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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1896-04-17 · Heft 16 (17.4.1896) · p. Seite 189

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
60 (1896)
Issue
Heft 16 (17.4.1896)
Date
1896-04-17
Page
Seite 189 (sequence 9)
Language
German
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-- 189 ausgelegt werden kann — Professor zu werden, sehr befreundet. Ob. mir einst Gott dieses Glück zukommen lasten wird, weiß ich nicht; sollte ich auch einen so hohen Lohn einst erlangen, so kenne ich wenigstens bis dahin für mich als Aufgabe, außer dem äußeren Kampfe auch noch den inneren des zwiegespaltenen Berufes zu fuhren, und ich gestehe Dir, daß meine innere Aufgabe immer klarer, daher auch leichter wird, und ich sie so immer fröhlicher trage. Dies wird auch Dir einst klar werden. Adlers hat sich freudig gewundert, daß ich heiteren Sinnes lebe, indem er meine Verhältnisse, den pestartigen auf mir lastenden Ketzergeruch kannte, welcher so weit geht, daß es in Mainz als etwas Verpöntes gilt, mich zu besuchen— weshalb Dr. Cahn erst einmal bei mir war, und ein Bachur, der Adler begleitete, den Mantel des Geheimnisses über sich auszudreiten suchte —; aber darüber bin ich längst hinaus. Das muß man in jetziger Zeit wissen, daß man das allgemeine Zutrauen und die allgemeine Liebe nicht erhalten kann, ja nicht darf, und das gegnerische Benehmen der Formgläubigen ist wir gerade ebenso angenehm wie der Beifall Wohlgesinnter. Dennoch besitze ich. das Zutrauen des größten Theiles meiner Gemeinde; wenn diese nur das uneigennützige, angelegentliche Streben ihres Geistlichen erkennt,- überall wohlmeinend einzugreifen, wenn sie ihn ferne von schmutziger Habsucht, fern von tyrannischer Herrschsucht, fern von selbstischer Eitelkeit, aber bereit, für ihr Wohl zu wirken, in allen Beziehungen sieht, dann söhnen sich selbst diejenigen Gemüther, welche in starren, religiösen Gewohnheiten ihm nicht ganz sich hinzugeben vermögen, dennoch mit ihm ans, sie lernen endlich die Achtung, welche sie ihm nicht versagen können, das Zutrauen, das er nun einmal in allen anderen Angelegenheiten verdient, auch auf die religiöse Gesinnung überzutragen,. und der Ausruf: schade, daß er nicht frunnn ist, verwandelt sich in den: es ist nur unbegreiflich, daß er nicht frumm ist, und der Schritt hiervon bis zur assertorischen Behauptung ist nicht sehr groß. Darum magst Du Dich immer vorläufig recht frei bewegen, aber die Lücke zwischen Deiner Ueberzengung und dem künftigen Berufe nicht zu sehr erweitern, damit dann das jetzt scheinbare Hinderniß nicht zum wirklichen werde; die Vorstellung übt auf den Menschen einen großen Einfluß aus. — Du meinst zwar, es gebe Gegenstände, die wahrhaft religiösen Gehalt haben, aber in der neuesten Zeit dennoch wankend gemacht worden, und hier sei der praktische Geistliche, der vermöge seiner Intelligenz der Skepsis sich nicht entwinden könne, vermöge seiner Stellung jedoch diesen Glauben lehren müsse, in einer Lage, die ihm die Sünde des Lügens als Amtspflicht auferlege, und beziehst Dich vorzüglich auf meine Aeußerungen über persönliche Unsterblichkeit. 2) Nun habe ich freilich mich hierüber blos insoweit geäußert, daß mir der Punkt zur Seite liegt, ohne daß ich gerade als Gegner desselben auftreten möchte; aber im Grunde bleibt die Sache dieselbe, und Du scheinst nur die praktische und seelsorgerische Anwendung derselben zn überschätzen. Soll es denn wirklich unsere Pflicht sein, wie es als verzärtelnde, einschläfernde und ein Schwelgen in dunklen Gefühlen befördernde Gewohnheit aus dem Christenthnw übergegangen ist, die letzte Zeit des Lebens mit Hoffnungen auf jenseitige Freuden zu versüßen, und nicht vielmehr darauf aufmerksam zu machen, noch dasjenige *) Gemeint ist wohl A. Adler aus Worms, der damals Geiger besucht hatte und von Letzterem an Derenburg für eine Hauslehrerstelle empfohlen war; er wurde später Rabbiner in seiner Vaterstadt und stand während seiner verhältnißmäßig kurzen Wirksamkeit in der vordersten Reihe der Reförmfreunde. 