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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1896-04-10 · Heft 15 (10.4.1896) · p. Seite 3

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
60 (1896)
Issue
Heft 15 (10.4.1896)
Date
1896-04-10
Page
Seite 3 (sequence 15)
Language
German
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3 daß ein christlicher Geistlicher in seinem letzten Willen noch der israelitischen Armen gedachte. Ehre dem edlen braven Gottesmann! Bnchau hatte bamalS J800 katholische und 600 jüdische Einwohner. Oesterreich-Ltnyarn. O Wien, 6. April. Die Bürgermeisterwahl findet am8. April nicht statt. Die neuerliche -Festsetzung des Wahltages wird erst nach Ostern ersolgen. — Der bekannte antisemitische Agitator Pater Abel soll authentischen Berichten zufolge aus Wien entfernt worden sein. Es soll, so wird ferner behauptet, ihm nahegelegt worden sein, das Manuskript seiner Vorträge nicht mehr gewissen Zeirungsredaktionen zu überlassen, sich von jeder politischen Agitation ferne zu halten und nichts ohne Genehmigung der Oberen drucken zu lassen, wie es ja ohnehin die Regeln des Jesuitenordens vorschreiben. — In Krems wurden auf Grund gepflogener Disziplinaruntersuchungen acht Schüler des Obergymnasiums zu Karzerstrafen verurtheilt, vier andere relegirt, weil sie in Kneipen und anderen unangemeldeten Zusammenkünften antisemitische und antiösterreichische, respektive reichsdeutsche Propaganda trieben. — In Brünn wurde auf Grund einer kaiserlichen Entschließung das Strafverfahren gegen den Ingenieur und Reserve-Lieutenant Eduard Lustig wegen Vergehens des Zweikampfes eingestellt. Lustig hatte im Januar d. I. mit dem Dragoner - Oberlieutenant Freiherrn Luini della Pieve d'Albignola wegen antisemitischer Aeußerungen einen Streit, der zu einem Duell führte, in dem der Oberlieutenant an beiden Händen schwer verwundet wurde. — Ueber eine neue Blutmärchen-Fabel erfahren wir aus Mähr.-Trübau: „In unserm Orte, wo bereits seit längerer Zeit eine deutsch-nationale antisemitische Strömung herrscht, lebt seit mehr denn 10 Jahren der Kaufmann Moritz Möller und erfreut sich allgemeiner Achtung. Bei ihm waren zwei Dienstmädchen im Alter von 18 und 19 Jahren, Namens Emilie Schwab und Sophie Nemluvil aus Takenitz, bedienstet. Anfangs Februar dieses Jahres wurde Moriz Möller von dem Gensdarmerie-Postensührer vorgeladen und erfuhr, daß sich eines seiner Dienstmädchen an den dortigen Gerichtsarzt Dr. Czerny mit der Bitte gewendet habe, derselbe möge sie untersuchen, es sei ihr von ihrem Dienstgeber Blut abgezapft worden. Der Arzt hätte unter dem Kniegelenke des Mädchens einen kleinen Schorf gefunden und darauf die Anzeige bei dem Polizei-Amte erstattet. Das Dienstmädchen habe weiter erzählt, daß auch der früheren Magd Möllers, welche jetzt in Brünn oder Olmütz dient, von Möller Blut abgezapft worden sei, und daß dieselbe aus Angst hierüber den Dienst verlassen habe. Die Magd habe weiter angegeben, daß die Blutabzapfungen schon mehreremale, und zwar immer am inneren Knie und Ellbogengelenke erfolgt seien; es sei an der Stelle ein etwa Vier-Kreuzerstück großer rother Fleck zu sehen, in welchem drei bis fünf Stiche, wie von einer starken Nadel herrührend, erkennbar seien. Herr Moritz Möller war über diese Angaben der Dienstmädchen selbstverständlich entrüstet und wollte wider dieselben gerichtliche Schritte einleiten, es wurde jedoch von der Mährisch-Trübauer Polizeibehörde gegen ihn eine Anzeige beim Bezirksgerichte Mährisch- Trübau erstattet. Die antisemitischen Blätter erzählten diese Geschichte als „mysteriösen Fall" noch vor Beendigung der Untersuchung, die beim Handesgerichte Brünn mit größter Sorgfalt geführt wurde. Das Resultat derselben war die Einstellung des Verfahrens. Es wurde das frühere Dienstmädchen des Herrn Moriz Möller einvernommen, und dieses gab an, es hätte sich mit der Schwab einen Spaß gemacht und nicht geglaubt, daß dieselbe so dumm sein werde, so etwas zu glauben. Auch die Gerichtsärzte gaben an, daß die Aussagen der Dienstmädchen ganz unglaubwürdig feien und unmöglich auf Wahrheit beruhen können; dieselben hätten sich nur in Folge von Suggestion im Gehirn der Dienstmädchen festsetzen können. Von wem die Suggestion ausgegangen ist, konnten die Gerichtsärzte selbstverständlich nicht angeben. Vielleicht werden die wider die Dienstmädchen von Herrn Moriz Möller eingeleiteten Schritte aus die richtige Spur führen. 