Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 60 (1896)
- Issue
- Heft 15 (10.4.1896)
- Date
- 1896-04-10
- Page
- Seite 179 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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179 ab, zeigte die goldene Kette, die Hand und die Glocken, die durch den Blitz zusammengeschmolzen waren. „Ich verletzte dich nicht; Gott verletzte dich," sagte er, sich an die Rolle wendend. Mit schneller Handbewegung zog er den Mantel ab und zeigte das geschwärzte und unkenntlich gewordene Pergament. Einige stöhnten; andere verharrten in erschrecktem Schweigen. Der materielle Verlust, verbunden mit der Offenbarung des göttlichen Grimmes, überwältigte sie. „Du hast nun keine Seele mehr, wider mich zu kämpfen!" fuhr Mosche Grinwitz höhnisch fort. „Seht," fügte er plötzlich hinzu, „der Blitz ist zur Hölle zurttckgefahren!" Die Männer neben ihn: erschauerten und sahen auf den Fleck zur Erde nieder, auf welchen er das äußerste Ende der Thorarolle lehnte. Das Holz war verkohlt, und ein kleines Loch zeigte den Weg an, den der elektrische Strom genommen. Als sie in düsterem Schweigen daraufstarrten, ertönte lautes Wehklagen hinter dem Vorhang. Die bösen, bedeutungsvollen Nachrichten von der Zerstörung des „Sepher Thora" hatten die Frauen erreicht, und ihre orientalischen Naturen fanden Erleichterung in überreichlichen Wehklagen. „Riecht doch, riecht doch," rief Mosche Grinwitz, indem er die schweflige Luft mit wahrem Entzücken einsog. „Wehe, wehe," klagten die Weiber. „Wehe ist über uns gekommen!" „Seid ruhig, Ihr Alle!" donnerte der Maggid, der sich schnell erholte. „Seid ruhig, Weiber! Hört auf meine Worte. Das ist die Rache des Himmels für Euere Vergehen, die Ihr in England begangen habt. Seit Ihr Euer Vaterland verlassen habt, habt Ihr Euer Judenthum vergessen. Viele unter Euch in dieser Synagoge rasiren die Ecken ihrer Bärte; viele von Euch Frauen lösen den Sabbath - Teig nicht ab. Höret zu! Morgen soll ein Fasttag für Euch Alle sein. Und Du, Mosche Grinwitz, bensch' Gaumel — dank dem Ewig Einigen, gelobt sei Er, daß er Dein Leben errettet." „Ich nicht," sagte Mosche Grinwitz. „Ihr schwatzt Unsinn. Wenn der Allheilige, gelobt sei Er. mein Leben errettet hat, so war Er es, der es bedrohte. Mein Leben wäre nicht in Gefahr gewesen, wenn er sich nicht hineingemischt hätte!" Von dem bis dahin so respektablen und frommen Mosche Grinwitz derartige Gotteslästerungen zu hören, überwältigte seine Zuhörer. Aber nur für einen Augenblick. Aus hundert Kehlen erscholl der wüthende Ruf: „Epikauros! Epikauros!" Und zwischen hindurch in dem wachsenden Tumult erklang es: „Sein ist die Sünde! Werft ihn hinaus! Er ist Jonah! Er ist der Sünder!" Die Andächtigen drängten sich nah und näher zu ihm heran, und drohende Gesichter umringten ihn von allen Seiten. Einige mit hitzigem Temperament liefen von ihren Plätzen fort. „Mosche Grinwitz," rief der große Raw, und seine Stimme übertönte das Getöse, „seid Ihr verrückt geworden?" „Heut zum ersten Mal bin ich gesund," erwiederte der Mann, dessen Stirn von Trotz verdunkelt wurde, dessen große, gewöhnlich etwas gebeugte Gestalt sich hoch aufrichtete, dessen enge Brust sich weitete, der seinen Kopf stolz zurückwarf, so daß der etwas schäbige hohe Hut, den er trug, halb von seinem Schädel rutschte. Mosche Grinwitz' Gesicht mit seiner blassen Hautfarbe, seinen melancholischen dunklen Augen, seiner Adler-Nase, seinen Hängelocken und seinem vollen fleischigen Mund, der von einem Wald schwarzen Bartes und Schnurrbartes fast verdeckt wurde, war sonst immer seltsam anziehend; aber jetzt mit dem geisterhaften Ausdruck war es fast gespenstisch. „Jetzt sehe ich ein, daß die Anarchisten und Atheisten Recht haben, und daß wir uns quälen und uns das Herz ausreißen, um eine Thora zu lesen, welche der Allwissende, wenn es Einen giebt, selbst verächtlich ansieht und