Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 60 (1896)
- Issue
- Heft 15 (10.4.1896)
- Date
- 1896-04-10
- Page
- Seite 4 (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
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4 groß» die Leistungen derselben und ihre Verdienste um die allgemeine Wohlthätigkeit sind. Einige Beispiele mögen dies ziffermäßig belegen!. Das Darlehns-Komitee hat in den 28 Jahren seines Bestehens.nicht weniger als 850 000 Mark ausgeliehen. Durch das Komitee zur Ausbildung von Lehrlingen sind inne rhalb 22 Jahren 1630 Knaben und 21 Mädchen untergebracht worden. 105 Damen und 189 Herren arbeiten im Ehrenamte an dem wohlthätigen Werk des Board, während 20 angestellte Beamte sich ausschließlich seinen Geschäften zu widmen haben. Mit dem Appell an alle Anwesenden, auch ferner den Board zu stützen und zu fördern, schloß der Redner unter lautem Beifall seine Ansprache. Nach ihm sprachen noch F. D. Mocatta, der den Dank des Board an den Oberrabiner aussprach und betonte, daß der Board of Guardians zwar ein lokaler Londoner Verein sei, die von ihm unterstützten Juden aber aus allen Ländern der Welt stammten. Mithin sei der Nutzen dieser Wohlthätigkeit keineswegs aus London beschränkt und das Werk des Board von der größten Bedeutung für die ganze Judenheit. Der Oberrabbiner Adler sprach dem Vorredner feinen Dank aus für die Anerkennung, die er ihm gezollt, und schloß sich seiner Auffassung von der Bedeutung des Board an. Mit dem Dank der Versammlung an den Präsidenten Mr. B. L. Cohen schloß die Sitzung, worauf die Anwesenden das neue Haus in Augenschein nahmen. — In Birmingham fand eine große Versammlung der Anglo-Jewish Association statt, bei der der Vorsitzende der Association, Mr. Claude G. Montefiore, die Hauptrede hielt. Wir heben aus derselben nur die interessante Thatsache hervor, daß nach den eingegangenen Berichten eine erhebliche Besserung in der Lage der Juden in Persien und Marocco eingetreten ist. Mr. Monteffore ist der Ansicht, daß diese Besserung dem durch die Bemühungen der Association veranlaßten Einschreiten der englischen Regierung zu danken sei. Amerika. C. H. New-Aork, im März. Ein Wanderprediger, Namens Zebi Hirsch Maslianski, erringt unter der russisch-jüdischen Bevölkerung großartige Erfolge. Er hat von dem Maggid nur die Sprache; im Uebrigen ist seine Homiletik eine ganz moderne. — Svami Vivekananda, ein Brahmane, der vor drei Jahren zum Weltkongreß der Religionen nach Chicago kam und noch immer als Prediger einer esoterischen resormirten Brahma-Religion, die sich Joga nennt, im Lande weilt,, predigt gegenwärtig in New-Jork die neue Heilslehre. Einer seiner begeistertsten Schüler ist ein russischer Jude, Namens Leon Sandsberg, der als Proselyt des Joga den wohlklingenden Namen Swami Abbhayananda führt. — Der Makkabäergeist ist noch nicht erloschen. So hoffen wir bald in den jüdischen Blättern des Landes zu lesen, denn dos Choynski, der jüdische Boxer aus Kalifornien, hat die Ehre Amerikas gerettet, indem er Jim Hall, seinen australischen Kollegen in einem Preiskampse zu Boden geschlagen hat, und der Detektive Aaron Levy hat, nur von einem Bahnbeamten unterstützt, einen Bahnhof in Chicago gegen mehrere Hundert rebellische Arbeiter vertheidigt. — Als ein Beispiel der raschen Amerikanisirung der russischen Juden verdient die Meldung verzeichnet zu werden, daß Heyman Eltermann in New-Jork, ein 63jähriger Greis, sich durch einen Pistolenschuß entleibte, weil sein Sohn, ein Advokat, von dessen Unterstützung er lebte, sich weigerte, ihm Geld zur Fortführung seines ausschweifenden Lebens zu geben. Non Nah und Fern. — Eine Ahlwardt'sche Gründung ist, nachdem sie über ein Jahr ein höchst kümmerliches Dasein gefristet hat, eben entschlafen. Das am 1. März 1893 von Ahlwardt und Dr. Böcke! gegründete „Deutsche Volksrecht" hat vom 1. April d. Js. ab sein Erscheinen eingestellt und ist mit der in Hamburg von dem jetzigen Führer der radikalen Antisemiten Hans v. Mosch herausgegebenen „Deutschen Reform" verschmolzen worden. — Der Antisemitenführer Dr. Paul Förster hat jüngst folgende charakteristische Erklärung abgegeben: „Ich habe Ihnen erklärt, daß es jedenfalls thöricht sei, den höchsten sittlichen Maßstab an einen Führer zu stellen, und in der Politik sei es geradezu eine verwerfliche Sache, da die größten Erfolge so leicht durch kleinliche Sittlichkeitsreiterei in Frage gestellt würden." — Der Friedhofs-Inspektor Herr Gustav Lichten stein ist zum Obermeister der Feuerbach-Loge Nr. 19 von Brandenburg in Weißensee