6. Budapest, 3. April. Ueber ein schmähliches, von Wiener Antisemitenkreisen im Geheimen ausgehecktes Attentat, welches nichts Geringeres bezweckt, als die Allsländer vom Besuche unserer Haupt- und Residenzstadt anläßlich der Millenniums feierlichkeilen abzuschrecken, schreibt „Nemzet": „Nach unserer Information haben antisemitische Journalisten in Wien beschlossen, unmittelbar an der Schwelle der Millennarfestlichkeiten, sowohl in der Wiener, als in der reichsdeutschen Presse die Schreckensnachricht zu verbreiten, daß in Budapest die Cholera ausgebrochen sei. Wir wollen es nicht versuchen, jene berechtigte und grenzenlose Aufregung zu schildern, welche dieses schändliche Preßmanöver in der ganzen ungarischen öffentlichen Meinung hervorrnft. Obgleich wir sehr wohl wissen, daß jene Kondottieri - Bande, welche hauptsächlich in Ehrensachen nichts zu verlieren hat, zu jeder Niedertracht bereit und fähig ist: gestehen wir es dennoch, daß wir bei Konstatirung der nackten Thatsache uns doch fragen, ob ein solches Maß von Verworfenheit überhaupt menschenmöglich sei? Die antisemitische Verbrecherbande der ganzen österreichischen und reichsdeutschen Presse dieses brennende Schandmal an die Stirne drücken, welches derzeit nur ihre eigene jämmerliche Fratze stigmatistrt. Dieses gemeingefährliche Attentat des geistigen Aussatzes, der moralischen Tollwuth überläßt die öffentliche Meinung Ungarns ganz ruhig der Verachtung aller anständigen Menschen der Welt." — Die antisemitisch e Volkspartei entfaltet noch immer eine rege Thätigkeit, die zumeist in den ungebildeten, zurückgebliebenen Volkskreisen auf fruchtbaren Boden fällt. Es werden Flugschriften verbreitet, Hetzpredigten gehalten, die zumeist gegen die Juden gerichtet sind. Im Trencsiner Komitate, wo es zu argen Ausschreitungen kam, mußte die Behörde den Hetzern sehr hart an den Leib rücken. Josef Badik, katholischer Pfarrer in .Szkalite, Josef Turesek in Domanizs, Franz Nemesek, Probstpfarrer in Rajecz u. A. m wurden wegen aufreizenden Predigten gegen die Juden zu empfindlichen Freiheits- und Geldstrafen verurtheilt. Auch gegen den .Pater Lepsenyi, dcr das Pamphlet, „Jüdische Blutmorde" verbreitete, wurde das Verfahren eingeleitet. — Zwischen dem Rabbiner Dr. B. Kohlbach und der Vorstehung der Status -quo - Gemeinde in Temesvür - Fabrik war es in letzter Zeit zu argen Konflikten gekommen, welche endlich zu einem vollständigen Bruche führten. Rabbiner Kohlbach, dem die Gemeinde eine ansehnliche Abfertigung zusagte, demissionirte. Es war ihm jedoch nicht vergönnt, sich von der Gemeinde im Gotteshause zu verabschieden. Etwa 700 Personen, die sich in einem Cafe - Restaurant versammelten, wollten ihren Rabbiner ohne ein Lebewohl zu sagen nicht ziehen lassen, und ließen ihn durch eine Abordnung einholen. In einer längern Rede widerlegte er die gegen ihn erhobenen Vorwürfe und nahm von seinen Anhängern rührenden Abschied. — Ob ein Jude kirchliche Stolagebühren .entrichten muß, wurde in der Regel in strittigen Fällen von dem Komitatsverwaltungsausschusse zu Ungunsten der Juden entschieden. Nun ist in einer Nothangelegenheit ein Erlaß des Ministers Perczel veröffentlicht worden, laut welchem die Urtheile der Verwaltungsausschüsse aufgehoben und der klageführende Pfarrer angewiesen wurde, seine Forderung in zivilrechtlichem Wege geltend zu machen. — Rabbiner A. H. G old stein - Fiume wurde in Reggio zum Rabbiner gewählt. Großbritannien. 8. London, 4. April. Eine glänzende Versammlung, in der die Spitzen der englischen Judenschaft sich befanden, versammelte sich am Sonntag, den 22. v. M., in den festlich hergerichteten Räumen des neuen, glänzenden, fünfstöckigen Gebäudes, das sich der Loarä ok l-uarckians errichtet hat. In den 87 Jahren seines Bestehens hat der Board schon oft seine Lokalitäten wechseln müssen, weil die Räume den stets wachsenden Geschäften nicht mehr genügten. Endlich ist es den Anstrengungen des hochverdienten Präsidenten Mr. Benjamin L. Cohen, M. P., gelungen, die Mittel zur Errichtung eines eigenen, den Ansprüchen genügenden Hauses zusammen zu bringen, ohne die laufenden Mittel des Board in Anspruch zu nehmen. Die glänzende Versammlung war einberufen, um zugleich die jährliche General-Versammlung und die Einweihung der neuen Amtsräume zu feiern. Die Feier begann mit dem Gesang einiger Psalmen, sodann hielt der Chief-Rabbi Dr. Adler die eigentliche Einweihungsrede, auf die dann wiederum Psalmengesang folgte. Alsdann erklärte Mr. B. L. Cohen in aller Form die neuen Lokalitäten für eingeweiht und schloß die Feier, indem er gleichzeitig die jährliche General- Versammlung eröffnete. Mr. Cohen gab in der großen Rede, mit der er die Verhandlung einleitete, einen Ueberblick über die Entwickelung des Board in den 87 Jahren seines Bestehens. Er schilderte, wie nach .einander die einzelnen Komitees entstanden, die sich gegenwärtig in die Arbeiten des Board theilen, und er führte eine Reihe von Beispielen aus der Thätigkeit dieser Komitees an, um darauf hinzuweisen, wie

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