2) Vergl. hierzu auch die Aeußerungen über Unsterblichkeit, oben, Brief VI, 18. Juni 1833. Doch müssen außer diesen noch andere, mündlich oder in einem nicht erhaltenen Brief gefallene gemeint sein. <=, i zu leisten, was zu leisten möglich ist, vorzüglich begangenes Unrecht theils wieder gut zu machen-, theils wenigstens zu bereuen, wobei die Gnade Gottes, die der menschlichen Natur im Allgemeinen eigene Schwäche zur Beruhigung dient? Ich dächte es sei weit zweckmäßiger, einen Greis ans seine Ueberlebendeu, seine Umgebung, die Menschen, mit denen er in Verbindung gestanden hat, den Unfrieden, der vielleicht durch ihn entstanden ist und dergleichen aufmerksam zu machen, damit er da noch helfend eingrrife, beruhigend und erhebend ihn an das, was durch ihn gewirkt und von ihm daher fort- . lebt, an seine Angehörigen, an die Nichtigkeit des Lebens zu erinnern; dem zum Tode geführten Sünder aber ziemt Zerknirschung, Reue, der Gedanke, durch seinen Tod sein Unrecht zu sühnen, Warnung zu sein Aiidereu und dergleichen — was in einzelnen Fällen sich sehr verschieden modifizirt. Ich halte solches für weit praktischer und heilsamer als Ausmalungen künftigen Genußes, auf den ja im Grunde die Wenigsten Anspruch machen dürften. Und hiermit gehe ich denn zu dem von Dir übertriebenen Aufsätze „Einige Ideen über Reformation im Judenthum" über. Es liegen in demselben verschiedenartige Ideen, von denen ich einige ansgeschieden, einige beibehalten wünsche. Die Einleitung zur .Einleitung, welche von Diagnosen und Unbehaglichkeiten spricht, ist überflüssig, und der Anfang ist besser sogleich mit der Thatsache, daß eine solche Unbehaglichkeit im jetzigen Jndenthum vorhanden ist; so viel ärztliche Kenntniß hat Jeder, um dies ohne Einleitung zu verstehen. Dann folgt eine Digression, welche eine Vergleichung zwischen der Reformation des Christenthums im 16. Jahrhundert und der jetzt nöthigen im Jndenthum bietet; gegen diese habe ich vielfache Bedenklichkeiten. Die Erwähnung dieser historischen Thatsache hat erstens den Nachtheil, daß sie zugleich das Resultat der Spaltung, welches nuil auch für das Jndenthum 311 erwarten wäre, ins Gedächtniß ruft. Ich habe gegen diese Spaltung, wenn sie zur Notwendigkeit und ein Erfolg des bestehenden inneren Zwiespaltes, der rinn auch äußerlich sich geltend machell will, wird, garnichts, obgleich sie. für die kleine Anzahl der Juden immer ein unangenehmes Ereigniß sein würde; ich halte auch dieses Ende für möglich, obgleich mit* die Tendenz unserer Zeit, welche nicht so rvie damals in religiösen Formen lebt und eine innere Abweichung auch zur äußeren Trennung .zu gestalten daher nicht so gebietet, so wie andere Umstände dieses Ende als sehr ungewiß erscheinen laffen; ich scheue daher auch bei meiileil Bestrebungen eine solche aus ihnen sich ergebende Möglichkeit ^.ganz und gar nicht. Aber darauf Hinweisen möchte ich nicht; so etwas muß wirklich von selbst kommen, dies liegt im Bereiche der äußeren Ereignisse, von beneu derartige Vorgänge im Gebiete der religiösen Gestaltungen abhängig sind, ja beherrscht werden; mit solchen Aussichten dürfen auch ferner schwache Gemüther.nicht geschreckt werden. . Die Anwendung aber gar, die Du aus dieser geschichtlichen Parallele 'machst, scheilit mir noch um so weniger zulässig. Es ist allerdings kein Faktum der Geschichte dem andereli vollkommen gleich; allerdings war bei der Reformation des Christenthums eine weit größere Bewußtlosigkeit der Reforinatoren vorhanden, die erst allmählich sich verlor, und wir haben es ihr mit zu verdanken, daß wir nun auf dem <Stanbpiuitte stehen, der uns. das Bedürfniß einer Reform des Judenthums aufs Tiefste fühlbar macht. Wollen wir nun deshalb, weil wir jetzt von vornherein mehr verlangen und mehr verlangen müssen, unserer Zeit zurrten? Man sprach damals mit Klarheit aus, was abgeändert werden, müsse, und dos soll auch jetzt ausgesprochen werden; räth die Klugheit, hierin etwas vorsichtig vorzuschreiten, so ist dies darum keine Unklarheit. Wohl findet sich diese bei Vielen, besonders bei Rabbinern, und es ist recht, ebensowohl gegen diese, wie gegen die Feigheit unumwunden aufzutreten; nur

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