Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 60 (1896)
- Issue
- Heft 15 (10.4.1896)
- Date
- 1896-04-10
- Page
- Seite 180 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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180 für sein auserwähltes Volk gethaii? Zu Seinem Spielzeug hat er«. Euch auserwählt. Er hat Euch in die Hände des Verderbens geliefert; Ihr seid zum Spott unter den Völkern geworden; die- Anhänger des siegreichen Christus speien in Euer Antlitz. Hier in England ist Euer Loos erträglicher; aber sogar hier eßt Ihr Euer' dürftiges Brod mit Sorge und Mübe. Schlaf kommt selten in Eure Augen, Eure Wohnungen sind ungesunde Höhlen; Eure Kinder siechen dahin, in Kummer und mit Sorge geht Ihr dem Grabe entgegen. Erhebet Euch und werdet freie Menschen! Verschwendet Euer Leben weder für Gott noch für die Menschen. Oder wenn Ihr anbeten wollt, so betet Christus au, deffeu Diener Gold über Euch allsgießen werden. Esset, trinket und seid lustig, beim morgen seid Ihr tobt." Entzücktes Schweigen herrschte noch unter seinen Zuhörern. Ihre Reue, ihr Schrecken war dahin; eine feurige Luftwelle schien ihre Seelell anzufachen, eine berauschende Fluth böser Gedanken brauste durch ihre Herzen. Ihr Geist stand unter dem Eillfluß des verwegenen Sprechers, der jetzt ihren nur lange in ihrem Herzen unterdrückteil Gedanken Worte zu verleihen schien, die nur ihnen voll und klar zum Bewußtsein kamell. Ja, sie waren Narren gewesen; sie wollten sich befreien und den Wein des Lebens schlürfen, ehe Azrael, der Todesengel, den Becher verschüttete. Mosche Grinwitz's melancholische Augen leuchteten in feuriger Zustimmung auf. „Hllsch, elender Gotteslästerer!", stammelte der große Raw Ratschinsky, der allein die Sprache wiedergewann, „der Hüter Israels schläft und schlummert nicht." Der Bucklige drehte sich um und warf einen erkaltenden Blick auf den ehrwürdigen Mann. Dann sagte er lächelnd: „Die Mädchen von England sind schön. Sie sind sogar schöner wie die Weiber von Brody." Der große Raw erblaßte, aber seine Augen leuchteten. Schwach wehrte er ihn mit seinen Armen ab, als ob er eine ihn versuchende Vision zurückdrängeil wollte. „Wir Beide haben uns schon gesprocheil, Rabbi," sagte der Bucklige. „Wir werden uns wieder sprechen — über Weiber, Wein und andere Dinge. Euer Bart ist lang und weiß, aber noch , mancher Tag voll Sonnenschein liegt vor Euch, und die Dunkelheit des Grabes liegt in weiter Ferne." Der Rabbi versuchte zu beten, aber seine Lippen schlossen sich krampfhaft. „Uilheiliger Spötter," stotterte er endlich, „hebe Dich hinweg zu Deiner Arbeit, zu Deinem Weille, zu Deiner Lust, wenn Du den heiligen Sabbath entweihell willst; aber verleite Andere nicht, mit Dir zu sündigen. Hebe Dich hinweg, nnb möge der Heilige — gelobt sei er — Dich erschlagen mit seinen Blitzen." „Der Heilige erschlägt nur Heiliges," erwiederte der zwerghafte Fremde grimmig, die heilige Rolle unter leisem Beifallsgemurmel der Menge rings umherzeigeild. „Sagte ich Euch nicht, daß Ihr nur eine Belustigung und ein Spott für Ihn seit? Ihr versammelt Euch zum Gebet, und die Glllth Eurer Andacht bereitet nur den Weg für seind Pfeile vor. Ihr schiilückt seine Gesetzesrolle mit Glocken und Ketten, und das vergoldete Metall zieht seine Blitze an!" Er schaute rings umher und ein katzeugleicher Glanz des Triumphes zuckte in seinen wundervollen Augen auf, als er die Wirkung seiner Worte bemerkte. Er hielt inne, und wieder herrschte das