einstimmig gewählt worden. — In dem bekannten Wucher- und Betrugsprozeß zu Breslau wurde der Graveur Fritz Sedlatzek zu drei Jahren Gefängniß, fünf Jahren Ehrverlust und 1000 M. Geldstrafe verurtheilt. Sein Bruder Paul erhielt ein Jahr Gefängniß, ein Jahr Ehrverlust und 300 M. Geldstrafe. Das edle Brüderpaar hatte sich in der dortigen antisemitischen Bewegung besonders hervorgethan. —.Den Rittergutsbesitzer Guradze zu Kottlischowitz (Tost-Gleiwitz) hat den Titel Oekonomie-Rath erhalten. — Zum Rabbiner der israelitischen Kultusgemeinde Jamnitz, wurde Dr. A. Morgenstern aus Weißkirchen einstimmig gewählt. — Dem ungarisch - israelitischen öffentlichen Landesfond wurden in der zweiten Hälfte des Monats März 60 200 fl. gespendet. Derselbe hat bereits die Höhe von 339 400 fl. erreicht. — In Triest ist Baron Marco Morpurgo im Alter.von 58 Jahren gestorben. Baron Morpurgo. der zu den hervorragendsten Persönlichkeiten Triests zählt, war auch in Wiener Regierungs-und parlamentarischen Kreisen infolge seiner von 1878 bis 1891 dauernden Stellung als Präsident des Oesterreichischen Lloyd bekannt. Den Angelegenheiten des Lloyd widmete sich Baron Morpurgo mit voller Hingebung und Thatkraft. Er demissionirte im Jahre 1891, nachdem der neue Vertrag zwischen der Regierung und dem Lloyd geschlossen worden war. Im kommerziellen Leben von Triest nahm Morpurgo namentlich als Chef des 1891 liquidirten Welthauses Morpurgo u. Parente eine hervorragende Stellung ein. Früher war er Verwaltungsrath der Südbahn und brasilianischer Generalkonsul und bis zu seinem Tode Verwaltungsrath der „Riunione Adriatica" und Direktor der Oesterreichischen Gasgesellschaft. In sozialer Beziehung zählte das Haus des Baron Morpurgo zu den ersten Triests. — Josef Badik, katholischer Pfarrer in Szkalite im Trencsiner Comitate, ein enragirter Agitator der antisemitischen Volkspartei, wurde wegen aufreizender Predigten gegen die jüdische Konfession vom hiesigen Gerichtshöfe zu einem Monate Staatsgefängniß und 25 fl. Geldstrafe, im Nichteinbringungsfalle zu weiteren drei Tagen Staatsgefängniß verurtheilt. — Eine interessante Bürgermeisterwahl fand in Gyöngyös statt. An Stelle des bisherigen, vom Amte suspendirten Bürgermeisters Julius Ballog wurde Adolf Deutsch-sDudas) mit großer Majorität zum Bürgermeister gewählt. Bemerkenswerth ist, daß mit Ausnahme von circa 200 Juden und ebenso vielen Bekennern eines anderen christlichen Glaubens, circa 18 000 Bewohner des Ortes Katholiken sind. — In Budapest leben 130 000 Juden, darunter 2 Mitglieder des Herrenhauses, 9 Abgeordnete, 2 Staatsräthe, 2 Richter im Kassationshofe, 230 Advokaten, 298Aerzte, 52 Professoren, 20 Architekten, 45 Ingenieure, 44 Journalisten, 6 Maler, 5 Bildhauer, 5 Komponisten und sehr viele Handwerker verschiedener Gewerke. — Für den Posten eines Rabbiners in Saverne wurde Rabbiner A. Bloch in Sulz gewählt, aber von der Regierung nicht bestätigt. — Staatsrath G.Malvano wurde zum Generaldirektor im auswärtigen Amt unter Marchese Rudini ernannt. — Bei der italienischen Expedition hat sich der Major Kavaliere Achills C o en durch Tapferkeit ausgezeichnet. Er führte das Kommando des 40. Bataillons. — Der bekannte „italienische Rothschild", Baron Franchetti, der Autor der Opern „Asrael" und „Kolumbus", ist mit seiner Karosse in den Brentafluß gestürzt und wurde schwer verletzt nach Padua gebracht. — Der Leiter einer russischen Expedition nach Abyssinien, Kapitän Sviagin, berichtet, daß der Negus Menelik eine hohe Meinung von den Juden hege und daß er lebhaft gegen die Judenverfolgung in Rußland protestirt habe. Dem bekannten Philanthropen, Fabrikbesitzer I. S. Posnanski in Lodz, ist der St. Annen-Orden I. Klasse verliehen worden. — Aus New-Jork wird der „Kreuz-Ztg." geschrieben: Nach Zeitungsmeldungen will der deutsche Reichstagsabgeordnete Ahlwardt, der in einigen Distrikten Brooklyns viele Anhänger gewonnen hat, dort schon in den nächsten Tagen ein antisemitisches Wochenblatt herausgegeben. Sein Mitredakteur ist ein getaufter Jude. — Den braven Ahlwardt betrifft auch eine in den „New Jork Times" abgedruckte Erklärung der amerikanischen Antisemiten-Bereinigung, unterzeichnet von dem Präsidenten I. Hessel und dem Sekretär I. Schwertfeger, beide in Brooklyn. Die betreffende Kundgebung brandmarkt Ahlwardt als einen Blutegel und besagt, daß der Antisemitenapostel seine Propaganda nur betreibe, um so viel Geld wie möglich herauszuschlagen. Druck und Verlag von Rudolf Mosse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Mar Bauchwitz in Berlin.