Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 60 (1896)
- Issue
- Heft 16 (17.4.1896)
- Date
- 1896-04-17
- Page
- Seite 186 (sequence 6)
- Language
- German
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(Schweden) Preisaab uub infolgedessen die Kaufleute für die Sicherheit ihrer Maaren keine Garantie hatten, während der noch dürftigere Besuch der Michaelismesse von 1713 dnrch die damals in der.Stadt grafsirende Pest seine Erklärung findet. Bezüglich, des Fernbleibens der Juden von den Neujahrsmessen scheinen noch dieselben Gründe obgewaltet zu haben wie im vorhergehenden Jahrhundert. Im Allgemeinen zeigten die Juden im neuen Jahrhundert einen regen Antheil an den Meßgeschüfteu. Im ersten Jahrzehnt des 18. Jahrhunderts wuchs ihre Zahl um 2,40 Prozent; im zweiten Jahrzehnt jedoch fiel sie uni' 9,95 Prozent. In den Jahren 1721 bis 1730 nahm sie wieder bedeutend zu, nämlich 16.91 Prozent. Im vierten Jahrzehnt, 1731 bis 1740, verminderte sie sich um 2,78 Prozent und in den Jahren 1741 bis 1748 fiel sie noch beträchtlicher, nämlich 18,99 Prozent. Sie stand sonach in der Mitte des 18. Jahrhunderts um 12,41 Prozent tiefer als zu Ende des 17. Jahrhunderts. Ueberblicken wir also die gestimmte Entwickelung dcr Frequenz der Meßjuden während der Jahre 1675 bis 1748, so zeigt sich, daß in der Zeit von 1675 bis 1710 die Zahl der Meßjuden stetig wuchs. Ihr Wachsthum betrug nicht weniger als 90,50 Prozent. In den vier folgenden Jahrzehnten dagegen war sie bedeutenden Schwmikungen unterworfen. Am geringsten waren die Messen in den Jahren 1675 bis 1680 besucht, am stärksten in der Zeit von 1721 bis 1730. Im Durchschnitt kamen zu den Oster- und Michaelismessen der Jahre von 1675 bis 1748 nicht weniger als 750 jüdische Händler. Die Frequenz der Meßjuden war demnach gegenüber der Zahl der jüdischen Meßsieranten im Jahre 1675 durchschnittlich 111,86 Prozent, also um mehr als das Doppelte gewachsen. Der Aufschwung des jüdischen Meßverkehrs im ersten Jahrzehnt des 18. Jahrhunderts hatte seinen Grund darin, daß in Leipzig die Geld- und Verkehrsverhältnisse bessere waren als in der Meßstadt Frankfurt an der Oder. Selbst der Nordische Krieg — 1700 bis 1721 — wirkte seltsamer Meise fördernd auf den Meßverkehr ein, da eines Theils der Schwedenkönig Karl XII. den Kaufleuten Schutz zusagte und andern Theils die Stadt Leipzig zu der Pflege und der neuen Ausrüstung der schwedischen Armee bedeutend beitrug. Der auffallende Rückgang des Meßverkehrs der Juden vom Jahre 1711 an lag darin begründet, daß in Folge Verdachts der Koutagion die Fuhren ans Schlesien gehemmt und . selten über die Grenze gelassen wurden, sowie daß in Frankfurt und Breslau die Polen, sowohl Juden wie Christen, avantagirt und jene diesen ganz gleich gestellt wurden. Und dann behandelte man in Sachsen und selbst iir Leipzig die jüdischen Meßfieranten aus Polen wie Betteljnden und belegte sie mit hohem Zoll. Das Steigen des jüdischen Meßverkehrs im dritten Jahrzehnt und sein Staguiren in dem folgenden Jahrzehnt hatte seinen Grund in der durch den französischen Hof hervorgernfeneu und begünstigten Nachfrage nach Luxusgegenständen, während die bedeutende Abnahme in dein fünften Jahrzehnt ihre Erklärungen in der harten Kriegsfuhrung des Königs Friedrichs II. von Preußen findet, der während des ersten und zweiten schlesischen Krieges alle Maaren mit Beschlag belegte. Ueber die jüdischen Handelsleute ans den Messen der Jahre 1749 bis 1755 fehlen alle Nachrichten. Auch während der letzten fünf Jahre des Siebenjährigen Krieges — 1758 bis 1763 — und in dem Jahre nach dem Friedensschluffe, 1764, zeigt sich abermals eine unausfüllbare Lücke. Nur über die Meßjuden innerhalb der ersten beiden Kriegsjahre findet sich Material vor, und zwar geben die Tabellen von jetzt ab außer der Frequenz die Wohnung der jüdischen Meßbesucher