Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 60 (1896)
- Issue
- Heft 16 (17.4.1896)
- Date
- 1896-04-17
- Page
- Seite 188 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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188 freundlichen, inhalt schweren Zusendungen, welche dazu gegen Deine frühere, aber gemäß Deiner neuesten Gewohnheit — in der Dich Gott erhalten möge! — sehr rasch auf meinen Brief folgten, obgleich sie bedeutend später in meine Hände kamen, als Du wohl gedacht hast, namentlich das Briefchen durch Berler) — Den 11. Soll ich Dir nun mit meinen Neuigkeiten beginnen, jo lasten sich diese sehr kurz zusämmenfassen. Mit der Zeitschrift geht es ziemlich; ich habe bereits vor drei bis vier Wochen den siebenten Bogen zur Revision gehabt, seitdem aber höre und sehe ich wieder nichts. Man interessirt sich jetzt in Frankfurt außerordentlich dafür; ich habe daher im Auftrag des Frankfurter Emanzipationsvereins und der Frankfurter Gemeinde Exemplare gratis zu geben — die sie natürlich bezahlen — an Solche, von denen ich glaube, daß die Zeitschrift für sie von Nutzen und von Einfluß sei, ohne daß darum den: buchhändlerischen Interesse Eintrag geschehe, d. h. die sie doch nicht kaufen würden und könnten. Kannst Du mir nun solche nennen, seien es Juden oder Christen, so werde ich mit Vergnügen Exemplare besorgen. Vierzig Exemplare sind mir solcher Art überwiesen, was eine bedeutende Anzahl und eine große Stütze ist. Und dennoch ist durch ineine ungünstige Wahl des Buchhändlers immer kleine Neckerei zwischen ihm und nur, was dann dem Fortgange der Sache immer schädlich ist; ob eine solche oder die jetzigen Meßgeschäfte die gegenwärtige Zögerung veranlassen, weiß ich nicht, sie bleibt mir aber immer höchst betrübend. Mannheimer und unser Auerbach ermuntern mich aufs Dringendste die Zeitschrift nicht fallen zu lassen, und allerdings wird dies auch jetzt nicht geschehen; habe ich so vieles mit ihr schon durchgekämpft, werden die kleinen Plänkeleien auch noch überwunden werden. — Meine zweite alte Neuigkeit betrifft die Rabbinerzusammenkunft; daß die bairischen Herren zugesagt haben, weißt Du schon. Eingeladen sind nun Alle, und Antworten sind neuerdings gekommen von Dr. Heß in St. Lengsfeld, der es noch für etwas zu früh hält — aber eben von der Zusage der bairischen Rabbiner noch nichts wußte — von Gosen, der mit Griffen und Schlichen die Sache behandelt; will und nicht will, aber doch von einer Badereise hierher spricht und von Dr. Levi in Gießen. Einige der Herren haben einen sonderbaren Begriff von Synodalgewalt; sie halten noch immer etwas von einer geistlichen Macht, während ich blos von einer moralischen weiß; der Ausspruch einer ordentlichen Anzahl verständiger Geistlicher wirkt schon, und das offene Bekenntniß, künftig gleichmäßig in diesen und jenen Dingen zu Verfahren, giebt den Aussprüchen Einheit und Festigkeit. Das ist ein Erfolg, der ohne Zweifel erreicht wird und welcher hinreicht. Allerdings wird die erste Zusannnenkunft ziemlich leise auftreten und gerade nicht nach den Resultaten der biblischen Kritik, wie es mein sehr ehrenwerther Freund zu verlangen schien, sich richten, aber allerdings hat die Praxis andre Normen als die Theorie. Nun, die Sache kommt doch zu Stande und sollte auch fürs erste Mal der Erfolg unscheinbar sein. Es wäre allerdings hübsch, wenn Du ein Promemoria einsendetest, dieses müßte aber rein praktische Anträge, keine Prinzipienfragen behandeln. Ich habe einen schönen Plan, diesen Versammlungen eine größere Ausdehnung und Bedeutsamkeit zu geben, jedoch hiervon-wie von den weiteren j Erfolgen später. — Meine dritte, steinalte Neuigkeit betrifft meine hiesige Stellung; sie ist vorläufig wie sie war, beschäftigt mit Kleinigkeiten, und noch immer nichts Festes über die Zukunft. Der Bericht ist gemacht, den Korreferenten übergeben, von diesen gleichfalls bereits begutachtet, und so liegt nun die Sache beim Präsidenten, der es in J) ®ec auch sonst in den Briefen genannte Berte gehörte zu'den angesehensten Mitgliedern der