uns vor die Füße wirft! Wißt Ihr was, Brüder? Laßt uns Alle in den Sozialisten - Klub gehen und unsere Cigarren rauchen. Sonst seid Ihr verrückt!" Als er diese unheiligen Worte äußerte, erhellte wieder ein Blitzstrahl die angebrochene Dämmerung; das Gebäude erbebte in seinen Grundfesten, der Sturm schlug schwer gegen die Fenster. Aus der Frauen- Abtheilung ertönten leise Schreckensrufe: „Allerbarmer, habe Mitleid! Verg'ieb uns unsere Sünden! Das Ende der Welt ist da!" Aber von den Sitzen der Männer erscholl, wie das Geheul des Tigers, ein unzusammenhängender Schrei, und von allen Seiten stürzten sich erregte Gestalten auf den Gotteslästerer. Aber Mosche Grinwitz lachte toll und wild nnf, wirbelte die heilige Rolle um sein Haupt und stieß die Andrängenden heftig zurück. Doch ein muskulöser Litthauer ergriff das Ende der Rolle, andere zogen mit daran und entrissen sie ihm. Er kämpfte wüthend, als ob er Sehnen von Stahl hätte, und seine erzürnten Gegner, mit blutenden, geschwollenen Gesichtern, vergaßen, daß sie ihn nur Hinaustreiben wollten, und waren im Begriff, ihm ein Unglück zuznfügen. Noch ein Augenblick und der Mann war verloren; da zischte eine Stimme, die Alle, nur Mosche Grinwitz nicht, obgleich sie dicht an seinem Ohr ertönte, erschreckte: „So, ist das die Art und Weise, wie die Mitglieder der Gemeinde „Liebe und Barmherzigkeit" ihren Sabbath feiern? Mich dünkt, gerade so gut fcmuten sie im Sozialisten-Klub Cigarren rauchen. Was sagt Ihr dazu, Brüder?" Diese schneidenden und an und für sich wohlverdienten Worte wurdeil in unbeschreiblich spöttischem Ton geäußert, nicht bitter, sondern als ob er mit der Freude über ihre Thorheit liebäugelte. Unwillkürlich wandten alle ihre Allgen auf den Sprecher. Wer war er? Woher kam er, dieser rothaarige Bucklige in seinem schwarzen Mantel und Pelzkappe, mit der gigantischen Marmorstirn, den kalten, scharfen Stahlaugen, die den Beschauer au- und abstießen? Keiner erinnerte sich, ihn eintreten gesehen zu haben, keiner neben oder bei ihm gesessen zu haben. Er gehörte weder zu ihrer Gemeinde noch zu ihrer Brüderschaft, noch zu irgend einem ihres Handels. Und doch erloschen die wilden Ausrufe auf ihren Lippen, als sie ihn ansahen, ihre drohend erhobenen Fäuste fielen herab, und eine Welle ungewisser Erinnerung durchfluthete all' die Männer in der Synagoge. Da war nicht einer, der nicht glaubte, ihn zu kennen; da war nicht einer, der nicht glaubte, sagen zu können, wer er sei, oder wann und wo er ihn schon gesehen hätte. Sogar der große Rav Ratschinsky, der kaum vor vierzehn Tagen den Fuß auf englischen Boden gesetzt hatte, hatte eine schattenhafte Erinnerung au ihn; und seine runzlige Stirn faltete sich noch tiefer bei dem Versuch, sich genauer darauf zu besinnen. Tiefes und plötzliches Schweigen herrschte in der Synagoge; sogar das Schluchzen der Frauen hörte auf. Nur das Heulen des Sturmes, das unaufhörliche Rauschen des Regens dauerte fort. Draußen pulsierte das geschäftige Londoner Leben, drinnen in der kleinen Synagoge herrschte Geheimniß und namenloses Grauen. Der höhnisch lächelnde Bucklige nahm die heilige Rolle aus den kraftlosen Händen des Litthauers und schwang sie wie in Verzückung. „Verworfene!" rief er. „Der heilige Name wird selbst durch die Elemente verspottet! Dafür also plackt Ihr Euch ab, dafür schwitzt Ihr, speichert Ihr Gold auf, um Seine Worte fein auf auserwähltem Pergament einzuschreiben; und dann lacht Er über Eure Mühe und Eure Opfer. Höret nicht mehr auf Ihn; überlaßt Euch am siebenten Tage nicht der Ruhe, wenn Euer Gott an demselben mit seinen Blitzen arbeitet. Brütet liidjt länger über altmodischen staubigen und öden Papieren. Erhebt Euch wider Ihn und Sein Gesetz, denn Er lacht über Eure Thorheiten. Er und seine Engel lachen über Euch, der Himmel jauchzt über Eure Narrheiten. Was hat Er seit Jahrhunderten der Angst und des Martyriums