gemächlich, nebensächlich, mit ein Paar Worten das Geständniß machen „ist wohl — recht ehrlich, aber nicht allein nutzlos, sondern auch schädlich". wiederholeich, nicht vielleicht möchte es Euch schaden, sondern vielleicht möchte es im Allgemeinenschaden. Undso fieledenn diese ganzeDigressionderVergleichung mit der kirchlichen Reformation nebst der Anklage der jetzigen Lauheit welche einer Reform in den Weg trete, sannnt dem Vorwurfe gegen die Rabbiner, daß sie nur am Talmud, rütteln, nicht an der Bibel und dem offenen Glaubensbekenutniß, nicht mit der Bibel, wenigstens mit dem buchstäblichen Halten an ihren Vorschriften zufrieden sind, gänzlich weg. und wir kämen ziemlich unniittelbar an die Paragraphen, die mir ganz Zusagen, obgleich sie eüvas zu kurz sind und daher leichtfüßig hinweggehen über die wichtigen Punkte. Jedoch machen sie einen Anfang mit einem Ansspruche, was denn eigentlich Judenthum ist und bleibt und bleiben wird und bleiben soll, zeigen sie ans ein Bedürfniß hin, sich noch klarer und umständlicher darüber auszusprecheu. Weil nun der Inhalt aber jetzt etwas verändert wird, würde ich Vorschlägen, die Aufschrift abzu- 1) Gemeint sind die beiden Aufsätze: „Der Mangel an Glaubensinnigkeit in der jetzigen Judenheit. Bedenken eines Laien" und „Heuchelei, die erste Anforderung an den jungen Rabbiner unserer Zeit"; Zeitschrift Bd. IS. 2 41—150, 285— 306; der erstere auch ausgenommen in Geigers Nachgelassene Schriften I, S. 466-464. 2) „Ihr Weisen seid vorsichtig mit Euren Worten", Sprüche der Väter 1, 11. . ändern in „Das ewige Wesen des Judeuthums, nach seinen allgemeinsten Grundzügen."') Deinen Namen kannst Du sehr gut für diesen Aussatz in der jetzigen Gestalt hergeben, da er min doch ziemlich milde in die Welt hineinschaut, und Du sollst es, weil -ich bei den ersten Aufsätzen immer diese Forderung machen muß, indem ich als der gewöhnliche Abfasser derselben bekannt bin und doch mir weder das Verdienst Anderer aneignen noch die Sünden Anderer ausbürden lassen will. — Abends. — Schmählich ist aber doch, an einem Briefe so lange fast ununterbrochen hintereinander zu schreiben, besonders wenn in die Mitte hinein wieder immer neue Briefe kommen. Soeben kommen zwei, einer von Ullmann, recht hübsch, welcher zeigt, daß, wenn er auch nicht ganz auf unserer Seite steht im Leben und Wirken, er doch nicht verloren ist, — wozu freilich die Getheiltheit feiner Gemeinden, von welchen ein Theil selbst an seinem Deutschpredigen Anstoß nimmt, ein anderer zeitgemäße Anforderungen an ihn stellt, viel beiträgt — ein anderer von einem Schulinspektor des Landes die Aufforderung enthält, mich den 18. bei der Prüfung einer jüdischen Religionsschule einzufinden. Aber ein anderes recht angenehmes Intermezzo bildete die Mittheilung des hiesigen Berle, der von dem Regierungspräsidenten das feste Versprechen erhielt, daß, sobald die hiesigen Landstünde entlassen sind, d. h. nach Verlaufe von drei Wochen, meine Sachen ans Ministerium abgehn werden und Berle mit ihm zufrieden sein werde, auch ich sollte mich nur noch die kurze Zeit gedulden. Immerzu gewartet! Rnhig, Geduld, das sind Kernwörter des Lebens. —-1 [f=—H ||--H 1—I l-, IlMHim * 1 FEUILLETON | * i LLSltlMMlW — 1—1 MinWMWIIlWMWtMMW!!kMWMii!kilWMMiWiWWi!1WtMnl!liMWWNä i--1 l—I 1- Der Satan. Erzählung von I. Zangwill. Autorisirte Uebersetzung von Frau Dr. Jda Wedell. II. „Sie erweiset ihm Gutes, nimmer Böses, affe Tage seines Lebens." Spräche: Kap. Ni, i‘2. ls Mosche Grinwitz seinem nengefuudenen Freliud durch die engen Windungen, die zu seinem eigenen Heim führten, folgte, war sein ganzes Wesen von der treuen köstlichen Freiheit erfüllt. Der Sonnenschein, der ihn gerade, als er die Schwelle der Synagoge überschritt, grüßte, schien ihm ein Vorbild des neuen Lebens, das ihn jetzt erwartete, zu sein. Er reckte seine hagere Gestalt zu ihrer vollen Höhe, er richtete seine von dem beständigen Bücken über die Maschine gebeugten Schultern auf und rückte seinen hohen Hut fest auf den Kopf. Kein ruhiges, friedliches Gefühl beherrschte ihn, eher ein geschäftiges Gähren von Gedanken, ein Aufruhr der Nervenströme, eine Anhäufung von Kraft, die entladen sein wollte, ein quecksilbernes Fluthen seines Blutes. Das Gewicht der ein langes Leben lang gehegten Begriffe, nein, die Bürde des Alterlernten, dessen Vorrath sehr groß war, wurde bei Seite geworfen. Er wußte noch nicht, was er mit dem neuen i) Der allerdings sehr kurze Aufsatz in 12 Paragraphen mit einer etwa eine Seite großen Einleitung ist mit dem Namen des Verfassers u. d. T. „Das Wesen des Judenthums nach seinen allgemeinsten Grundzügen" gedruckt in der Zeitschrift Band IV, S. 12—18.