Wiesbadener Gemeinde und war, wenn - ich nicht irre, auch weitläufig mit Geiger verwandt. . einer Gesammtsitzung der Regierung vorzutragen hat, worauf der Antrag ans Ministerium zu machen ist. Briefe gehen und kommen wie gewöhnlich. Rapoport hat endlich wieder etwas von sich hören' lassen; und er beklagt sich über die reformatorische Tendenz, die der Zeit vorgreifen wolle, d. h. aber wohl der Zeit in Galizien und dem /russischen Polen; er spricht sehr schön darüber, aber nicht richtig?) Du kannst wenigstens daraus ersehen, daß man selbst auf litterarischem Gebiete nicht mit Riesenschritten voran eilen darf und daß inan die biblische Kritik, ohne sie zu verleugnen, doch noch nicht an die Spitze stellen und in völliger Enthüllung auftreten lassen darf. Jedenfalls wäre es unpraktisch, die Anwendung der Kritik auf den Talmud zu tadeln, weil man von ihr in Bezug auf die Bibel noch nicht . spricht. Du weißt, daß ich gerade nicht sehr zurückhaltend bin, aber eine gewisse Taktik muß doch beobachtet werden; erst im sechsten Hefte hat die Polemik gegen den Talmud begonnen, diese ist im siebenten weitergeführt worden und wird im achten eine feste Gestalt gewinnen, aber mit der Thüre ins Haus dürfen wir doch nicht falleiu Deshalb sind Referate über bibelkritische Werke vorläufig sehr gut; hast Du bereits ein solches über Vatke, so soll es mir lieb sein, wo nicht, so werde ich Zunz' Chronik und Ezechiel, George und Vatke zusammennehmen und einleitend von den verschiedenen Arteil der biblischen Kritik sprechen und darauf Hinweisen, inwiefern dieselben bereits von den früheren Juden geübt worden sind. In Beziehung auf letzteren Punkt giebt es eine gar nicht uninteressante Lese. — Jedoch nun zu Deinen l. Briefen; da wird sich noch manches, was mir auf dem Herzen liegt, anknüpfen lassen. Ueber den Sprung ins Rabbineramt, weml es sich Dir darbietet, brauchst Du gar nicht bange zu sein; man hat sich da allerdings andere Gesetze vorzuschreiben, als die religiöse Ueberzeugung darbietet, aber inuner bleibt das Positive, das wahrhaft Echte, Gediegene, Menschliche, was uns als praktischen Geistlichen obliegen muß, und dies ist so hoch, erhaben und edel, daß wir in seinem Dienste gern unsre Kräfte anweilden sollen. Es giebt des Spielraums für die.Anwendung dieser Kräfte genug, und Du glaubst nicht, welch angenehmes Gefühl es zuweilen ist, leitend in ben Angelegeilheiten des Geistes für Menschen des gewöhnlichen Schlages dazustehen. Freilich, das fühlen jene Miethlinge nicht, welchen die Theologie ein Brodstudium ist und die als Geistliche, berufen den Geist ihrer Pfleglinge zu heben und zu veredeln, nur an ihren armseligen Leib denken; aber Du wirst dies einst als eilie schöne Aufgabe erkeiln.en in allen Angelegenheiten der Repräsentant des edlen Melischlichen zu sein. Allerdings kann ich mir für Dich und für mich eine Lage denken, welche uns der jetzt mit dem praktischen Stande verbundenen Schwierigkeiten überhebt und unsere Eiinvirkung aufs Judenthum dennoch nicht verniindert, sondern sogar verstärkt; dies ist vorläufig noch Ideal, und wer weiß, ob es sich je verwirklicht. 'Stünden die Dinge nicht so, daß zur kräftigen, nothwendigen Umwandelung die völlige Freiheit von der Praxis, die noch damit in Widerspruch tritt, fast unerläßliche Bedingung ist, so würde ich nieinals gern meine praktische Stellung aufgeben lind wenigstens eine Verbindung derselben mit der lehrenden anstreben; jedoch nun bin ich dem Gedanken an eine gänzliche Aufgebung des Rabbinats, um — damit ich das Wort, das vielleicht einem jungen — und mit Hintansetzung aller Flitterbescheidenheit, aber mit tiefgefühltester Empfindung spreche ich aus — für eine solche großartige Stellung, welche in anderen Fächern so bedeutende Leistungen in unserer Zeit forbert — verdienstarmen Manne als kühner Anspruch i) Ue&er Rapoports Stellung zur Zeitschrift, seinen infolge des. hier schon angedeuteten Standpunkts nöthig gewordenen Rücktritt, die Art, wie er diesen Rücktritt bekannt machte, vgl. Geigers „Schlußwort" zum 4. Bande S. 472—475.