gespannte, schreckliche Schweigen, von dem lauten, aber schwächer werdenden Geprassel des Regens eindrucksvoll begleitet. Auf seltsame, unerwartete Art wurde es diesinal unterbrochen. „Jisgadal wjiskadaseh, scheine rabbok“, ertönte eine klare, kindliche Stimme aus dem Hintergrund der Synagoge. Ein kleiner Waisenknabe, der Kaddisch sagen mußte, war durch die Hitze Müde geworden und hatte während des ganzen Sturmes geschlafen. Als er nun in dem allgemeinen Schweigen aufwacbte, fühlte er instinktiv, daß die Gemeinde auf ihtt warte, uni das Gebet zu sprechen. Er allein von den männlichen Andächtigen hatte weder den gotteslästernden Buckligen gesehen, noch seine Worte gehört. Des Bluckligen schönes Antlitz verzerrte sich finster, er stampfte mit seinem breiten Klumpfuß auf; das Kind, welches seine Augen fromm geschloffen hatte, hörte keine Unterbrechung und betete weiter. „In der Welt — die Er geschaffen hat ....." „Der Regen hat aufgehört, Brüder," wisperte der Bucklige heiser, und die Worte schienen ihm in der Kehle zu ersticken. „Kommt heraus und ich will Euch sagen, wie Ihre diese Welt genießen könnt, denn ein Jenseits giebt es nicht." Keiner rührte sich. Des Kindes schwache, stammelnde Stimme ertönte ruhig weiter. Der Fremde eilte zur Thür. Dort augekommeu, sah er zurück. Nur Mosche Grinwitz folgte ihm. Er warf dem Kinde die Rolle an den Kopf, aber der Bursche ging gerade die drei Schritte, welche ben Schluß des Gebetes begleiten, zurück. Die Rolle siel gegen die Mauer; der Fremde war fort und mit ihm Mosche Grinwitz. Ein Zittern durchfluthete die ganze Synagoge; die Männer athmeten tief auf, als ob schwerer, schwefliger Dampf aus der Atmosphäre entfernt sei; das Kind nahm mit Anstrengung die hingeworfene Thorarolle auf, küßte sie und reichte sie seinem Nachbar der sie ehrerbietig in die heilige Lade stellte; ein blendender Sonnenstrahl durchleuchtete das Zimmer und verwandelte den flimmernden Staub in goldene Schäfte himmlischer Struktur; der Kantor und die Gemeinde fuhren in dem unterbrochenen Gebet fort, als ob die vorangegangene Episode nur ein Traum gewesen sei. Sie sprachen weder, noch wunderten sie sich; auch der Rabbi spielte nicht darauf an bei der herrlichen Ermahnung, welche dem Gottesdienst folgte, nur am Schluß erinnerte er sie daran, daß sie ani folgenden Tag einen großen Fasttag begehen müßten. Aber von nnu an scheuten sie Mosche Grinwitz wie einen Aussätzigen; denn sein Anblick erinnerte sie an seinen Begleiter, den Gotteslästerer, den Atheismus- und Sozialismusverkündiger', der sich hinterlistig in ihre Reihen eingeschlichen hätte, nachdem er ihren Mitbruder vorläufig verdorben und verwirrt hatte; und der Gedanke an den seltsamen Buckligen erregte prickelnd ihr Blut und erfüllte ihr Gehirn mit wilden Phantasien und kühnen Gedanken. Die Kunde von dem Unglück veranlaßte einige wohlthätige Männer, eine neue Gesetzesrolle anzuschaffen, und noch ehe das Einweihungsfest für dieselbe friedlich verlaufen war, erloschen die einst so lebhaften Bilder der stürmischen und unangenehmen Szene zu Schatten in dem Herzen der Männer, für welche synagogale Debatten und synagogale Schlägereien nichts Unangenehmes und Seltsames waren. (Fortsetzung folgt.) ßrirflmltcn der Redaktion. H. L. Leider fehlt es uns in nächster Zeit an Raum. H. M. in M. Am Besten, Sie wenden sich vertrauensvoll an den dortigen Stadtrabbiner. Druck und Verlag von Rudolf Mofse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion. Max Bauchwitz in Berlin.