mit an. Auch ist die Zahl der Meßjuden mit der der christlichen Kaufleute in Parallele gestellt. Auf der Ostermesse 1756 betrug die Zahl der Meßjuden 484, also ungefähr den fünften Theil voll der Zahl der christlichen Meßsieranten und 16,24 Prozent vom gesammten Meßverkehr. Jur Vergleich zn der Frequenz der jüdischen Kaufleute auf der Ostermefle 1748 war das jüdische Element um 9.26 Prozerrt gewachsen. Im Jahre 1757 jedoch verminderte sich der Verkehr der Meßjrrden mit 227 oder 46,9 Prozent, während die Zahl der christlichen Kanfleute von 2496 auf 1690 fiel, also um nur 32,3 Prozent zrrrück ging. Die Frequenz der jüdischen Händler nahm demnach um 14,6 Prozent mehr ab als die der christlichen Meßfieranten, ein Beweis, daß die Juden in unsicheren Zeiten mehr Vorsicht zeigten als die christlichen Kaufleute. Wahrscheinlich ging infolge der harten Kriegführung Preußens der Meßverkehr von.Kriegsjahr zu Kriegsjahr zurück. Nach dem Siebenjährigen Kriege, im Jahre 1765, betrug auf der Michaelismesse die Zahl der Meßjuden 276 oder 4,53 Prozent von der der christlichen Kaufleute und 4,34 Prozent vom gesammten Meßverkehr. Auf der Ostermesse 1766 zeigt das jüdische Element der Frequenz im Jahre 1756 gegenüber eine Zunahme von 10,12 Prozent. Das Zahlenverhältniß der jüdischen und der christlichen Meßfieranten war im Jahre 1766 insgemein eins zu zehn. In den Jahren 1767 bis 1769 fiel die Frequenz der Meßjuden um 147 oder 12,87 Prozent, die Zahl der christlichen Kaufleute jedoch um 2173 oder 19,79 Prozent, also um 6,92 Prozent mehr als die der Juden. Der gesummte Meßverkehr nahm um 19,14 Prozent ab. Zu diesem auffälligen Rückgänge des Meßverkehrs trugen vor Allem die österreichischen und brandenburgischen Einfuhrverbote — 1768 — bei, sowie die Abgaben an die Leipziger Leihekasse. Zur Abzahlung der Kriegsschulden war nämlich dem Leipziger Rathe Erhebung gewisser Abgaben gestattet worden. Diese Steuern wurden lieben den bisherigen Abgaben an das Geleite, an die Waage- und Landaccise erhoben und bestanden darin, daß man auf die ein- und ausgehenden Maaren im Werthe von zwei Thalern für den Centner 2 Prozent und auf Maaren im Werthe von vier Thalern und mehr 1 Prozent erhob. Auch führte die Erhebung der Abgaben an die Leihekasse zu Plackereien, weshalb gleichfalls viele Meßfieranten dem Leipziger Handel fern blieben. Vornehmlich vermißte man die Kaufleute, welche mit fremdländischen, ins Gewicht fallenden Maaren, wie beispielsweise mit russischem Juchten und Talg, mit Zeugen und Tabak handelten. Dieselben brachten während dieser Zeit ihre Handelsgegenstände auf auswärtigen Lagern, besonders in Lüneburg, Magdeburg und Bremen, zum Verkauf. In den Jahren 1770 bis 1779 waren die Messen durchschnittlich von 1652 Juden und 8597 Christen besucht. Die Zahl der jüdischen Meßfieranten betrug demnach 19,21 Prozent von der der christlichen Kaufleute, sie stieg innerhalb zehn Jahren um 60,08 Prozent, während die Zahl der christlichen Meßfieranten um 7,99 Prozent und infolge dessen der Gesammtverkehr um 1,21 Prozent zurückging. Das Anwachsen des jüdischen Elements hatte seine Ursache vor Allem in den hohen Zöllen des preußischen Meßaccise-Tarifs vom 5. Mai 1772, demzufolge sich insbesondere die jüdischen Handelsleute aus Böhmen und Polen den Leipziger Messen wieder zuwendeten. Seltsamer Weise wirkte auch der russisch-türkische Krieg — 1768 bis 1774 — nicht hindernd auf den Meßvcrkehr ein. Ferner ließ man den ausländischen Juden auf ihrer Reise in Sachsen eine gute Behandlung angedeihen, was viele ermunterte, sich ihre Maaren persönlich in Leipzig zu holen. In Frankfurt a. O. dagegen waren während dieses Jahrzehnts die Messen äußerst schlecht besticht, da die Regie König Friedrichs II., um die inländische Industrie zu heben, mit äußerster Schärfe bei Einfuhr ausländischer Maaren gehandhabt wurde.